26. Juli 2019

Christopher Street Day Misopornie ist die neue Homophobie

Toleranz ist keine Einbahnstraße

von Phil Mehrens

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Bildquelle: Flying Master / Shutterstock.com Morgen in Berlin: Christopher Street Day

Es ist Hochsommer, und es gibt wieder viel Grund zur Freude für alle sexuell Verwirrten: Am heutigen 26. Juli startet die letzte Staffel von „Orange Is the New Black“, der Propagandaserie um eine bisexuelle Gefängnisinsassin. Und morgen findet in Berlin der diesjährige Christopher-Street-Day-Umzug statt. Hauptgegner des bunten Stoßtrupps sind auch dieses Jahr wieder die sogenannten „Homophoben“ in der Gesellschaft. Aber die gibt es gar nicht. Eine Klarstellung.

Im Frühjahr 2014 schrieb ein Redakteur der „Welt“ für das Online-Portal der Zeitung einen sarkastischen Kommentar zu der am Vortag ausgestrahlten Ausgabe der Talk-Sendung „Menschen bei Maischberger“ zum Thema Homosexualität und Familie. Er schrieb: „Homophobie hat mittlerweile dem Antisemitismus als schlimmste ideologische Sünde den Rang streitig gemacht.“ Und er zitierte aus einem früheren Interview seines Blattes mit dem Philosophen Robert Spaemann dessen Aussage: „Das Natürliche ist auch moralisches Maß für die Beurteilung von Defekten. Nehmen Sie die Homo­sexualität: Die Abwesenheit der sexuellen Anziehungs­kraft des anderen Geschlechts, auf dem die Fortexistenz der menschlichen Gattung beruht, ist ein solcher Defekt. Aristoteles nennt das einen Fehler der Natur.“ Die Provokation gipfelte in dem ironischen Schlusssatz: „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so.“

Wenig später hatte der Beitrag auf der „Welt“-Webseite 37.000 „Gefällt mir“-Zustimmungsklicks eingefahren. Allerdings gab es auch aggressive und obszöne Reaktionen. Ein Redakteur der links­extremen „taz“ veröffentlichte den Satz: „Es müsste sich nur ein Geschlechts­genosse erbarmen und den Mann mal ordentlich rannehmen. So ganz im Sinne der Natur.“ Der Angefeindete fasst die weniger wohl­wollenden Reaktionen auf seinen kritischen Diskussions­beitrag wie folgt zusammen: „Hass und Vernich­tungswut und Mordaufrufe“. Davon sei er vor allem deshalb so überrascht gewesen, schreibt er in seiner Nachlese der Vorfälle, weil er Homosexuelle, aus deren Kreisen offensichtlich viele Reaktionen gekommen waren, als „eher sanft und mitfühlend“ eingeschätzt hatte. Was ist da schiefgelaufen?

Die Reaktionen belegen dreierlei: Erstens, es gibt Hassbotschaften, deren Herkunft man bisher in der öffentlichen Darstellung weitgehend unterschlagen hat, weil sie der installierten Denkrichtung im Wege stehen, wonach Hass vornehmlich von rechten Zirkeln ausgeht. Zweitens, wer sich selbst als „homophob“ zu erkennen gibt, zieht ebensolchen Hass auf sich. Drittens, viele Menschen nutzen die Anonymität des Internets, um auszudrücken, dass sie mit der Stigmatisierung ihrer Haltung als „homophob“ nicht besonders glücklich sind und gerne trotz des Stigmas an ihrer Meinung festhalten möchten. Und das ist in einer pluralen Gesellschaft auch völlig legitim.

Aber was bedeutet eigentlich der Begriff „Homophobie“, und woher kommt er? Das Wort ist relativ jung. Vor 20 Jahren fand es sich noch in keinem Duden. Es wurde im Umfeld der GLTB-Aktivisten und der mit ihrem Anliegen sympathisierenden Politiker und Medienschaffenden geprägt und erlebte einen kometenhaften Aufstieg. „Homophobie“ ist Ergebnis eines sogenannten „Framings“. „Framing“ nennt man die Installation eines Begriffs mit einer bestimmten negativen oder positiven Konnotation, dem „Rahmen“, in dem der Begriff wahrgenommen wird, wenn er irgendwo fällt. Die Erfinder des Framings wissen: Allein dadurch, dass ich ein bestimmtes Wort und mit ihm ein bestimmtes Gefühl – denn Menschen treffen Entscheidungen weit weniger auf der Grundlage rationaler Argumente als auf der von Gefühl­simpulsen – im gesellschaftlichen Diskurs durchsetzen kann, verschaffe ich mir einen argumentativen Vorsprung. Wenn es einmal gelungen ist, einen negativ besetzten Begriff im gesellschaftlichen Diskurs zu verankern, kann eine Diskussion zu dem von ihm berührten Thema kaum noch offen geführt werden. Meister des Framings sind seit jeher totalitäre und faschistoide Regime. Es waren die Nationalsozialisten, die mit Begriffen wie „Wehrkraftzersetzung“ oder „Bolschewist“ dem Denken der Deutschen eine klare Richtung vorgaben. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war ein klassischer Framing-Begriff „Defätismus“. Mit ihm wurde Kritik am Krieg zum unerwünschten Diskursbeitrag gestempelt. Framing ist ein Instrument der Propaganda.

