15. Juli 2019

Das ZDF beruft sich auf eine fragwürdige Studie zur Erderwärmung Mit Rechentricks zur Klimalypse

Was wird mit Klimamodellen wie berechnet?

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Modelle zum Klimawandel: Computer, sprich mit mir!

Es gibt einen markanten Unterschied zwischen dem, was öffentlich-rechtliche Sender in ihren Fernsehprogrammen verbreiten, und dem, was man zum Beispiel auf Facebook lesen kann. Letzteres zielt auf junge Leser, ist in der Regel suggestiv und dient fast ausschließlich dazu, vorhandene politisch korrekte Inhalte zu verbreiten. Journalisten, die hinterfragen, kritisch hinterfragen, die sich überlegen, warum angeblich ein Konsens zwischen Wissenschaftlern über etwas bestehen soll, das von mathematischen Modellen für die Zukunft vorhergesagt wird und das mit einer entsprechenden Unsicherheit verbunden ist, gibt es – offenkundig – nicht. Würde man Klimatologen fragen, wann der Vesuv das nächste Mal ausbricht, sie würden passen, denn kein mathematisches Modell kann dies mit Sicherheit vorhersagen. Alles, was wir sagen können, ist, dass der Vesuv, gemessen an historischen Daten, überfällig ist.

Indes haben dieselben Klimatologen kein Problem damit, die Zukunft für den Planeten als Ganzes und auf die Kommastelle genau vorherzusagen. Im Jahr 2050 wird die Temperatur der Erde um im Durchschnitt 2,5 Grad Celsius wärmer sein. Das sagt RCP 4.5, eines der Klimamodelle des IPCC voraus. RCP – „Representative Concentration Pathways“ – ist ein Klimamodell aus einer Reihe von Klimamodellen. RCP 2.6, RCP 6 und RCP 8.5 sind die anderen drei Klimamodelle. Je nachdem, wie sehr man seine Leser erschrecken will, trifft man eine Wahl zwischen den Modellen, die zum Beispiel für 2050 Temperatursteigerungen von 1,7 Grad Celsius (RCP 2.6), 2,5 Grad Celsius (RCP 6) beziehungsweise drei Grad Celsius (RCP 8.5) vorhersagen.

Egal welches Modell man wählt, es ist immer mit der Annahme verbunden, dass die Temperatur des Planeten vornehmlich durch die Konzentration von Kohlendioxid neben anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre bestimmt wird, eine Annahme, die bekanntlich viele Wissenschaftler nicht teilen. Dessen ungeachtet wird mit RCPs herummodelliert, wobei sich die Annahmen, die im Hinblick auf die zukünftigen Kohlendioxidkonzentrationen gemacht werden, zwischen den Modellen unterscheiden. Das liegt an weiteren Annahmen, die gemacht werden, im Hinblick auf die Entwicklung des Bevölkerungswachstums (und den damit verbundenen Ausstoß von unter anderem Kohlendioxid), die Entwicklung des wirtschaftlichen Wachstums (und den damit verbundenen Ausstoß von unter anderem Kohlendioxid), die Entwicklung des Energieverbrauchs (und den damit verbundenen Ausstoß von unter anderem Kohlendioxid) sowie die Entwicklung des Ressourcenverbrauchs und der Flächenversiegelung (und den damit verbundenen Effekt auf den Ausstoß von unter anderem Kohlendioxid).

Alle vier RCP-Modelle machen unterschiedliche Annahmen darüber, wie sich die genannten Variablen in Zukunft entwickeln, und kommen entsprechend zu einer anderen Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre und – davon ausgehend – zu jeweils einem anderen Temperaturanstieg. Dass es in den RCP-Modellen zu einem Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur kommt, ist gesetzt, sie unterscheiden sich lediglich im Ausmaß des Anstiegs, der vorhergesagt wird und zwischen 1,7 Grad Celsius und drei Grad Celsius global für das Jahr 2050 liegt.

Es gilt festzuhalten, dass man durch die Verwendung eines RCPs die Prämisse übernimmt, dass es überhaupt einen menschengemachten Klimawandel, der im Wesentlichen durch Kohlendioxid herbeigeführt wird, gibt. Wissenschaftler sollten eigentlich keine Prämissen unhinterfragt übernehmen. Es sollte zu ihrem Ethos gehören und ist eigentlich das, was Wissenschaft ausmacht, derartige Prämissen zu hinterfragen, zu prüfen. Insbesondere dann, wenn sich in der Vergangenheit gezeigt hat, dass die Vorhersagen der Klimamodelle nicht nur falsch, sondern granatenmäßig falsch waren. Dann gäbe es viel Grund, sich um die Akkuratheit, die Validität, die Reliabilität der Modelle zu sorgen, die Prämisse zu hinterfragen, sie nicht einfach zu übernehmen.

