26. Januar 2019

Kritik der Wachstumspolitik Wirtschaftswachstum lässt sich nicht erzwingen

Die Wirtschaft sollte für die Menschen da sein

von Michael Kumpmann

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Bildquelle: shutterstock Sollte kein Selbstzweck sein: Wirtschaftswachstum

Wenn es ein Konzept gibt, das zu den „heiligen Kühen des Liberalismus“ (jedenfalls für die Liberalen, die auch etwas zu sagen haben) gehört, dann ist es die Idee, dass Wirtschaftswachstum etwas Tolles ist und als Selbstzweck von der Politik unterstützt werden sollte. Während man sonst alle anderen kollektiven Ziele als beginnenden Sozialismus brandmarkt, sei Wachstum etwas, das der Staat und jeder Bürger zu unterstützen habe, selbst wenn dies Opfer bedeute.

Linke schimpfen gerne oft unangemessen polemisch und mit wenig rationalen Argumenten auf die Wachstumsideologie. Liberale und Libertäre auf der anderen Seite verherrlichen diese Ideologie des Wachstums aber ebenfalls oft unkritisch und bemerken dabei nicht, wie ihre eigenen Werte und Ziele oft im Namen des Wachstums geopfert werden. Stattdessen tut man so, als ob jeder, der Wachstum als politisches Ziel kritisiert, dem Unternehmer seinen Erfolg nicht gönnt.

Es gibt jedoch einige gute Gründe, warum man dem Wachstum gegenüber kritisch eingestellt sein sollte. („Kritisch“ soll hier bitte nicht mit „ablehnend“ verwechselt werden.)

Ein Problem ist die übertriebene Bedeutung, die man dem Wachstum als Ziel beimisst. Oft wird das Wirtschaftswachstum als einziger Erfolgsfaktor der Menschheit und als einzig messbarer „Glücksfaktor“ eines Staates gesehen. Jedoch ist dies ein Ökonomismus, der den Menschen als Tier ansieht, das nur genug zu fressen braucht. Besitz allein macht nicht glücklich, und der Mensch hat wichtige Ziele, die außerhalb des Ökonomischen liegen. Aber selbst wenn man nur das Materielle betrachtet, ist oft der Mensch glücklicher, der sich selbst etwas erkämpft und erarbeitet, als der, der sich einfach etwas kauft. Der Weg zu einem Gut macht oft glücklicher als das Gut selbst.

Viele Unterstützer der Idee des Wirtschaftswachstums als Selbstzweck sagen, dieses fördere Innovation. Doch stimmt dies wirklich? Was sind die Maßnahmen, mit denen Firmen Wachstum erzeugen? Herstellungskosten senken, neue Zielgruppen finden, und so weiter. Das Ziel hinter diesen Maßnahmen ist aber meistens kein neues, nie dagewesenes Produkt, sondern die Verbesserung des Alten. Neue Ideen entstehen stattdessen meistens dadurch, dass ein Individuum etwas für richtig hält, hofft, damit Geld zu verdienen, und dies dann durchzieht. Und da neue Ideen risikoreich sind, werden sie durch erzwungenes Wachstum eher verhindert als gefördert.

Ein Problem hinter dem Innovations- und Fortschrittsargument ist auch, dass, wenn Wachstum zum Selbstzweck erklärt wird, der Fortschritt meistens gar nicht beim normalen Arbeitgeber ankommt. Wenn Maschinen mehr leisten, wird der Arbeiter nicht besser bezahlt oder weniger Stunden arbeiten müssen, sondern man erhöht stattdessen auf Teufel komm raus die Produktion und/oder zahlt dem Arbeiter weniger Lohn, damit das Unternehmen weiter wachsen kann.

Ein weiteres Argument für wirtschaftliches Wachstum, das oft angebracht wird, ist, dass Wachstum die Ressourcen schone. Ist das wirklich so? Die Frage muss mit einem „Jein“ beantwortet werden. Wird ein Rohstoff verwertet, dann verbraucht die Wirtschaft zuerst, wenn keine große Knappheit ersichtlich ist, diesen Rohstoff so hemmungslos, dass sich eine große Knappheit abzeichnet, woraufhin man dann versucht, die Folgen der vorherigen Fehlentscheidungen so gut dies noch geht zu korrigieren. Bei anderen Themen wie dem Umweltschutz sieht man genau dasselbe Phänomen. Wachstumspolitik wird erst dann ressourcenschonend, wenn sich die Katastrophe bereits abzeichnet, vorher werden alle Warnungen ignoriert.

Wozu braucht man überhaupt ein Wirtschaftswachstum als Ziel? Und warum sollten gerade Liberale und Libertäre so etwas anstreben? Libertäre reden ständig davon, dass die Wirtschaft organisch sei und sich selbst organisieren könne. Bedeutet dies aber nicht eigentlich, dass ein Wirtschaftswachstum dann entsteht, wenn es gebraucht wird, und wenn es weniger Wirtschaftswachstum gibt, dies daran liegt, dass man es gar nicht benötigt und der Mensch schon genug zum Leben produziert? Könnte dann vielleicht nicht Wachstumspolitik die Selbstregulation der Wirtschaft am Ende schädigen?

Und was soll politisch erzeugtes Wirtschaftswachstum bringen? Mal angenommen, ein Bäcker kann pro Tag in seiner Bäckerei 100 Brötchen verkaufen und damit gut leben. Was bringt es dem jetzt, eine zweite Bäckerei aufzubauen, wenn die Leute auch mit einer Bäckerei auskommen?