Obwohl Deutschland ein liberaler Rechtsstaat ist und keine Diktatur, tut man sich hierzulande mit einer ergebnisoffenen Debatte über Sinn und Nutzen gelebter Homo­sexualität schwer, weil das links­liberale Establishment, also diejenigen Kreise in der Gesell­schaft, die jenseits der Berufs­politik im Besitz der entschei­denden meinungs­bildenden Instru­mente sind, durch das erfolgreich durchgeführte „Homophobie“-Framing ein Klima geschaffen haben, in dem Menschen, die aus ästhetischen, religiösen, allgemein ethischen oder welchen Gründen auch immer die Gleich­setzung von homo- und hetero­sexuellen Partner­schaften ablehnen, dies nicht mehr offen aussprechen können.

Matthias Matussek, der Autor der eingangs erwähnten „Homophobie“-Glosse, hat natürlich einen taktischen Fehler begangen, indem er sich auf einen „geframten“ Begriff einließ. Es wäre sicher ehrenwert gewesen, wenn ein überzeugter Kommunist sich zu der Zeit, als Joseph Goebbels Deutschlands Chef-„Framer“ war, mit einem hitlerkritischen Kommentar zu Wort gemeldet und diesen mit den Worten: „Ich bin wohl ein Bolschewist. Und das ist auch gut so!“ hätte enden lassen. Aber Wetten darauf, dass er anschließend noch genauso viele Freunde haben würde wie vor der Veröffentlichung, hätte er wohl nicht abgeschlossen. Und dass die Schlussbemerkung ironisch gemeint sein sollte, hätte daran auch nichts geändert. Ironie verfängt nur bei Anhängern und so gut wie nie bei Gegnern der eigenen Sache.

Erfolg verspricht in derart aussichtsloser Lage nur noch ein Gegenframing: Wem es gelingt, einen adäquaten Gegen­begriff in die Kampfarena der Worte zu hieven, ein Wort, das beim Hörer oder Leser ganz andere Emotionen hervorruft, verbessert seine Chancen im Meinungswettbewerb beträchtlich. Ein Alternativbegriff zu „Homophobie“ ist aber, unabhängig von Framing-Interessen, noch aus einem ganz anderen Grund dringend erforderlich: weil die Wort­schöpfung „homophob“ in jeder nur erdenklichen Weise missglückt ist. Denn erstens geht es hier nicht um Angst (griechisch „phóbos“) und zweitens insbesondere nicht um Angst vor dem, was dem Sprach­verwender gleicht (griechisch „hómoios“). Dass es die Vokabel trotz ihrer morphosemantischen Invalidität so weit gebracht hat, wird man, ohne irgendwem persönlich zu nahe treten zu wollen, auf die vergleichs­weise dürftigen intellektuellen Fähigkeiten der Framer zurückzuführen haben. Das Wort„homophob“ ist nämlich eine unakademische und unre­flektierte Analogie­bildung zu „xenophob“ („Angst vor Fremdem“). Was die Menschen, die das Unwort „homophob“ benutzen, eigentlich sagen wollen, würde morpho­semantisch korrekter das Adjektiv „misoporn“ mit dem dazu passenden Substantiv „Misopornie“ ausdrücken. Die griechische Vorsilbe „miso‑“, bekannt aus „misogyn“ („frauen­feindlich“), stammt von dem griechischen Verb „miso“ („ich verabscheue“) ab, und „porneía“ bezeichnet unzüchtige sexuelle Handlungen, darunter praktizierte Homo­sexualität, wie sie etwa in Platons „Symposium“ oder im Römerbrief des Paulus beschrieben werden, in Texten aus jenen fernen Zeiten also, denen wir die griechischen Morpheme verdanken, um die es hier geht. Vom griechischen „adókimos“ („untauglich“, „verwerflich“, wörtlich: „einer Prüfung nicht stand­haltend“), von Paulus im Römerbrief verwendet, wäre analog der Terminus „Misadokimie“ abzuleiten. Er würde eine Ablehnung zum Ausdruck bringen, die darauf beruht, dass die gleichgeschlechtliche Verbindung „untauglich“ ist, auf natürlichem Wege Nachwuchs hervorzu­bringen. Egal für welchen Begriff man sich entscheidet, beide beschreiben das Gefühl, um das es hier geht, wesentlich präziser als die missver­ständliche Wort­kreation „Homophobie“, weil das Motiv für die Ablehnung von Homo­sexualität erstens eher Abscheu als Furcht ist und weil diese Ablehnung oder Abneigung sich zweitens – was noch viel wichtiger ist – auf ein Verhalten bezieht und nicht auf eine Person (den vermeintlichen „Homo“). Damit hat sich auch der Vorwurf der Diskrimi­nierung erledigt. Im Sinne des Grund­gesetzes diskriminiert werden können schließlich nur Personen, nicht ein bestimmtes Verhalten. Dass „Misopornie“ den strittigen Sachverhalt besser beschreibt, ist auch daraus zu ersehen, dass es Personen gibt, die zwar homosexuell empfinden, diese Neigung aber nicht ausleben möchten, weil sie das daraus resultierende Sexual­verhalten aus zumeist sehr persönlichen Gründen, für die sie niemandem Rechenschaft schuldig sind, selbst ablehnen. Diese Personen diskriminieren sich nicht selbst, und sie haben auch keine Angst vor sich selbst (was ja auch ziemlich paradox wäre), sondern sie empfinden Abscheu oder Widerwillen gegenüber abwegigem Sexual­verhalten. Sie sind nicht homophob, sie sind misoporn.

