27. März 2019

„Erklärung der Vielen“ Es lebe die freie deutsche Kunst!

Buntheit und Gedankenschärfe

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Erklären sich: Viele

Die Empörung, die der Chef der Jungen Union ausgelöst hat, weil er das Wort „Gleichschaltung“ auf die Union anwendete, um am trüben rechten Rand zu fischen, als ob innerhalb der CDU nicht zwischen der „Merkeltreuen Volksfront“ und der „Volksfront der Getreuen Merkels“ lebhaft und frei gestritten und um immer neue Euro-Rettungspakete oder Migrationspakte oder die Dekarbonisierung der Tätervolkswirtschaft demokratisch gerungen worden wäre, bis beide Fraktionen auf dem Parteitag zu elfminütigen Standing Ovations zusammenfanden, um jene Frau zu ehren, die oberhalb aller innerparteilich-demokratischen Willensbildungszerwürfnisse mit gutmütigem Brummen das Recht schützt... –‍, diese Empörung, sage ich, war berechtigt. Die CDU ist natürlich nicht gleichgeschaltet worden. Sie hat es selber und freiwillig getan – mal abgesehen von dem Gerücht, dass der Kauder sich jeden einzelnen Bundestagsabgeordneten einbestellt haben soll, der den offenen Brief an die Kanzlerin gegen hochdero sogenannte Flüchtlingspolitik unterschrieben hatte und von denen, mit Ausnahme der Direktmandatisten, keiner mehr im aktuellen Bundestag sitzt. Sie sollen, heißt es, verkaudert worden sein.

Beiseite: „Kaudern“ heißt übrigens laut Grimmschem Wörterbuch: Zwischenhandel treiben, mäkeln (abkaudern, verkaudern), aber auch „kollern wie der welsche Hahn“:
„Ein Volk, bei dem noch sonst Wort und Gedanken zweckten, bölkt jetzt ein Kauderwelsch in zwanzig Dialekten.“ (Lichtenberg)

Ich gestatte mir, nach dieser Abschweifung neu anzusetzen und zu wiederholen: Im Wesentlichen ist die CDU nicht gleichgeschaltet worden, sondern sie tat es selbst und aus freien Stücken. Es soll schließlich kein Zwang im Glauben sein, wie ein berühmtes Neumitglied der Union empfahl. Das korrekte Wort heißt also: „Selbstgleichschaltung“. Das soll sich der JU-Laffe hinter die ungewaschenen Ohren schreiben!

Als ein historisch-kritisch endaufgeklärter Mensch darf man Begriffe mit NS-Pedigree nicht einmal dann auf die aktuellen Verhältnisse übertragen, wenn sich kein besserer Vergleich anbietet, sondern ausschließlich in Fällen, wo sie einfach stimmen. Dass es solche Fälle gibt, kann nur bestreiten, wer das deutsche Volk von seinen Verbrechen reinwaschen will. Selbstverständlich ist das deutsche Volk ein Konstrukt, doch dieses Konstrukt ist böser als andere Konstrukte, es trägt in sich das Nazi-Gen und die Nazi-Eigenschaften, und wer das deutsche Volk seinem berechtigten Schicksal zuführen will, muss sich diese singulären Eigenschaften zunutze machen. Eine Gleichschaltung oder Selbstgleichschaltung ist ja nicht per se schlecht. Es kömmt darauf an, wer und wohin gleichgeschaltet wird, und dass man andere Begriffe dafür erfindet.

Nachdem sich drei Jahrzehnte lang der völkische Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Geschichtsrevisionismus ungehindert in Deutschland ausbreiten konnten, haben die Kulturschaffenden nun endlich ihren Schneid wiederentdeckt. Mit der „Erklärung der Vielen“ stellen sie sich dem völkischen Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Geschichtsrevisionismus entgegen!

Als „Grundtext“ gilt die Berliner Erklärung, und die birst so vor Buntheit und Gedankenschärfe, dass die Manifestanten in den anderen Gauen und Bezirken sie meist einfach wortgleich übernommen haben; man braucht seine Kräfte ja für den Kampf und nicht fürs Resolutionstextevariieren.

„Als Aktive der Kulturlandschaft in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden“, hebt das Manifest stolz an. Schon der erste Satz zeigt uns, dass es nicht nur um die Vielen, sondern um Alles geht. Hier werden keine Kompromisse geduldet und keine Gefangenen gemacht; dafür ist die Lage zu ernst. Die religiöse Zukunft Deutschlands steht auf dem Spiel. Auf die Petitesse, dass in der Preiskategorie „Größte Staatsverbrechen aller Zeiten“ (GröStaZ) durchaus harte Konkurrenz existiert, kann eine solche Erklärung schwerlich eingehen, denn die Konkurrenten gehören zum eigenen politischen Familienstammbaum, wie bastardisch (Sloterdijk) der auch immer beschaffen sein mag, und sie hatten die besten Absichten; das kann man doch nicht vergleichen.

