14. Mai 2019

Bewusste Eskalation im Konflikt zwischen den USA und dem Iran Es scheint sich zu entwickeln...

... wie bestellt

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: shutterstock Eskalierender Konflikt zwischen den USA und dem Iran: Wie bestellt

Kommt die derzeitige Eskalation im „Atom-Streit“ zwischen Washington und Teheran überraschend? Handelt es sich um eine unabsehbare, neue Entwicklung? Keineswegs. Da ich zu dieser Thematik bereits vor längerer Zeit mehrere Artikel veröffentlicht hatte, in denen ich immer wieder auf die geostrategischen Hintergründe hingewiesen hatte, bescheide ich mich angesichts der erneuten Zuspitzung, über die momentan so viel – und leider auch so falsch – berichtet wird, mit den wichtigsten Informationen, die dazu nicht nur von mir schon oft vorgelegt wurden.

Der Plan, ursprünglich sieben Länder in fünf Jahren einzunehmen oder dort Regime Changes zu inszenieren, wurde 2007 von einem US-General namens Wesley Clark publik gemacht. Die Liste umfasste folgende Länder: „Irak, Syrien, Libyen, Libanon, Sudan, Somalia – und zum Schluss den Iran.“ Diese Information gelangte also bereits vor zwölf Jahren an die Öffentlichkeit, wurde meiner Kenntnis nach aber noch von keiner hiesigen Zeitung aufgegriffen, geschweige denn, dass die geostrategischen Hintergründe ausführlich diskutiert worden wären. Stattdessen wird (vor allem von den üblichen Verdächtigen, versteht sich, also den transatlantischen Mietmäulchen von „FAZ“ bis „Welt“) stets die Fake News verbreitet, der „Westen“ habe in der Region „keine Strategie“. Doch über den Postfaktizismus wurde ja schon genug lamentiert.

Viel interessanter, ja weitaus lohnenswerter ist ein Exzerpt aus einer US-Senatsanhörung vom Februar desselben Jahres, also 2007, in der ausgerechnet der bereits verstorbene Geostratege Zbigniew Brzeziński die Strategie gegenüber dem Iran minutiös beschrieb – tatsächlich in allen lebhaften Details.

Wenn es also nun in einem Artikel der „Welt“ vom 8. Mai 2019 heißt: „Selbst ein kleinster Vorfall könnte unabsehbare Folgen haben“, was diese Eskalation betrifft, dann ist dies – so unglaubwürdig das manchen vielleicht erscheinen mag – ebenfalls längst einkalkuliert. Das glauben Sie nicht? Lesen Sie und staunen Sie, und damit ist diese Erinnerung an die zugrundeliegende Strategie auch schon abgeschlossen.

„Sollten die Vereinigten Staaten fortfahren, sich auf ein langwieriges Engagement im Irak einzulassen, wäre die Endstation dieser Talfahrt ein Konflikt mit dem Iran und mit einem großen Teil der islamischen Welt. Ein plausibles Szenario für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran beinhaltet ein Versagen im Irak und ein Verfehlen der dortigen Ziele, gefolgt von Anschuldigungen, der Iran sei für dieses Scheitern verantwortlich; dann von irgendeiner Provokation im Irak oder einem Terrorangriff in den USA, den man dem Iran in die Schuhe schieben wird, kulminierend in einer ‚defensiven‘ US-Militäraktion gegen den Iran, durch die ein einsames Amerika in einem sich ausweitenden und vertiefenden Morast versinken würde, der sich schließlich durch den Irak, den Iran, Afghanistan und Pakistan ziehen wird. Ein mystisches historisches Narrativ zur Rechtfertigung eines solchen langwierigen und potentiell ausgedehnten Krieges wird bereits formuliert. Ursprünglich gerechtfertigt durch Falschbehauptungen über die Existenz von Massenvernichtungswaffen wird der Krieg nun umdefiniert zu dem ‚entschlossenen ideologischen Kampf‘ unserer Zeit schlechthin, der an die Zusammenstöße mit dem Nazismus und Stalinismus erinnere. In diesem Kontext werden der islamistische Extremismus und al-Qaida als Entsprechung zur Bedrohung durch Nazi-Deutschland und dann die Sowjetunion präsentiert, 9/11 als Entsprechung zum Angriff auf Pearl Harbor, der Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg herbeiführte. Dieses simplizistische und demagogische Narrativ übersieht die Tatsache, dass der Nazismus auf der militärischen Stärke des industriell am weitesten fortgeschrittenen europäischen Staates basierte und der Stalinismus fähig war, nicht nur die Ressourcen der siegreichen und militärisch mächtigen Sowjetunion zu mobilisieren, sondern auch weltweite Anziehungskraft über die marxistische Doktrin ausübte. Im Gegensatz dazu akzeptieren die meisten Muslime den islamischen Fundamentalismus nicht; al-Qaida ist eine isolierte fundamentalistisch-islamistische Irrung; die meisten Iraker sind wütend über die amerikanische Besetzung des Irak, die den irakischen Staat zerstörte; während der Iran – auch wenn er regional einflussreicher wird, selber politisch geteilt sowie ökonomisch und militärisch schwach ist. Zu argumentieren, Amerika befinde sich in der Region bereits im Krieg mit einer größeren islamischen Bedrohung, deren Epizentrum der Iran sei, läuft darauf hinaus, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu verbreiten.“ (Zbigniew Brzeziński, US-Senatsanhörung, 1. Februar 2007)


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