10. Juli 2019

Protest gegen AfD-Portal „Blick nach links“ Die Steigerung von Scheinheiligkeit und Bigotterie heißt Amadeu-Antonio-Stiftung

Es gibt solche und solche Projekte

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock Mal gut, mal böse: Pranger

Doppelte Standards: Standards werden so variiert, dass man selbst immer das bessere Ende für sich hat. Ein Heuchler, so heißt es, sei ein Autor, der ein Buch über Atheismus schreibt und dann dafür betet, dass es ein Bestseller wird. Heuchelei, die Heuchelei, ist weiblich (im grammatischen Geschlecht) und bei dem zu finden, der A predigt und B tut. Bigotterie, abermals: Die Bigotterie ist ein übertriebener Glaubenseifer, bei dem die Scheinheiligkeit zur Normalität erklärt wurde. Von doppelten Standards zur Bigotterie steigern sich Unanständigkeit und Unaufrichtigkeit.

Und dann kommen wir bei der Amadeu-Antonio-Stiftung an, die sich auf Twitter über ein Portal der AfD erregt, das „Blick nach links“ benannt ist. Dort heißt es: „Autos werden angezündet, Menschen zusammengeschlagen, ganze Straßenzüge zerstört; es kommt zu Morddrohungen gegen Politiker. Seit Jahren terrorisieren Linke fast ungehindert die deutsche Öffentlichkeit. Auf der Straße treibt die sogenannte ‚Antifa‘ ihr Unwesen, in den Parlamenten sitzen linke Mehrheiten und bestimmen das Schicksal der Menschen in der Bundesrepublik. Der ‚Blick nach links‘ informiert über die linke Ideologie, über Akteure und die Folgen ihres Tuns, über die Netzwerke und Geldgeber.“

Unter dem, was hier beschrieben wird, kann man bei der Amadeu-Antonio-Stiftung nur ein „Hetzportal“, einen Pranger für „kritische Journalisten“ sehen, die eingeschüchtert werden sollen, ein Aufruf zur „Denunziation von Journalisten“, wie der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) zitiert wird. Das ist dieselbe Amadeu-Antonio-Stiftung, die noch vor kurzer Zeit einen Pranger eingerichtet hatte, „Neue-Rechte-Wiki“ genannt, dessen Ziel darin bestand, Akteure der Neuen Rechten und deren Netzwerke aufzuzeigen. Im Gegensatz zum Projekt der AfD fehlte bei der Amadeu-Antonio-Stiftung jedes Einschlusskriterium, das die Aufnahme in das Wiki anleiten könnte, oder, wie ich damals geschrieben habe: „Dass das Neue-Rechte-Wiki der Amadeu-Antonio-Stiftung allein der Denunziation von Menschen dient, die aus Sicht der Amadeu-Antonianer nicht die richtige Gesinnung mitbringen, zeigt sich schon daran, dass es keinerlei Kriterien gibt, nach denen ein Eintrag in das Wiki erfolgt. Warum zum Beispiel ‚Akif Pirinçci, Alexander Gauland, André F. Lichtschlag, André Poggenburg, Andreas Lichert, Armin Mohler, Beatrix von Storch, Bernhard Grabert, Birgit Kelle, Björn Höcke, Carlo Clemens, Caspar von Schrenck-Notzing, Christine Dietrich, Conny Axel Meier, Dieter Stein, Dirk Jährling, Ellen Kositza, Erik Lehnert, Ernst Nolte, Felix Krautkrämer, Felix Menzel, Gabriele Kuby, Götz Kubitschek, Günter Scholdt, Hans-Thomas Tillschneider, Jean Raspail, Johannes Schüller, Julius Evola, Jürgen Elsässer, Karl Albrecht Schachtschneider‘ als Neue Rechte geführt und damit in die Nähe von Mördern und Attentätern gerückt werden, niemand weiß es. Vermutlich hat einem der jungen Menschen von 16 bis 25 Jahren, die sich von der Amadeu-Antonio-Stiftung missbrauchen lassen, nicht gefallen, was Karl Albrecht Schachtschneider über die EU zu sagen weiß, vielleicht mögen sie die Katzenkrimis von Akif Pirinçci nicht oder den Blog von Jürgen Elsässer. Vielleicht ist ihnen beim Lesen von eigentümlich frei etwas aufgestoßen, oder sie mögen Ernst Nolte nicht. Wie dem auch sei, die Gründe dafür, dass eine der genannten Personen in das Neue-Rechte-Wiki aufgenommen wurde und suggeriert wird, die entsprechende Person befürworte Morde und Attentate, wenn sie nicht gar daran beteiligt ist, sie werden nicht genannt.“

Aber die Assoziation mit Mord und Pogrom wird in der Beschreibung des Neue-Rechte-Wiki nahegelegt, damit auch kein Zweifel aufkommt, was man von den Genannten zu halten hat. „Der Begriff ‚Neue Rechte‘ wird erstmalig ab dem Ende der 1960er Jahre von Rechtsextremen genutzt. Sie beschrieben damit vordergründig intellektuelle und parteipolitische Gruppierungen. Mit der Wiedervereinigung erhielt die ‚Neue Rechte‘ verstärkt Zulauf. In den 90ern entwickelte sich eine schlagkräftige Neonazi-Szene, aus der heraus rassistische Morde, Angriffe auf Asylbewerberheime und Pogrome begangen und organisiert wurden.“

Es gibt eben solche und solche Projekte. Die der Linken sind grundsätzlich gut, die der Rechten grundsätzlich schlecht. Und weil dem so ist, im Weltbild der Amadeu-Antonio-Stiftung, deshalb reichen „Heuchelei“, „Bigotterie“, „Scheinheiligkeit“ zur Beschreibung nicht mehr aus. Vielleicht ist es besser, in Zukunft von „AASen“ zu sprechen, wenn eine Steigerung in Scheinheiligkeit gemeint ist, die begrifflich nicht mehr zu fassen ist.

„Blick nach links“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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