„In diesem Land wurde schon einmal Kunst als entartet diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht.“ Kultur wurde zu Propagandazwecken missbraucht – aber wieso „wurde“? „Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Künstler*innen.“ Und das droht heute wieder! Damals übrigens noch ohne *, aber letztlich galt der Kampf dieser damals noch ohne * lebenden und webenden Künstler der Einführung des *, während die AfD offen die Endlösung der Genderfrage anstrebt und zur Ausmerzung von Millionen lebensunwerten Gendersternchen aufruft.

„Heute begreifen wir die Kunst und ihre Einrichtungen, die Museen, Theater, Ateliers, Clubs und urbanen Orte als offene Räume, die vielen gehören.“ Aber nur den vielen, die diese Erklärung unterzeichnen! Wer nicht, wird sehen, was ihm blüht. Sicherheitshalber haben bereits Intendanten im Namen ihrer gesamten Belegschaft unterschrieben, ohne die Angestellten erst zu fragen, Basisdemokratie ist in Zeiten des geistigen Bürgerkriegs nur etwas für Rechtspopulisten.

„Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

„Interessen finden sich im Dazwischen“; nun macht sich die Handschrift herrenloser Geisteswissenschaftler*innen bemerkbar. Es geht um jede*n Einzeln*n – die Ausnahmen werden gleich benannt –‍, also praktisch um alle Menschen auf diesem Planeten, deren jede*r als Teilnehmer*in der großen täglichen Neuverhandlung der Demokratie in Deutschland willkommen ist. Wer die ganze Chose bezahlt? Fragen Sie ihre*n grünen Abschnittsbevollmächtigte*n!

„Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteure dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der vielen feindselig gegenüber.“ Aber nein, der „Kunst der vielen“, die man gar nicht klein genug schreiben kann, stehen so profane Dinge wie die Intelligenz, der Geschmack, das Können und die Meisterschaft nicht wirklich feindselig, jedoch etwas indigniert beziehungsweise angewidert gegenüber.

„Rechte Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur.“ Diese Umkehr der Aggressionsrichtung gehört zur Psychomotorik der Courage-Simulanten bei ihrem Versuch, die zweite deutsche Republik in die dritte deutsche Diktatur zu verwandeln, und zwar unter dem Vorwand, gerade eine Diktatur verhindern zu wollen, was immerhin für einen durchschnittlichen IQ der Manifest- und Tumultanten um 110 bis 115 spricht (das ist der IQ-Raum der klassischen Problembären).

„Ihr“ – der Rechtspopulisten nämlich – „verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Künstler*innen, mit allen Andersdenkenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden.“ Wie das aussehen würde oder wird, das kann ich Ihnen, geneigte*r Leser*in, in aller Unschuld verraten: Die Rechtspopulisten denken gar nicht verächtlich, sondern im Gegenteil sehr hochherzig von den Menschen auf der Flucht, engagierten Künstler*innen und allen Andersdenkenden, so hochherzig nämlich, dass sie es mit deren Emanzipation völlig ernst meinen („emancipare“ heißt: „einen Sklaven in die Selbständigkeit entlassen“) und darauf bestehen, dass insbesondere engagierte Künstler*innen aus der alimentierten Staatssklaverei entlassen werden und sich ihren Unterhalt selber verdienen. Alles andere wäre doch eine Beleidigung ihrer künstlerischen Freiheit!

Immerhin schließt das Manifest mit den Worten: „Solidarität statt Privilegien. Es geht um Alle. Die Kunst bleibt frei!“ Jawohl! Es lebe die freie deutsche Kunst! Heil Vielfalt!

PS: Der „rechte“ Cellist Matthias Moosdorf (die Celli befinden sich immer rechts vom Dirigenten!), also ein engagierter Künstler und Andersdenkender, wenngleich noch nicht auf der Flucht, sendet auf seiner Facebook-Seite so etwas wie ein Dialogsignal an die „Vielen“. Wahrscheinlich hat er das Prinzip nicht verstanden.

„Berliner Erklärung der Vielen“

Facebook-Seite von Matthias Moosdorf: „Manifest zur Erklärung der Vielen“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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