12. Februar 2019

Emmanuel Macron gegen die Gastrasse Erpressung aus dem Kreml oder aus dem Weißen Haus?

Irgendwann wird es wohl einen Blackout geben

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Die USA und Frankreich sind dagegen: Nord Stream 2

Die Geopolitik kehrt wieder, und sie hat nichts zu tun mit Brüsseler Spitzen, UN-Gremien, „multilateralen Lösungen“ oder Antidiskrimierungsverordnungen. Die Meldung ist Macrons Absage für die Münchner Sicherheitskonferenz vor dem Hintergrund des Streits um die „Nord Stream 2“-Pipeline (auch wenn angeblich mal wieder nix mit nix zu tun hat). Die Franzosen stellen sich gegen die Gastrasse (Gas-Trasse, geehrter Herr ***, nicht Gast-Rasse!) und auf die Seite der Amerikaner; sie beteuern, die Interessen der Osteuropäer zu vertreten. Das amerikanische Argument gegen russisches Gas für Deutschland lautet, es mache uns durch den Kreml erpressbar, und wir müssen uns schon entscheiden, ob wir aus dem Kreml oder dem Weißen Haus erpresst werden wollen. Wie es aussieht, bahnt sich zwischen Russland und den USA ein Revival des Kalten Krieges an, in das die Europäer naturgemäß involviert sind. Es geht um die Ukraine, der schon bei Zbigniew Brzeziński die Rolle des strategischen Zankapfels zugewiesen wird – US-Botschafter Richard Grenell warnt, durch das Gas-Projekt würde die Gefahr einer russischen Intervention in der Ukraine steigen –‍, und Deutschland hat sich aus der Sicht des wankenden Hegemons in Übersee gegen Russland zu positionieren. Der Aufstieg Chinas im Rücken der Russen verleiht der ganzen Sache eine besondere Pikanterie. Das deutsche Problem lautet: Was tun? Den Amis sowie unserem lieben Freund Macron nachgeben und die Pipeline canceln? Ach, könnte man doch zu beiden Seiten auf Distanz gehen, aber das funktioniert in der Politik bekanntlich nicht. Freilich hat die deutsche Führung in der vergangenen Dekade dafür gesorgt, dass unser Land hilfloser und unbedarfter dasteht als je zuvor.

Jetzt kommen kurioserweise die Grünen ins Spiel und Angela Merkel als eigentlich deren Kanzlerin. 2022 gehen die deutschen Atomkraftwerke vom Netz, parallel steigt Deutschland aus der Braunkohleverstromung aus, die deutschen Gaskraftwerksbetreiber sind über die Jahre verprellt und hintangestellt worden, sie haben hochmoderne Anlagen demontieren müssen und teilweise nach Amerika verschifft. Zugleich wachsen die subventionierten Windparks, deren entscheidende Eigenschaft darin besteht, dass sie mal Strom liefern und mal nicht, und es gibt kein Mittel dagegen. Wir haben heute schon große Probleme mit der Energieversorgung, „immer wieder kommt es zu brenzligen Situationen, wenn Solar- und Windkraftanlagen zu wenig Strom liefern. Dann müssen Industrieanlagen abgeschaltet werden. Die Netzschwankungen könnten aber noch schlimmer werden“, notiert die „FAZ“. Die „Instabilität des deutschen Stromnetzes“ setzt die Linz AG unter Druck: „Weil der unregelmäßig erzeugte Windstrom aus Norddeutschland wegen mangelnder Leitungskapazitäten nur schwer zu den großen Abnehmern der Industrie im Süden transportiert werden kann, müssen südliche Stromerzeuger immer kurzfristiger ‚dagegenhalten‘“, mault es aus der Ostmark. (Gleichzeitig zahlt Deutschland dafür, dass die Nachbarn die Stromüberproduktion abnehmen, wenn mal die Sonne richtig scheint und der Wind kräftig weht.) Wenn nun die Pläne mit dem russischen Gas scheitern, was dann? Frieren für Amerika? Macron, erinnern wir uns, erklärte in seiner Jahrtausendrede zur „Neubegründung Europas“ vor der Pariser Sorbonne „die kohlenstofffreie und kostengünstige Atomenergie“ für „unerlässlich“; er hat heute beim Blick über den Rhein die Lacher auf seiner Seite.

Irgendwann wird es wohl einen Blackout geben. Das wäre schlimm für die Tausenden von Toten, die in steckengebliebenen Liften erfrieren oder verdursten, auf Intensivstationen sterben, weil die Notstromaggregate nicht ausreichen, bei Unruhen getötet werden oder was auch immer, aber am schlimmsten wäre es für die Grünen, denn die würden ihn politisch nicht überleben; der so unendlich brave, duldsame und wohlmeinende deutsche Michel würde dann doch schnallen, welcher Gaunerbrigade er (oder meistens wohl sie, die Micheline) sein Vertrauen geschenkt hat und wohin die Mentalitätsherrschaft dieser Spitzbuben das Land gebracht hat. Aber unterhalb einer echten Katastrophe wollen Deutschmichel und Deutschmichelinchen ja seit circa hundert Jahren keine Lektion lernen.

PS: Ein Leser weist auf eine Mitteilung des Fraunhofer-Instituts hin, welcher zufolge deutsche Kraftwerke im Januar mehr Energie als je zuvor produziert haben, und meint, dass ja alles in Ordnung sei. Man muss freilich aus dem Energiemix die Kohle und die Atomkraftwerke herausrechnen, beim Gas weiß man‘s nicht so ganz genau. Wir stehen dann noch immer bolzenstramm vor dem Problem, dass die Erneuerbaren (die, wenn man auf die Landschaften schaut, die sie hinterlassen, gar nicht so erneuerbar sind) ein unzuverlässiger Lieferant sind, der teils Überschüsse produziert, teils überhaupt nix. (Es sitzen doch bestimmt Kenner in der Runde: Haben wir für unsere Stromexporte im Januar wieder bezahlt?)

Es gibt, sofern Homo sapiens keine Energiespeichermöglichkeiten großen Stils entdeckt (und es sieht derzeit nicht danach aus), keine Zukunft ohne Atomenergie, so wie es keine Zukunft ohne Schusswaffen und Heteronormativität gibt, zumindest mittelfristig, und mit Ausnahme der wilden Edlen aus dem Herzen Europas besteht darüber auch kein Dissens, zumal in der Atommüllaufbereitung technologisch noch nicht alle Messen gesungen sind. Aber wie gesagt, der Deutsche ist harthirnig, wenn er erst mal mit all seiner Gründlichkeit auf den Pfaden der Tugend und Weltveredelung wandelt, er braucht tüchtig was auf die Nuss, um zur Vernunft zu kommen.

Sela, Psalmenende.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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