06. August 2019

Die Schiffe „Alan Kurdi“ und „Ocean Viking“ bringen Migranten nach Europa Die einen sagen „Seenotrettung“, die anderen „Fährdienst“

Stürmische Tage in Europa

von Dushan Wegner

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Bildquelle: shutterstock Europäische Kunst: Frühstück im Sturm

Stellen wir uns einen Balkon vor und dazu einen Sturm, der vor unserem Balkon tobt. Sonst erleben wir Stürme ja eher am Abend, nach der Hitze des Tages, doch dieser Sturm, den wir uns vorstellen, dieser Sturm tobt bereits am Morgen – oder, je nach Sichtweise, „wo man herkommt“, am Ende der Nacht.

Wir sitzen am Morgen auf unserem Balkon, und wir frühstücken. Der Regen schüttet, eine graue, nasse Wand, doch unser Balkon ist geschickt gebaut, und wir bleiben trocken.

Ein Blitz schlägt ein und köpft die alte Eiche vor unserem Balkon, der Baum platzt von innen, Flammen züngeln kurz, und dann fällt die Eiche krachend um, doch unser Balkon ist unbeschädigt, unser Frühstück ununterbrochen, und wir köpfen das appetitlich weiche Frühstücksei.

Weitere Blitze schlagen in Häuser ein. Donner grollt. Wir gießen uns eine zweite Schale Kaffee ein, etwas Sahne dazu, und ein Zückerchen – ach, man darf sich doch etwas gönnen, gerade in diesen Zeiten! –‍, heute mal zwei Würfel vom Markenzucker, mit dem feinen Löffel umgerührt.

Einfach so frühstücken, das kann jeder – auf dem Balkon zu frühstücken, halb draußen also, während ganz draußen ein wilder Morgensturm rast und brüllt, das wäre eine ganz eigene Kunst, eine nützliche Kunst.

Vitamine, wegen der Gesundheit

Ein zynisch und instrumentalisierend „Alan Kurdi“ genanntes Schiff hat in Malta angelegt, mit afrikanischen Migranten an Bord – die deutsche Regierung hatte sich dafür starkgemacht –‍, und die 40 Migranten sind an Land gegangen.

Nun „werden alle Migranten auf andere EU-Staaten verteilt. Welche, war zunächst unklar“, so lesen wir in der „Welt“. „Zunächst unklar“?! Ich tippe auf Bulgarien, Rumänien und Ungarn – Zusatzzahl Deutschland.

Das Schiff „fährt sofort wieder aus“. Die „Seenotretter“ mögen nicht „Schlepper“ oder „Schlepperhelfer“ genannt werden – ich weiß nicht, ob es politisch korrekt wäre, wenn Ihnen als Assoziation „Fährdienst“ einfiele (dabei wären Sie nicht der Erste). Und sollte es Ihnen mit der Migration nicht schnell genug gehen, können Sie beruhigt sein: Aktuell bricht ein weiteres Schiff auf, es heißt „Ocean Viking“.

Die Wikinger waren übrigens kriegerische skandinavische Gruppen, die raubend in andere Länder einfielen, wo sie als Verbrecher galten. Die moderne Verklärung von „Wikingern“, selbst die etwa in Norwegen, ist eher phantasiereich. Wie kann man ein Schiff, das die Kunden der Schlepper auf dem Meer aufsammeln soll, um laut mancher Kritik deren Weiterfahrt und illegale Einreise zu bewerkstelligen, nach kriegerischen Räubern benennen? Es wirkt so durchdacht wie alles andere, was diese Leute treiben.

Nun, wie auch immer diese Schiffe heißen – in die Gegenrichtung läuft der Transport nicht immer so glatt. „Tritte, Schläge und Kopfstöße sind an der Tagesordnung“, so berichten Polizisten von Abschiebungen. Und auch vorher soll es gelegentlich Problemchen geben.

Wir sitzen auf unserem gedachten Balkon, beim Frühstück im Sturm, und dann lesen wir Nachrichten, bei denen selbst uns Sturmgestählten der Kaffee in die Nase schießt. Es wird Bayerns Innenminister zitiert: „Jetzt kommen unübersehbar Menschen aus anderen Kulturkreisen zu uns, in deren Heimat die Gewaltlosigkeit, wie wir sie pflegen, noch nicht so selbstverständlich ist.“ (Joachim Herrmann, CSU, bayerischer Innenminister, via bild.de, 05.08.2019.)

Wenn man die Rolle des aussprechenden Herren mit einbezieht, liest sich dieser Satz nahe an einem Schuldeingeständnis: Die Politik lädt Menschen ins Land ein, von denen sie weiß, dass sie gefährlich sind. Dieser Satz könnte so gelesen werden, dass die Politik ihren Amtseid, Schaden vom Volk abzuwenden, wissentlich bricht.

Der Sturm wird wilder. Der Regen peitscht von allen Seiten. Wir gießen uns einen frischgepressten Orangensaft ein, wegen der Vitamine. Wenn das Wetter schlimm ist – oh, schon wieder ein Donner, und jetzt ein Blitz, der grellste bisher! –‍, wenn das Wetter schlimm ist, dann braucht es viele Vitamine, wegen der Gesundheit.