Ein liberaler Rechtsstaat kann nicht wollen, dass Menschen für ihre ästhetischen, sittlichen oder religiösen Überzeugungen gegängelt werden. Deshalb muss unsere Gesellschaft Toleranz neu lernen, als universale Toleranz, eine Toleranz, die keine Ausnahmen kennt, solange es nur um Meinungen geht. Es sollte sich daher jeder vor dem Gebrauch eines Begriffs wie „geistiger Brandstifter“ darüber klar werden, dass er mit dieser Wortwahl den Versuch unternimmt, eine Teilmenge der vom Pluralismus gewünschten Vielfalt der Diskursbeiträge zu kriminalisieren. Ein solcher Mangel an Respekt gegenüber unbequemen Ansichten sollte den Führern totalitärer Systeme vorbehalten bleiben und die Prüfung, ob tatsächlich ein Delikt vorliegt, unabhängigen Gerichten. Misopornie hinnehmen zu müssen, das wird manchem – und mit hoher Wahrscheinlichkeit jedem Teilnehmer einer der Paraden am Wochenende – wehtun, weil sie seinem persönlichen Werte­katalog widerspricht. Doch unterhalb dieser Schmerzgrenze ist eine liberale und plurale Gesellschaft nicht zu haben. Was wäre die Alternative? Eine Gedankenpolizei nach dem Vorbild von George Orwells Big Brother? Eine Tugendkontrolle nach dem Muster des Pariser Wohlfahrts­ausschusses anno 1793? Muss demnächst vor einem Hohen Wächterrat erscheinen, wer Spaemann liest?

Toleranz tut immer weh, denn toleriert (geduldet, ertragen) wird nicht, was ich von Natur aus gut und richtig finde, sondern was ich von Natur aus schlecht und falsch finde. Denkverbote und Meinungssperrzäune indes passen nicht zu einer Gesellschaft, die sich Glaubens‑, Gewissens- und Meinungsfreiheit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Der Vorwurf der Diskriminierung ist am Platz, wo Menschen eine tatsächliche, durch kein Sachargument begründbare Benachteiligung erleiden. Er darf aber nicht zur Installation eines neuen, illiberalen Tugendbegriffs missbraucht werden, der unter veränderten Vorzeichen neu erschafft, was er abzuschaffen angetreten ist: die Diskriminierung Andersdenkender. Jakobinischer Tugendeifer, der mit dem Anspruch auftritt, alle Bundesbürger zu diversitätskonformen Birkenstocksandalenträgern umzuerziehen, deren Hauptanliegen die Ausmerzung von Misopornie und Rollenklischees ist, verträgt sich nicht mit der Freiheit, auf der unsere Demokratie fußt. Gerade wer für Pluralismus und Toleranz auf die Straße geht, sollte das wissen und Buntheit nicht zum Dogma einer neuen Intoleranz erheben. Toleranz funktioniert nur mit Gegenverkehr und nicht als Einbahnstraße. Aber das kann schon mal aus dem Blickfeld geraten, wenn die Straßen deutscher Innenstädte gekapert und zu „Christopher Streets“ umdeklariert worden sind.


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