23. November 2019

Politische und mediale Lage der Nation Der Dummheit müde

Wir werden unsere Kräfte noch brauchen

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock Beim Lesen der Nachrichten: Der Dummheit müde

Der Meister und der Schüler waren unterwegs. Später am Tag wollten sie eine Gruppe weiterer Schüler treffen. Die Straße führte an Feldern entlang. Zur einen Seite schloss sich an die Felder bald das Meer an, zur anderen Seite hin begann schon der Fuß des Berges. Es geschah zwischen zwei Gedanken, als der eine Gedanke ausdiskutiert war und der zweite noch besprochen werden würde, da gähnte der Schüler einmal, unterdrückte mit Mühe das zweite Gähnen, und er sagte: „Verzeiht, ich bin ein wenig müde.“ – „Keine Zeit zu verlieren!“, sagte der Meister. Der Schüler beschleunigte seinen Schritt, der Meister aber blieb stehen und wiederholte: „Keine Zeit zu verlieren.“ Der Meister setzte sich auf den Boden, an den Rand des Weges, neben einen Baum, und er sagte zum Schüler: „Lass uns ein wenig ausruhen.“ Der Schüler war wirklich müde gewesen, und so schliefen sie am Rand des Feldes gleich neben dem Weg ein, an einen Baum gelehnt.

Die beiden hatten kaum eine Stunde geruht, da kamen zwei Feuerwehrmänner vorbei. Damals war es die Aufgabe der Feuerwehr, die öffentliche Ordnung herzustellen. Zwei Männer, die am Wegesrand schliefen, das ging gegen die richtige Ordnung. Was, wenn alle so etwas taten? „He, ihr da“, rief einer der Feuerwehrleute und stieß dabei den Schüler mit dem Griff der Feuerwehr-Axt, „he, ihr beiden, wacht auf! Dies ist nicht der Ort, um zu schlafen!“ Der Meister lächelte. Er öffnete ein Auge und dann das andere. Er stand auf, und er sagte einige Höflichkeiten, damit die Feuerwehrmänner weiterzogen. „Das war ein erfrischender Schlaf!“, sagte der Meister. Der Schüler rieb sich die Augen, und er fragte: „Wart ihr auch so müde gewesen?“ Der Meister antwortete: „Noch nicht, nein. Aber wir haben beide etwas Schlaf gebraucht!“

In dieser Nacht saß der Meister noch bis in die Morgenstunden mit den anderen Schülern zusammen. Man lachte und man sprach. Zur Erklärung des kurzen Schlafes am Rande des Feldes sagte der Meister: „Alle Menschen wissen, dass sie Schlaf brauchen, auch wenn manche von uns zu wenig schlafen. Wir wissen auch, dass Schlaf gefährlich sein kann, wenn man eine Gelegenheit oder eine Gefahr verschläft. Gefährlicher aber als Schlaf ist die Müdigkeit! Die Müdigkeit ist eine Lügnerin. Der Müde meint, wach zu sein, doch er ist es nicht wirklich. Die Müdigkeit ist ein Nebel, ein dunkler Nebel, der sich um uns legt, und wehe dem, der durch den Nebel geht und vergisst, dass er durch einen Nebel geht. Ein Müder und ein Betrunkener lallen beide, doch ein Betrunkener lallt Wahrheiten, die Müdigkeit aber lallt dir Lügen zu. Seid wach oder schlaft, und wenn ihr genug geschlafen habt, dann wacht wieder auf, immer aber hütet euch vor der Müdigkeit!“

Risse in der Blasenhaut

Ich lese die Nachrichten, und eine bleierne Müdigkeit kriecht mir erst in den Verstand und dann in die Seele und manifestiert sich dann in den Gliedmaßen, den Fingern, ja sogar den Zehen. Ich lese die Nachrichten, und meine Zehen werden müde!

Sahra Wagenknecht von der umbenannten SED, so lese ich heute, soll aktuell die „beliebteste Politikerin“ Deutschlands sein – womit sie die ehemalige FDJ-Sekretärin Angela Merkel ablöst. Auf Platz drei ist natürlich Robert Habeck, der Philosoph, der Journalistinnenherzen schneller schlagen lässt. (Siehe auch zeit.de, 04.06.2019: „Er blickt einen an, als seien Löcher in den Socken das Normalste auf der Welt.“) Apropos Philosophie: Der deutsche Staatsfunk zitiert, ganz im Geist der Zeit, ausgerechnet Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ (ZDF heute, 21.11.2019.) Die erwähnte „Veränderung“ bedeutet praktisch rund 100 Millionen Tote, lähmende Unfreiheit und viel Leid, vor dem auch meine Familie floh. Ich bin dieser Dummheit so müde!

Dass immer mehr Deutsche der Freiheit müde sind (siehe auch wiwo.de, 08.09.2019: „So viel Sozialismus steckt in den Deutschen“) und sich nach Unfreiheit sehnen, das macht mich wiederum müde. Kommunismus als Herbsttrend einer blätterlassenden Republik ist eine Mode, aber nicht die einzige, nach dem Sommer und vor dem Winter kommen ja stets die Stürme und der Regen, der uns die warme Sonne, die eben noch unsere Haut wärmte, vergessen lässt.