Und ist der Gedanke eines Wachstums als Selbstzweck nicht komplett unnatürlich? Auf einer einsamen Insel würde ein Fischer, der jeden Tag 30 Fische für sich selbst und seine Familie fängt, nicht denken: „Wie kann ich morgen meine Fangquote auf 50 oder 60 Fische steigern?“, sondern höchstens überlegen, wie er seine Fangtechnik verbessern kann, um mit weniger Arbeit die gleiche Menge an Fisch zu fangen. Mehr zu produzieren, ist nur dann sinnvoll, wenn ein höherer Bedarf herrscht.

Bis zur Aufklärung war es Konsens, dass die Wirtschaft das produzieren sollte, was die Menschen brauchten, und nicht möglichst viel an die Menschen verhökern sollte, egal ob sie dies überhaupt brauchten oder nicht.

Um auf das Thema Innovation zurückzukommen: Die Mehrheit der Menschen, die etwas Neues erfinden, tut dies nicht, um damit mehr verdienen zu können, sondern um sich lästige Aufgaben vom Hals zu schaffen. Faulheit ist oft ein größerer Innovationsmotor als Gier.

Wenn man Wachstum als etwas in jedem Fall Gutes darstellt, ist auch jede Maßnahme zur Steigerung des Wachstums gerechtfertigt: Handelsbeschränkungen für ausländische Konkurrenten, Subventionierung, um eigene Produkte billiger zu machen als die Produkte aus dem Ausland, Zentralbankeingriffe in die Währung, um Kredite möglichst billig zu halten, ein Schulsystem, das dazu dient, möglichst schnell billige Arbeitskräfte zu produzieren, und so weiter.

Wenn man Wachstum als Selbstzweck will, fällt es leicht, Sparer, die ihr Geld nur ansparen und es damit aus dem Geldfluss ziehen, also nichts zum Wachstum beitragen, durch Geldentwertung zu bestrafen und sie dazu zu zwingen, ihr Geld zu investieren, um dadurch mehr Wachstum zu erzeugen.

Wer Wachstum als in sich gutes Ziel definiert, rechtfertigt damit auch, die Souveränität einzelner Nationen durch übergeordnete Institutionen wie die EU einzuschränken oder im Extremfall Lobbyvertretern einen direkten Draht zur Politik zur Verfügung zu stellen. (Wie bei dem Argument, die Briten seien „dumm“ gewesen, die EU zu verlassen, weil dies das Wachstum gefährden würde. Als ob Souveränität und Ähnliches nicht vielleicht wichtiger wäre als die Wirtschaft.)

Ein weiteres Problem ergibt sich dadurch, dass das Wachstum der Realwirtschaft gewisse Grenzen hat. Die Leute können sich zum Beispiel nicht zu jeder Zeit einen neuen Fernseher kaufen, und es ist ökonomisch für eine Familie nicht sinnvoll, fünf oder zehn Fernseher auf Halde zu kaufen. Die Finanzwirtschaft, hinter der kein materielles Produkt steht und der es nur um Geldvermehrung geht, hat solche Begrenzungen nicht. Ein Anleger, der 40 Derivate gekauft hat, kann danach streben, irgendwann 20 mehr zu kaufen. Es gibt bei einer Irrealwirtschaft keine natürliche Grenze, wie viel ein Mensch überhaupt braucht und sinnvoll anwenden kann.

Dies bedeutet, dass Wachstumspolitik dazu führt, dass genau die Wirtschaftsbereiche gestärkt werden, hinter denen gar kein realer Wert steckt, und diese möglicherweise dann auch die Wirtschaftsteile kannibalisieren, die reale Werte erzeugen.

Ein weiteres Problem der Wachstumsideologie ist, dass, um mehr Wachstum zu generieren, mehr Menschen benötigt werden. Wenn weniger Verbraucher existieren, stößt das Wachstum schneller an Grenzen. Natürlich ist es meistens nicht gut, aufgrund von Ängsten vor Überbevölkerung das Bevölkerungswachstum kleiner zu halten, als es natürlich ist. Es wird aber Grenzen dafür geben, wie viele Menschen auf dem Planeten gleichzeitig existieren können. Deshalb ist es nicht gut, auf Teufel komm raus möglichst viele Geburten hervorrufen zu wollen.

Wenn nicht genug Kinder geboren werden, verführt dieses Problem des Wachstums zu schädlicher Politik wie einer extremen Masseneinwanderung oder sogar zu Kriegen. Und möglichst viele Menschen auf ein begrenztes Territorium zu bringen, kann auch unangenehme Folgen haben, zum Beispiel könnte es die Ausbreitung von Krankheiten fördern.

Abgesehen davon sollte die Wirtschaft für den Menschen da sein und nicht umgekehrt. Und man sollte einen Menschen nicht deshalb in die Welt setzen, damit er arbeitet und konsumiert und somit gut für die Wirtschaft ist.

Natürlich muss auch beachtet werden, dass jeder Mensch einen „Willen zur Macht“ hat, weshalb es weder möglich noch sinnvoll ist, Wachstum gewaltsam zu unterbinden. Und es ist schön, wenn ein Unternehmer Erfolg hat. Jedoch hat das Wachstum kein politisches Ziel zu sein, und die Politik hat der Wirtschaft keine Ziele zu setzen, selbst wenn diese positiv für die Wirtschaft sein sollten. Wenn Wachstum benötigt wird, wird der Bürger selbst für Wachstum sorgen, und wenn kein Wachstum da ist, braucht das Volk es auch nicht.

Und die Wirtschaft muss sich auf ihre Werte besinnen. Wenn man nicht vom Staat eingeschränkt werden will, sollte man nicht gleichzeitig vom Staat unterstützt werden wollen. Wer vom Staat das „Zuckerbrot“ will, setzt sich der Gefahr aus, dass ihn die „Peitsche“ trifft.


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