21. Oktober 2019

Österreichische Bundesschätze Die Tagesgeldalternative außerhalb des Bankensystems

Bankguthaben stellen in der Regel keine zweckmäßige Anleihe dar

von Luis Pazos

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Bildquelle: shutterstock Vollgesogen mit geliehenem Geld: Österreich

Passionierte Tagesgeldhopper älteren Semesters werden sich sicherlich noch mit einem schaurigen Gefühl an den 8. Oktober 2008 und die sich anschließende monatelange Zitterpartie erinnern. Fast genau elf Jahre ist es her, seit die seinerzeit in Deutschland aufgrund ihrer verlockenden Zinsen auf kurzfristige Einlagen beliebte Kaupthing Edge Bank ihre Onlinepforte schloss. Etwa 34.000 deutsche Kunden, die dem hiesigen Ableger der zu diesem Zeitpunkt größten isländischen Bank über 300 Millionen Euro an Einlagen anvertraut hatten, saßen sprichwörtlich vor einem (fast) schwarzen Bildschirm.

Zumindest die deutschen Zinsjäger, die den knapp sechs Prozent pro Jahr auf das Tagesgeld nicht hatten widerstehen können, hatten Glück im Unglück. Sie konnten allesamt aus der Insolvenzmasse befriedigt werden, die Zahlungen erfolgten allerdings erst ab dem 22. Juni 2009. Fast exakt ein Jahr vor dem virtuellen durfte die europäische Öffentlichkeit sogar einen physischen „Bank Run“ im Norden des Kontinents staunend zur Kenntnis nehmen, wo um ihre Guthaben zitternde Kunden vor den Filialen des englischen Instituts Northern Rock Schlange standen. Trotz dieser Umstände sowie der im Zuge der Euro-Krise zutage getretenen Risse im Fundament des europäischen Bankensektors stellen Bankeinlagen mit 40 Prozent des liquiden Vermögens (Stand Ende 2018) des Deutschen liebste Geldanlage dar.

Ein unterschätztes Risiko

In ihrem äußerst lesenswerten Aufsatz „Das unterschätzte Risiko von Bankguthaben“ führen Jonas Schweizer und Gerd Kommer aus, warum Bankguthaben in der Regel keine zweckmäßige Anlage darstellen: „Ökonomisch betrachtet ist ein Bankguthaben ein unbesicherter Kredit vom Einleger (zum Beispiel einem Privathaushalt) an ein Finanzinstitut. Die Betonung liegt auf ‚unbesichert‘. Zudem reicht der Einleger diesen unbesicherten Kredit (das Bankguthaben) an ein hoch verschuldetes Unternehmen aus: die Bank. Der typische Fremdkapitalanteil am Gesamtkapital einer Bank beträgt 92 Prozent.“ – „Die privaten Sicherungssysteme der drei Bankengruppen in Deutschland (Genossenschaftsbanken, öffentliche Banken und private Banken), die deutlich höhere Sicherungsgrenzen haben, bieten im Fall einer systemischen Bankenkrise, wie sie 2008/2009 in Deutschland und zeitgleich in vielen anderen Staaten ausbrach und wie es sie in den letzten 200 Jahren in vielen Ländern oder Regionen mehrfach gegeben hat, keinen hinreichenden Schutz. Dafür sind sie zu klein und schwach.“

Auch darauf, dass Bankenpleiten gar nicht mal so selten vorkommen, weisen die Autoren hin. Allein im Zuge der Weltfinanzkrise wurden sieben Prozent der US-amerikanischen Banken illiquide und in Deutschland zeitgleich beziehungsweise im Nachgang über ein Dutzend Banken abgewickelt, gestützt oder fusioniert. Und selbst die für ihre Solidität gerühmten Schweizer Banken wankten in dieser Phase beträchtlich – obgleich bereits zwischen 1990 und 1995 nach einer lokalen Kreditkrise jede dritte Bank in der Eidgenossenschaft schließen musste. Und auch die eingangs erwähnte Northern Rock war nach Abfluss mehrerer Milliarden Pfund ausgetrocknet und faktisch insolvent. Den anstehenden Zusammenbruch der Bank verhinderte der damalige britische Finanzminister Alistair Darling, der seitens der Regierung eine Garantieerklärung für sämtliche Einlagen abgab, um einen Dominoeffekt zu verhindern. Zwölf Monate später, drei Tage vor dem Kaupthing-Ausfall, kam es übrigens zur legendären, im Kern natürlich nicht ernst gemeinten und technisch auch nicht realisierbaren Garantieerklärung auf Bankeinlagen durch die Bundesregierung: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“