Und damit kommen wir zum neuerlichen Versuch des ZDF, vornehmlich jüngere Leser zu indoktrinieren und auf die offenkundig beim Sender vorhandene Agenda einzuschwören: „Die Metropolen der Welt müssen sich einer Studie zufolge auf eine drastische Erwärmung des Stadtklimas einstellen. Städte in den nördlichen Breitengraden werden die dramatischsten Veränderungen erleben. In Europa werden die Sommer um 3,5 Grad wärmer, im Winter um 4,7 Grad.“

Die Studie, die hier als Studie der ETH Zürich verkauft wird, findet sich unter dem Titel „Understanding climate change from a global analysis of city analogues“ auf „Plos One“. Erstellt wurde die Studie von dem Autorenrudel, das sich aus Jean-Francois Bastin, Emily Clark, Thomas Elliott, Simon Hart, Johan van den Hoogen, Iris Hordijk, Hazohi Ma, Sabiha Majumber, Gabriele Manoli, Julia Maschler, Lidong Mo, Devin Routh, Kailiang Yu, Constantin M. Zohner und Thomas W. Crowther zusammensetzt.

Es hat mich immer fasziniert, wie man einen knapp acht Textseiten langen Text mit 15 Autoren zuwege bringt. Vielleicht muss man sich die Erstellung als eine Art kollektives Brainstorming vorstellen. Es würde die Ergebnisse erklären.

Die 15 aus dem Autorenrudel sind keine Wissenschaftler im Sinne des Wortes, sie sind Missionare, sie haben eine Mission, die sie gleich im ersten Satz in Worte fassen: „Die Bekämpfung des Klimawandels erfordert ein vereintes Vorgehen durch alle Gesellschaftsbereiche.“ – „Die Kluft zwischen der wissenschaftlichen und der öffentlichen Auffassung vom Klimawandel, ‚Konsenskluft‘ (‚Consensus Gap‘) genannt, wird größtenteils auf Fehler bei der Kommunikation im Zusammenhang mit dem Klimawandel zurückgeführt.“

Ob die Autoren verschweigen, dass die „wissenschaftliche Auffassung“ keineswegs einheitlich ist, sondern im Gegenteil die Anzahl der Kritiker an der absurden Idee eines menschengemachten Klimawandels stetig wächst, oder ob diese Kritik in ihrem Echozimmer bislang nicht angekommen ist, ist insofern belanglos, als angebliche Forschung, die damit beginnt, ein Dogma zu verkünden und auf dessen Grundlage das Ziel zu verfolgen, Ungläubige in der Bevölkerung zum richtigen Glauben zu bekehren, nicht einmal mit sehr viel gutem Willen und viel Phantasie noch in die Nähe von Wissenschaft gerückt werden kann.

Was das Autorenrudel seinen Lesern ganz offen und gleich zu Beginn des eigenen Werkes mitteilt, ist vielmehr, dass es nach einer Möglichkeit gesucht hat, den „Menschen“, also uns ungläubigen Deppen, die schwer vorstellbare Erwärmung um zwei Grad zu visualisieren und dass sie diese Möglichkeit in Städten gefunden haben.

Fassen wir kurz zusammen, was die 15 Klimaalarmisten in ihrem Werk veranstalten: Sie wählen ein Klimamodell des IPCC, nämlich RPC 4.5, bezeichnen dieses Model als „moderates Modell“, weil es bis 2050 nur eine Erwärmung um rund 2,5 Grad Celsius annimmt, werfen eine ganze Reihe weiterer Variablen, die sie für 520 Städte zusammengesammelt haben, in eine Faktorenanalyse, lassen den Computer rechnen und freuen sich dann, dass hinten herauskommt, was sie vorne mit ihren Annahmen sichergestellt haben, dass es herauskommt: eine Erwärmung. Heureka! Es ist immer schön, wenn man es als vermeintlicher Wissenschaftler schafft, eine Gleichung, die eine Erhöhung der Temperatur zum Ergebnis hat, so aufzulösen, dass sie eine Erhöhung der Temperatur zum Ergebnis hat.