In der linken Filterblase arbeitet man in letzter Zeit immer härter, die Risse in der Blasenhaut zu kitten, die Realität dringt dennoch ein, doch einige Tapfere kämpfen weiter. „Die Stigmatisierung wirkt“, schreiben sie bei zeit.de (19.11.2019), und sie rufen offen dazu auf, Andersdenkende zu ächten. Der Deutschlandfunk schwafelt von „rechten Hass-Kampagnen“ – und bezieht sich dabei zur „Einordnung“ ausgerechnet auf einen linken Journalisten, für den „Arschlöcher“ für Andersdenkende eher Standardvokabular zu sein scheint (deutschlandfunk.de, 21.11.2019). Es ist dumm und gefährlich, was diese Leute tun, doch sie selbst finden sich „gut“ und „moralisch“ – einst machte es mich wütend, doch all der Hass und die Spalterei, die die „Wir sind mehr“-Fraktion übers Land bringt, sie machen mich vor allem eines: müde, sehr müde.

Kritiker und Oppositionelle, Anders- und Selbstdenkende, jeder, der abweicht, wurde und wird im totalitären Zeitgeist ein „Nazi“ genannt. Doch wie sieht die Praxis der

„Guten“ aus? Am Ende gewinnt immer die Realität, wer also wird diese Debatte gewinnen? Nun, vor kurzem erklärten 90 Leute, die nach Angaben von sueddeutsche.de (03.10.2019) „Prominente“ sind, ihre Unterstützung für Extinction Rebellion. Deren prominenter Mitgründer Roger Hallam nannte den Holocaust „just another fuckery in human history“, „nur ein weiterer Scheiß in der Menschheitsgeschichte“ (zeit.de, 20.11.2019) – was dann sogar in linken Kreisen für Irritation sorgte. Bemerkenswert, dass es weit weniger aufstieß, als derselbe Herr zuvor die Demokratie zur Disposition stellte, wenn diese seine „moralischen“ Ziele nicht schnell genug umsetzt (spiegel.de, 13.09.2019: „Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant“) – dass das die Herrschaften von hoher Moral und Haltung auffallend wenig störte, das wiederum passt zum neuen, sozialistischen Zeitgeist.

Ich bin dieser Tage weniger wütend, als ich es von mir selbst erwarten würde – und die Lage wird nicht besser!

Gemein und gefährlich

Eine selbstgewählte Dummheit wabert wie giftiger, klebriger Nebel über Deutschland, doch es macht mich nicht mehr wütend – es macht mich müde. Zu viel Dummheit macht müde. Deutsche Debatte macht müde – und das ist ein Problem –‍, und manche sagen, es sei die bewusste Taktik gewisser Eliten, uns alle zu ermüden, bis wir hinnehmen, wogegen wir einst protestiert hätten. Das also ist Deutschlands Lage: Die einen schlafen, die anderen sind müde, so richtig wach ist keiner.

Ich halte Müdigkeit für gefährlicher als Schlaf. Ein Autofahrer kann sich auf den Rastplatz stellen, und dort schläft er für ein paar Stündchen im Wagen, und dann fährt er hoffentlich wach‍(er) weiter. Ein müder Autofahrer dagegen ist im Autoverkehr gefährlich. Selbst diejenigen von uns, die nicht den süßen Lügen der Guten und Gerechten glauben, werden müde. Müdigkeit ist eine Lügnerin. Müdigkeit ist gefährlich, gemein und gefährlich.

Um wie viel mehr!

Als der Schüler ihm sagt, dass er müde ist, beschließt der Meister, dass sie sofort ein wenig schlafen sollen. Mit Müdigkeit ist nicht zu spaßen! Was aber soll ein ganzes Land tun, wenn es müde geworden ist?

Ich wage es, einen alten politischen Aufruf abzuwandeln: Frage nicht, wie dein Land die Müdigkeit loswird, frage zuerst dich selbst, wie du Herr deiner Müdigkeit wirst! Wenn ihr müde seid, gesteht euch eure Müdigkeit ein. Wisst, was euer Innenhof ist und was eure relevanten Strukturen – und dann schützt und ordnet beides. Kein Mensch hat die Kraft, immer nur zu kämpfen, immer nur zu protestieren. Selbst

Soldaten im Krieg schlafen auch mal und werden auch mal nach Hause geschickt, um sich zu erholen – um wie viel mehr hast auch du dir eine Zeit der Ruhe verdient! Die Welt wird in einem Jahr und in einem Jahrzehnt noch immer existieren, und wenn Sie und ich dann noch am Leben sind, dann werden wir auch dann noch darum kämpfen und ringen können (und wollen), eben diese Welt besser zu machen – doch das heißt nicht, dass wir immerzu und jeden Tag kämpfen müssen!

Die Müdigkeit ist eine Lügnerin (und eine miserable Autofahrerin dazu). Gönnt euch Ruhe. Sammelt eure Kräfte. Morgen ist auch noch ein Tag, und nächstes Jahr noch ein Jahr. Ich habe das Gefühl, dass wir unsere Kräfte noch brauchen werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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