23. Oktober 2019

Werbekampagne des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und Hilfsorganisationen Die verlogene Botschaft der deutschen Entwicklungshilfe

Die vermeintlichen Helfer profitieren von der Vermarktung der Armut

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Schafft keine Arbeitsplätze: Entwicklungshilfe

Am 17. Oktober 2019 haben das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Hilfsorganisationen und Prominente in Berlin eine Werbekampagne gestartet. Für mich klingt es danach, dass die Wirkungslosigkeit und die Kritik von Afrikanern, dem Bonner Aufruf und anderen (wie Asfa-Wossen Asserate) nun die Akteure der Entwicklungshilfe zur Selbstrechtfertigung unter dem Slogan „Die deutsche Entwicklungsarbeit wirkt“ nötigt.

Dass Entwicklungshilfeminister Gerd Müller sich stets medienwirksam inszeniert, ist bekannt. Aber dass er Jan Josef Liefers, Til Schweiger, Peter Maffay und Eckart von Hirschhausen für eine solch verlogene Botschaft einspannen kann, ist schon bemerkenswert. Für die Kampagne haben die Werbeagentur Lutz Meyer & Company („Wir schaffen Relevanz für Themen, Risiken, Erfolge und Absender, um die öffentliche Meinung zu verändern“) und die Firma Kobalt Productions den Zuschlag erhalten. Für die Lobbyfilme, die von Mitte Oktober bis Mitte Dezember (in der Advents- und Weihnachtszeit sind die Deutschen besonders spendenfreudig) den Medien angeboten werden sollen, werden 75 Prozent vom BMZ finanziert, 25 Prozent steuern die Hilfsorganisationen bei. Die Gesamtkosten für den Steuerzahler sind nicht bekannt. Entwicklungshelfer, die von der Hilfe leben, haben kein Interesse daran, sich überflüssig zu machen. Entwicklungshilfe ist zu einem Geschäft geworden, und die Bereitschaft der Organisationen, sich auf absehbare Zeit abzuschaffen, ist sehr gering. Deshalb stößt man bei der bisher erreichten Entwicklung durch unsere Hilfe in Afrika, je nach Interessenlage, auf erhebliche Wahrnehmungsunterschiede.

Die eigentlichen Absichten der Helfer

James Shikwati, kenianischer Ökonom und Fellow der deutschen Robert Bosch Academy: „Die Hilfe subventioniert indirekt schlechte Politik. Die Konflikte dort werden im Grunde von den Eliten verursacht, die sich um das Geld aus dem Westen streiten.“ Seriöse Helfer haben sich ohnehin längst von der traditionellen Entwicklungshilfe verabschiedet. Das heißt mehr Zusammenarbeit statt simpler Geschenke. Aber nach Ansicht von James Shikwati verschleiert das immer noch die eigentlichen Absichten der Helfer.

Der geborene Kameruner NJ Ayuk ist erfolgreicher Buchautor und Geschäftsführer der Centurion Law Group, einer panafrikanischen Rechtssozietät mit Sitzen in Südafrika, Ghana, Kamerun, Mauritius und Äquatorialguinea. Das „Forbes“-Magazin bezeichnet ihn als einen der einflussreichsten Menschen der Welt. Dem Afrika-Magazin „Lonam“ gab er im Oktober 2019 ein Interview und äußert sich deutlich über Entwicklungshilfe: „Heute morgen erst las ich einen Artikel über Hilfsgelder. Warum gebt ihr solche Gelder? Hört auf, uns zu ‚helfen‘! Diese Gelder helfen uns nicht, sie machen uns faul, sie halten uns auf. Hier in Deutschland redet ihr darüber, wie man Leute aus der Sozialhilfe herausbekommt. Aber wenn ihr nach Afrika schaut, fragt ihr euch: Wie können wir ihnen mehr Hilfsgelder zukommen lassen? 600 Milliarden Dollar, die Afrika gegeben wurden, haben nicht einen einzigen Arbeitsplatz geschaffen!“

Der Schweizer Journalist Alex Baur schreibt in seinem soeben erschienenen Buch „Der Fluch des Guten“: „Seltsamerweise wird Idealismus stets mit etwas Positivem verbunden, selbst wenn sich herausstellt, dass die Folgen verheerend waren.“ Den Menschen falle es schwer, Irrtümer einzugestehen und die Notbremse zu betätigen. Das hänge vermutlich damit zusammen, dass all die Hilfswerke unser schlechtes Gewissen gewinnbringend bewirtschaften. Die Vermarktung der Armut sei ein Business, von dem die vermeintlichen Helfer selber am meisten profitieren.

Ein gefährliches Suchtmittel und eine Kultur der Abhängigkeit

Die Entwicklungspolitik hat es in den vergangenen Jahrzehnten unter Beweis gestellt, dass sie in der Regel das Gegenteil dessen bewirkt, was sie eigentlich erreichen will. Hilfe ist ein gefährliches Suchtmittel und schafft eine Kultur der Abhängigkeit. Sie fungiert als Ersatz für Steuereinnahmen. Mit dem leichten Zugang zu Entwicklungsgeldern müssen die Regierungen keine effizienten Steuereinnahmen einführen und sind damit ihren Bürgern nicht rechenschaftspflichtig. Afrika wird mit Hilfe überschüttet, die die Zivilgesellschaft auch schwächt.

Man kann sich fragen, ob die Umsetzung politischer Ziele von Bürgern unter internationalem Fördergeld erstickt und die gewachsenen Überlebensstrategien der Einheimischen von Helfern überrannt werden. Ein nachhaltiger Entwicklungsprozess kann nur von innen heraus gestaltet werden. Wir können – auch wenn es die neue Kampagne wieder suggeriert – Afrika nicht von außen retten. Das ist ein Gedanke, der mit der Vorstellung einer eigenverantwortlichen und kreativen Zukunft nichts zu tun hat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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