Die risikofreie Liquiditätsreserve

Nun gehört nichtsdestotrotz die Bildung einer Liquiditätsreserve zu den finanziellen Binsenweisheiten beziehungsweise zum Fundament einer jeden geordneten Haushaltsplanung, schließlich gerät jeder Vermögensaufbau ohne schnell und sicher verfügbare Geldmittel rasch zur Makulatur. Mit „sicher“ im Sinne von „risikofrei“, was den Nominalwert einer Geldanlage angeht, folge ich in diesem Kontext der Definition der akademischen Finanzwirtschaft. Demnach zählen hierzu theoretisch schwankungsfreie Sicht- und Sparguthaben, die einer verlässlichen Einlagensicherung unterliegen, sowie kurzlaufende Staatsanleihen hoher Bonität, samt und sonders in der Heimatwährung des Anlegers, um die zum Teil erheblichen Wechselkursschwankungen bei Fremdwährungsanlagen auszuschließen.

Die Liquiditätsreserve dient einerseits dazu, nicht planbare Ausgaben jederzeit bedienen zu können, zum zweiten je nach Art und Höhe der Einkünfte, um finanzielle Engpässe zu überbrücken. Letzteres ist beispielsweise bei Selbständigen mit schwankenden Einnahmen, aber auch (Kapital‑) Rentnern, die zumindest teilweise von volatilen Erträgen wie Dividenden leben, der Fall. In beiden Szenarien verbietet sich der Rückgriff auf das persönliche Risikokapital in Form von Aktien oder anderen schwankungsreichen Anlagen, deren Gegenwert dann, wenn er am dringendsten benötigt wird, gerade im Keller ist – Murphys Gesetz lässt grüßen. Ein dritter Anlass, den Anteil beziehungsweise die Summe sicherer Geldanlagen auszuweiten, sind künftige, in Höhe und Zeit verlässlich kalkulierbare Ausgaben wie beispielsweise der Kauf einer Immobilie oder die (Nach‑) Zahlung von Steuern.

Unabhängig nun von der konkreten Höhe, die sich ohnehin nicht pauschal bestimmen lässt und zudem je nach Lage über die Zeit variieren kann, geht bei der Liquiditätsreserve Sicherheit immer vor Ertrag. Damit versteht sich von selbst, dass sämtliche Hochzinsanlagen ebenso wenig in Frage kommen wie so manche scheinstabile Finanzinnovation. Zu Letzteren zählen beispielsweise P2P-Kredite wie etwa das bisweilen irreführenderweise so genannte „P2P-Tagesgeld“ der baltischen Anbieter Bondora und Mintos. Ohnehin sollten sich Anleger keiner Illusion hingeben und bei der „sicheren“ Geldanlage mit einer real negativen Rendite (Zinssatz für kurzfristige Einlagen abzüglich Inflationsrate) kalkulieren – deshalb ist diese ja auch „risikofrei“. Der stetig an der Kaufkraft knabbernde Verlust sollte dabei als Kosten der steten Zahlungsfähigkeit verbucht werden. Hierbei handelt es sich übrigens um eine historische Konstante.

Toleranzschwelle und Liquiditätspräferenz

Nach Schweizer und Kommer sind für die Liquiditätsreserve Bankguthaben „dann als (nach Steuern, Kosten und Inflation fast immer renditelose) Geldanlage tolerierbar, wenn das betreffende Bankguthaben maximal 100.000 Euro pro Privatperson und Bank beträgt und daher (in der EU) vollumfänglich von der staatlichen Einlagensicherung erfasst und geschützt wird“. Wessen Toleranzschwelle niedriger oder wessen Liquiditätspräferenz höher sein sollte, für den wird die Wahl eng. Neben der Verteilung der Mittel auf zahlreiche Banken könnte die Liquiditätsreserve freilich auch in kurzlaufende (Bundes‑) Anleihen angelegt werden. Vorteil: Das Geld befindet sich außerhalb des Bankensystems. Nachteil: Es fallen Transaktionskosten und Negativzinsen an. Was Letztere angeht, nützt es aktuell noch nicht einmal, auf längere Laufzeiten auszuweichen. Seit Anfang August „rentieren“ erstmals sämtliche Bundesanleihen negativ. Zudem müssen fällig werdende Anleihen laufend ersetzt werden, was den zeitlichen Aufwand der Mittelverwaltung erhöht.

Über Jahrzehnte stand Anlegern als Alternative zum Börsenhandel der Gang zur Deutschen Finanzagentur, ehemals „Bundeswertpapierverwaltung“, davor „Bundesschuldenverwaltung“, offen, wo Schuldverschreibungen der Bundesrepublik Deutschland direkt und kostenfrei erworben werden konnten. Im Jahr 2013 beschloss die Bundesregierung jedoch, das Privatkundengeschäft aufzugeben und die Ausgabe von Bundesschatzbriefen, Finanzierungsschätzen und Tagesgeldanleihen via Finanzagentur aus Kostengründen einzustellen.

