25. Juli 2019

Dokumentation: Die Zeitschrift „Krautzone“ soll „verfassungswidrige Symbolik“ von ihrer Titelseite entfernen Die Sache mit dem Kiosk

Die Höhe des wirtschaftlichen Schadens ist noch unklar

von Redaktion eigentümlich frei

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Bildquelle: shutterstock Pressefreiheit in Deutschland: Verpixeln reicht nicht

Die Zeitschrift „Krautzone“ gibt es jetzt am Kiosk. Zumindest an manchen Kiosken. Vor knapp zwei Jahren gründeten Hannes Plenge und Florian Müller das libertär-konservative Magazin. Nach zehn „normalen“ Ausgaben sollte die elfte Ausgabe auch an Kiosken verkauft werden. Ganz reibungslos lief der Schritt allerdings nicht ab.

Ein Titel für den Bahnhofsbuchhandel muss provozieren, plakativ sein, Aufmerksamkeit erregen. So auch das geplante Cover. Die „Krautzone“-Zeichnerin „Erik Enterich“ adaptierte ein Wahlplakat der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) – einer linksliberalen Partei der 1920er Jahre, die sich als eine der letzten verbliebenen Parteien gegen die Republikgegner und Extremisten wendete. So auch auf ihrem Wahlplakat im Jahr 1928, von dem jede heutige Partei sich eine Scheibe abschneiden sollte. Ein deutscher Recke hält mit einem schwarz-rot-goldenen Schild stand und fegt die Extremismen der Weimarer Republik vom angegriffenen und zersetzten Deutschland (Link unter dem Artikel). Man reinigt das Reich von asozialem Gewürm, den Roten und den Braunen. Und wie zu erwarten war, machte sich die DDP als eine der letzten liberalen Parteien viele Feinde auf beiden Seiten.

Wie auch immer man zu den Positionen der (links‑) liberalen Partei steht: Das Wahlplakat ist künstlerisch herausragend, wie so viele hochwertige Plakate der Weimarer Zeit. Also fing Erik Enterich an, zu zeichnen, passte den deutschen Recken – jetzt mit Eichelkranz – an und löste die Ostgebiete ab. Die Krautzonianer streiten sich zwar regelmäßig über Ost- oder Mitteldeutschland, betreiben aber keinen aktiven Revanchismus. Ohnehin sehen sie statt großdeutscher Träumereien weitaus drängendere Probleme, nämlich die neuen Extremismen: In der „Krautzone“-Fassung des Wahlplakats verdrängt der Krieger den Islamismus, den Sozialismus, die Antifa, die Gendergaga-Fraktion und eben auch die echten Nazis, in Form von Hakenkreuzen. Soweit das Statement für die erste Kioskausgabe. Patriotisch, konservativ, libertär und gegen Extremismen, Kollektivismen und Zwang.

2.000 Exemplare ließ die Zeitschrift an den Grossisten liefern, 500 für den Versandhandel in die Redaktion. Das Geld war bereits im Voraus gezahlt, die Zeit wurde immer knapper. Der Termin für die Auslieferung an die Kioske musste eingehalten werden. Nach circa zwei Tagen erhielt die „Krautzone“ eine Mail von ihrer Druckerei: „Bitte entfernen Sie die verfassungswidrige Symbolik in Ihrem Produkt.“ Ansonsten weigere sich die Druckerei, in die Produktion zu gehen. Die Krautzonianer wollten der Druckerei klarmachen, dass sie sich gegen den Nationalsozialismus stellen und ihr Cover nicht verunstalten wollten. Die Vervielfältigung von Hakenkreuzen ist in Deutschland gestattet, wenn man gewisse Regeln einhält (historische Aufklärung, Bildung, kulturelle Gründe und ähnliches). Und man darf die dahinterstehende Ideologie nicht unterstützen. Nach zwei Tagen – mittlerweile kristallisierte sich heraus, dass die Deadline nicht mehr einzuhalten war – dann ein Lebenszeichen aus der Druckerei. Es könne nicht einwandfrei festgestellt werden, dass die „Krautzone“-Redaktion sich vom Nationalsozialismus distanziere. Die Sozialadäquanzformel müsse auf „eine ordentliche juristische Begründung geprüft werden“, so die verfassungstreue Druckerei. Das würde dauern.

Mittlerweile vermuteten bereits einige der Krautzonianer eine geplante Aktion der Druckerei. Was interessiert eine Druckerei, was sie druckt? Die juristische Haftbarkeit liegt schließlich beim Verleger. Aufgrund von Zeitmangel lenkte die Redaktion kurzfristig ein, und Florian Müller durfte mit Photoshop rumspielen (im Nachhinein betrachtet die „Krautzone“-Redaktion das als Fehler) und verpixelte die Hakenkreuze. Der Layouter war zu dieser Zeit bereits im wohlverdienten Urlaub. Und endlich: Die Druckerei druckte.

Das leicht verunstaltete Cover war mit 59 anderen Seiten auf dem Weg zum Grossisten. Und von da aus ins ganze Land. Der Vertrieb startete am 19. Juli. So zumindest der Plan.