Die Wahrheit der Balkon-Metapher

Metaphern und Gleichnisse sind nützliche Denkwerkzeuge, doch sie sind keine detaillierten Modelle, ihre Aussagekraft stößt schnell an ihre Grenzen. Ich habe Zweifel, ob das Bild vom ruhigen Frühstück auf dem Balkon wirklich eine realistische Möglichkeit darstellt. Und doch, als Bild wirkt es durchaus, es ist emotional und intuitiv, also wird etwas davon beschrieben – nur was?

Wenn man auf seinem Balkon einen Wintergarten installiert hätte, eine Verglasung samt Regenschutz und Isolation, dann könnte man auch im Sturm dort frühstücken, aber dann wäre es ja kein Balkon mehr. Die Balkon-Metapher spricht nicht so sehr von einer realistischen Möglichkeit als vielmehr von einer Sehnsucht. Auf einem echten Balkon wird man kaum im Sturm frühstücken. Die Wahrheit der Balkon-Metapher liegt in der Tatsache, dass es attraktiv und zugleich unrealistisch ist.

Ich verstünde mich gern auf die Kunst, meine innere Ruhe zu finden, wenn um mich her der Sturm des Irrsinns tobt. Ich würde gern lernen, wie man es anstellt, in aller Seelenruhe auf dem Balkon seine Haferflocken zu löffeln, während die Blitze in die Nachbarschaft einschlagen. Noch habe ich es nicht gelernt, noch arbeite ich an mir, noch liege ich zu viele Nächte wach und sorge mich um Dinge, an denen ich wenig ändern kann – an denen ich nichts ändern kann.

Von Beginn an stürmisch

Ich habe in der Metapher vom Frühstück auf dem Balkon den Sturm bewusst auf den Morgen gelegt. Wir stehen – ob wir wollen oder nicht – am Beginn einer neuen Epoche. Rätselhafte Mächte, deren Motivation ich nicht verstehe, drängen darauf, dass der Westen seine Grenzen öffnet, ohne Rücksicht auf Leid, Ungerechtigkeit und wahrscheinliche Folgen. Die Eliten verkriechen sich selbst hinter hohen Mauern und Zäunen, hinter Bodyguards und in Panzerlimousinen, während sie unbeirrt die postdemokratisch-entgrenzte Welt vorantreiben. Es ist der Morgen einer neuen Epoche, und diese Epoche ist von Beginn an stürmisch und bedrohlich.

Manche Menschen fragen sich und mich, was man denn tun kann, was man tun soll, und aus mehreren Gründen antworte ich stets: Ordne deine Kreise! Gehe in dich und bestimme, was deine „relevanten Strukturen“ sind. Ich schließe mich jener Weisheit an, die besagt, jede Veränderung beginne mit einem selbst.

Meine Leser unterscheiden sich von manchem diesbezüglichen T-Shirt-Träger darin, dass sie es ernst meinen – mancher schreibt mir, wie er seine relevanten Strukturen in den letzten Jahren und Monaten neu bestimmt und seine Kreise geordnet hat – und zu viele sagen dazu, dass sie kaum eine andere Wahl hatten.

Kaffee und Butterbrot

Ja, ich glaube an die Wichtigkeit, mit der inneren Veränderung zu beginnen. Seit ich solche Texte schreibe, rief mich mancher auf, ich solle endlich politisch Partei ergreifen – ich lehnte stets ab –‍, andere wiederum (vor allem linke Zaungäste) warfen mir vor, ich würde genau das tun, doch sie sahen und sehen nicht, dass mir die Wähler und ihre Hoffnungen alles bedeuten – doch die Parteien auch weiterhin erfrischend wenig.

Weit mehr als das (vermeintliche) Niederringen eines Gegners interessiert mich, wie ich, wie wir uns selbst derart ordnen, dass wir selbst nicht am Wahnsinn wahnsinnig werden.

Ich sage nicht, dass wir nicht kämpfen sollen, sondern dass wir klug kämpfen sollen, dass wir dort kämpfen sollen, wo wir eine Chance haben, und dass die erste Schlacht, die auch ich zu schlagen habe, die innere Schlacht ist. Wir werden den Wahnsinn nicht besiegen, wenn wir selbst dran wahnsinnig werden.

Lasst uns, bescheiden und doch zäh, darum ringen, klüger zu werden, obwohl und weil die Welt dümmer zu werden scheint. Je wilder die Welt wird, desto ruhiger will ich werden. Je böser die Guten vorgehen, desto mehr Mühe will ich dabei aufwenden, meine Kreise zu ordnen.

Sucht euch euren sicheren Balkon, auf dem ihr euer Butterbrot schmiert. Sucht den sicheren Ausblick, wo ihr euren Kaffee schlürft und den Blitzen zuschaut, wie sie die alten Eichen spalten. Sucht euren Innenhof.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.


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