Wer seine Liquiditätsreserve (fast) genauso sicher, ständig verfügbar und ganz ohne Negativzinsschwund aufbewahren möchte, kann ins benachbarte Ausland ausweichen. Konkret nach Österreich, wo sich die öffentliche Hand deutlich kleinanlegerfreundlicher gibt als hierzulande. So können Privatpersonen aus der gesamten EU direkt in standardisierte Bundesschätze der Alpenrepublik anlegen. Die Mindestinvestition beträgt 100 Euro, die Laufzeiten variieren zwischen einem Monat und zehn Jahren. Der Zinssatz beträgt derzeit einheitlich 0,00 Prozent, steigt in geldpolitisch normalen Zeiten jedoch mit zunehmender Bindungsfrist.

Das Formular zur Kontoeröffnung kann direkt auf der Seite der Österreichischen Finanzagentur ausgefüllt und muss anschließend ausgedruckt mit einer Ausweiskopie (Führerschein, Personalausweis, Reisepass) gen Wien verschickt werden. Nach Einrichtung und Freischaltung des Kontos gibt es per Post die Zugangsdaten, mit denen es via Internet verwaltet werden kann.

Sofern dem Kontoeröffnungsantrag eine Ansässigkeitsbescheinigung – die gibt es beim örtlichen Finanzamt – beigefügt wird, fällt auch keine österreichische Kapitalertragssteuer an, hierzulande wird auf etwaige Erträge die Abgeltungssteuer fällig, sofern der Sparerpauschbetrag ausgeschöpft wurde. Diese müssen Anleger übrigens selbst deklarieren. Alle gängigen Fragen zum Angebot beantwortet die Finanzagentur auf einer eigens dafür eingerichteten Seite.

Gewitzte Österreicher

De facto handelt es sich bei den österreichischen Bundesschätzen um ein Festgeldangebot, das am kurzen Ende monatlich verfügbar ist. Wird das Geld zum Laufzeitende nicht abgerufen, wird es übrigens für denselben Zeitraum erneut zu den dann geltenden Bedingungen angelegt. Stellt sich die Frage, warum die Republik Österreich das Angebot überhaupt aufrechterhält, schließlich weisen auch nahezu alle österreichischen Bundesanleihen eine negative Verzinsung auf. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um ein kostenneutrales Zugeständnis an „kleine“ Sparer handelt.

Vollgesogen mit geliehenem Geld haben sich die gewitzten Österreicher ohnehin schon. So emittierten sie bereits vor zwei Jahren erstmalig Bundesanleihen mit einer Laufzeit von 100 (!) Jahren, für die fast keine Zinsen fällig werden.

Bleibt abschließend noch die Frage der Bonität zu klären. Die Kreditwürdigkeit Österreichs wird derzeit von S&P mit AA+, von Moody‘s mit Aa1 sowie von Fitch mit AA+ und damit durchweg eine Stufe niedriger als die der Bundesrepublik Deutschland bewertet. Zumindest im Hause S&P rangiert Österreich damit sogar auf einer Stufe mit den USA. Damit liegen sie am oberen Ende des „High grade“, anders ausgedrückt ist ein „Ausfallrisiko so gut wie vernachlässigbar“.

Spätestens seit 2008 sind jedoch die Einschätzungen dieses politisch geförderten Triumvirats, das unter anderem mit amtlichem Segen in vielen Ländern über die Zentralbankfähigkeit von Sicherheiten entscheidet, mit Vorsicht zu genießen. Gerade S&P hat sich hier unrühmlich hervorgetan, nachdem die Agentur drei Tage vor der Lehman-Pleite das A-Rating des Instituts bestätigte.

Trotz des Segens der großen Ratingagenturen und der finanzwirtschaftlichen Einstufung der Bundesschätze als „risikofreie“ Geldanlage bleibt freilich ein Restrisiko in Form eines Schwarzen Schwans. Obwohl: So schwarz, sprich zufällig, ist er auch wieder nicht, wie ein Blick in die Geldgeschichte lehrt. Das musste übrigens auch Island erfahren. Der Bankrott des Inselstaats konnte nach der Pleite der Kaupthing Bank sowie zweier weiterer Kreditinstitute allein durch externe Geldgeber, allen voran der Internationale Währungsfonds (IWF), abgewendet werden. Historisch betrachtet gilt gleichwohl die eiserne Regel: Erst fallen die Banken, dann gegebenenfalls die Staaten.

Gerd Kommer Invest GmbH: „Das unterschätzte Risiko von Bankguthaben“

Österreichische Bundesfinanzierungsagentur: Kontoeröffnungsantrag

Österreichische Bundesfinanzierungsagentur: „Was Sie schon immer über Bundesschätze wissen wollten“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Nur Bares ist Wahres!“.


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