Nach wenigen Stunden bekam der Vertriebspartner der „Krautzone“ das Schreiben einer Anwaltskanzlei. Diese Kanzlei riet allen beteiligten Verkäufern davon ab, die „Krautzone“ zu vertreiben, da sich keine eindeutige Distanz zum Nationalsozialismus erkennen lasse. Tatsächlich waren die Hakenkreuze für die Juristen nicht verpixelt genug. Weder der Vertriebspartner noch die „Krautzone“ wusste, was das für den Verkauf bedeutet. Zuerst meinte der Vertriebspartner, dass vielleicht einige den Verkauf der „Krautzone“ einstellen würden, dass man sich aber keine Sorgen machen solle. Nach und nach trudelten aber immer mehr E-Mails von Verkaufsstellen ein, die sich weigerten, die „Krautzone“ zu führen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Macher der „Krautzone“ keine Ahnung, wer überhaupt diese Anwaltskanzlei ist. Der Grossist klärte sie schließlich auf, dass der „Bundesverband Deutscher Grossisten“ – ein Quasimonopolverband – alle in den Verkauf gebrachten Presseerzeugnisse überprüft. Anschließend könne jene Anwaltskanzlei einen Verkaufsstopp aussprechen – oder eben eine Empfehlung verschicken. Zum jetzigen Zeitpunkt geht die Redaktion der „Krautzone“ davon aus, dass alle Kioske – die den Verkauf vorher vertraglich zugesichert haben – ein Warnschreiben oder eine Warn-E-Mail erhalten haben dahingehend, dass die „Krautzone“ möglicherweise gegen geltendes Recht verstößt.

Die Selbstzensur über das Pixeltool hatte nicht ausgereicht, wieder griff Paragraph 86 Strafgesetzbuch. Die gleiche Schikane wie schon durch die Druckerei, aber die Argumentation der Kanzlei war „genialer“. Man warf der „Krautzone“ vor: dass sie im Editorial schreibt, dass unser Land den Bach runtergeht und sich die moralisch Besseren an ihren Taten ergötzen; dass sie einen „deutschen Krieger mit Eichelkranz“ auf dem Umschlag abbildet; dass dem Titelblatt nicht in „eindeutiger Hinsicht Wertungen zu entnehmen sind, die geeignet wären, eine kritische Haltung zu den verwendeten Hakenkreuzen festzustellen“. Daher lasse sich nicht eindeutig festmachen, dass sich das Magazin vom Nationalsozialismus distanziere...

Zusammengefasst bedeutet das: Wer schreibt, dass sein Land den Bach runtergeht, distanziert sich nicht eindeutig vom Nationalsozialismus. Wer einen deutschen Krieger mit Eichelkranz zeichnet, distanziert sich nicht vom Nationalsozialismus. Wer Hakenkreuze (die zu 80 Prozent verpixelt sind) wegdrängt, distanziert sich nicht eindeutig vom Nationalsozialismus.

Nach dieser Argumentation bedeutet das im Rückschluss, dass sich die „Krautzone“ nicht vom Islamismus, der Antifa, dem Sozialismus und den Gendergaga-Leuten distanziert. Diese Symbole befinden sich 0,3 Zentimeter neben dem Hakenkreuz und werden ebenfalls weggedrängt. Mittlerweile gehen auch die gemäßigteren Stimmen der Krautzonianer davon aus, dass ihnen irgendwer (Sozialisten) Böses will und eine junge Zeitschrift direkt zum Markteintritt schädigen möchte. Aber das ist bislang Spekulation. Wer der „Krautzone“ trotzdem nicht über den Weg traut, hier noch ein paar handfeste Beweise, dass sie wirklich „nazi“ ist: Ein Interview mit Werner Bräuninger über Claus Schenk Graf von Stauffenberg, den bekanntesten Hitler-Unterstützer aller Zeiten. Ein riesiger Artikel über Ayn Rand und ihre nationalsozialistische Philosophie. Zudem war sie eine der bekanntesten Nazi-Juden. Einen Artikel über Friedrich Schiller, den bekanntesten Freiheitsnazi, noch bevor es Nazis gab. Eine Verteidigung des Liberalismus, der sozusagen deckungsgleich mit dem Nationalsozialismus war und faschistoide Züge aufweist. Eine Rezension über den Schriftsteller Haruki Murakami, den japanischen Protonazi. Diese Reihe kann fast endlos fortgeführt werden.

Wie auch immer: Zum jetzigen Zeitpunkt weiß die Zeitschrift nicht, wie groß der Schaden durch die „Empfehlung“ der Anwaltskanzlei ausgefallen ist. Auch ihre Vertriebspartner, die dadurch gleichsam wirtschaftlichen Schaden erlitten haben, haben noch keine genaueren Informationen.

Interview mit Florian Müller auf „Unblogd“

Das „Krautzone“-Cover (unzensiert)

Das Wahlplakat der DDP von 1928


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