Die Langversion dessen, was die Helden aus Zürich hier als Forschung verkaufen wollen, geht wie folgt. Für 520 Städte, die entweder Hauptstadt sind oder mehr als eine Million Einwohner haben, derzeit, nicht in Zukunft, haben die 15 Autoren eine Reihe weiterer Variablen zusammengetragen, 19 an der Zahl. Warum gerade 19? Niemand weiß es. Wofür die 19 stehen, in welcher Weise die 19 Variablen das „Stadtklima“ abzubilden vermögen, niemand weiß es. Was man als Leser weiß, ist, dass sich unter den 19 Variablen unter anderem die folgenden finden: die höchste Temperatur im wärmsten Monat, die durchschnittliche Jahrestemperatur, der durchschnittliche Niederschlag pro Jahr, die geringste Temperatur im kältesten Monat, der durchschnittliche Niederschlag im trockensten Monat, der durchschnittliche Niederschlag im feuchtesten Monat, und so weiter. Welche Relevanz diese Variablen für das Klima einer Stadt, für das Klima der 520 Städte, die im Sample vorhanden sind, haben, wir wissen es nicht, und die 15 des Autorenrudels scheinen es auch nicht zu wissen, sonst hätten sie es sicher irgendwo auf den wenigen Textseiten vermerkt. Die 19 Variablen für die 520 Städte sind zu viele, als dass sie von den Autoren einzeln zu handhaben wären, also werden sie von ihnen in eine Faktorenanalyse geworfen, das mehrfaktorielle Ergebnis reduzieren die 15 hoffentlich Fachkundigen und hoffentlich für Faktoren mit einem Eigenwert von mehr als eins auf vier Faktoren, die sie mit Sinn füllen können. 85 Prozent der Gesamtvarianz sind nun noch übrig.

Diese 85 Prozent Varianz sind insofern wichtig, als sie die Grundlage für die Unterschiede zwischen heutigem London und morgigem London oder heutigem Seattle und morgigem Seattle darstellen. Die Faktorenanalyse ist wichtig, weil die vier Faktoren die Grundlage bilden, auf der mit Hilfe euklidischer Distanzen Städte nach Ähnlichkeit gruppiert werden. Wir haben somit Städte, die nach Ähnlichkeit und in Abhängigkeit von 19 Variablen, die Ergebnisse des Klimas (Niederschlag, Temperatur und so weiter) enthalten, angeordnet sind. Und jetzt kommt das, was unter Insidern als „Computer, speak to me“ („Computer, sprich mit mir“) bekannt ist: das Modell. Im vorliegenden Fall kommt RCP 4.5, das eine durchschnittliche Temperatursteigerung von 2,5 Grad Celsius für den gesamten Planeten bis 2050 vorhersagt, zum Einsatz (wie hoch der mit dieser Prognose verbundene Vorhersagefehler ist, das ist eine Information, die wie gewöhnlich nicht gegeben wird, die fast unterschlagen wird). Mit den 19 Variablen für Klimaereignisse, die auf vier Faktoren gruppiert wurden, ist sichergestellt, dass sich die 520 Städte im Hinblick auf das RCP-Modell unterscheiden, es wäre blöd, wenn man berichten müsste, dass alle 520 Städte sich um 2,5 Grad Celsius erwärmen, ergo wird eine Feedback-Schleife in das Modell eingebaut, die unter der Annahme einer globalen Erwärmung um 2,5 Grad Celsius berechnet, wie sich die 19 Variablen über die vier berechneten Faktoren auf die jeweilige Konstellation in den einzelnen Städten auswirken. Und siehe da: Sie wirken sich unterschiedlich aus, Temperatursteigerungen von 3,5 Grad Celsius und 4,7 Grad Celsius können die Modell-Hexer damit für die europäischen Städte im Modell (welche und wie viele das sind, verraten sie freilich nicht) vorweisen.

Die Temperatursteigerungen werden dann als durchschnittliche Temperatursteigerung für Europa verkauft, und die Ergebnisse, die auf gerade einmal 520 Städten basieren, werden kurzerhand zu Ergebnissen „aller Metropolen“ ernannt, und weil alle Städte, das war die Annahme, sich bis 2050 erwärmen und sich die Erwärmung auf Niederschlag und Temperatur auswirkt, das ist eine Zwangsläufigkeit, deshalb kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die betrachteten Städte wärmer und zuweilen nässer, zuweilen auch trockener werden.

Ein Triumph entweder der Fähigkeit, sich selbst vorzumachen, man habe ein Ergebnis gefunden, das man nicht durch seine Annahmen bereits determiniert hätte, oder ein Triumph der Fähigkeit, anderen, vor allem den Allesgläubigen, soweit es die eigene Agenda stützt, im ZDF einen Instantkaffee verkauft zu haben, der sich dann nach Anrühren als Instantkaffee entpuppt.

Wenn das die neue Art der Kommunikation ist, mit der Klimaalarmisten der wachsenden Zahl derer, die den Klima-Hokuspokus bezweifeln, dessen Korrektheit vermitteln wollen, dann können wir nur feststellen, dass diese Kommunikation gescheitert ist und sich bestenfalls dazu eignet, diejenigen, die jeden Stuss glauben, wenn er ideologisch passt und man ihnen erzählt, er sei „wissenschaftlich belegt“, in ihrem Wahn zu bestärken.

Facebook-Seite von „ZDF heute“: „Klima ändert sich in 77 Prozent der Metropolen bis 2050“

„PLOS ONE“: Bastin et al., „Understanding climate change from a global analysis of city analogues“ (Englisch)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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