30. September 2018

Erfahrungen einer Integrationslehrerin mit einer Asylbewerber-Klasse „Ist Hitler gut oder böse?“

Eine erste Orientierung

von Alexander Wendt

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Bildquelle: Nina Unruh / Shutterstock.com Integrationskurse: Interkulturelle Kompetenz?

Nach elf Monaten Deutschunterricht in einem sogenannten Integrationskurs habe ich die Aufgabe, in einem vierwöchigen „Orientierungskurs“ auf den Test „Leben in Deutschland“ vorzubereiten. Dass diese Aufgabe schwierig werden würde angesichts der Sprachkenntnisse, ahnte ich. Wie soll man „systematisch“ die „Bedeutung der Verfassungsprinzipien, Grundrechte und Werte für ein gedeihliches gesellschaftliches Miteinander“ näherbringen, „eine wertebasierte politische Bildung“ fördern und in deutsche Kultur und Geschichte einführen, wenn Teilnehmer kaum ihre Einkäufe selbständig erledigen können, und ohne Dolmetscher keine Verständigung mit dem Jobcentermitarbeiter möglich ist?

Viele der erwachsenen Teilnehmer aus vornehmlich muslimischen Ländern sind zudem in ihren Muttersprachen funktionale Analphabeten, sie haben wenig bis keine Schulbildung genossen.

Fußball im Stelenfeld

„Ist Hitler gut oder böse?“, war also gleich eine der ersten gestellten Fragen. Kollegen hatten mir zuvor schon vom Ratschlag der Institutsleitung berichtet, NS-Geschichte und Holocaust so kurz wie möglich zu behandeln. Die spontane Antwort auf die Frage kam dann von Alaa aus Syrien: „Hitler gut! Sehr gut!“ Dazu band er sich seinen Schal wie einen Turban um den Kopf.

Ich schöpfte also die erlaubten Exkursionsstunden voll aus und buchte Termine im Deutschen Historischen Museum und am Denkmal für die ermordeten Juden Europas. An letzterem Ort werden Führungen in „einfacher Sprache“ angeboten, unterstützt mit viel Bildmaterial. Die Syrerin palästinensischer Herkunft erschien nicht, dafür aber Alaa, der, am Stelenfeld eingetroffen, vorschlug, das nächste Mal zum Fußballspielen herzukommen: „Hier kann man gut Fußball spielen!“ Ein Iraner, in seiner Heimat wegen Engagements für kurdische Politik inhaftiert gewesen, ließ sein benutztes Taschentuch fallen. Durch den geharnischten Protest eines britischen Touristen wurde ich aufmerksam: „Pick that up! That‘s disgusting!“ („Heben Sie das auf! Das ist ekelhaft!“) Einige zeigten jedoch Interesse an der Ausstellung, andere Teilnehmer baten allerdings schon nach der Einführung um Erlaubnis, nach Hause gehen zu dürfen. Wir hatten bis dahin im Kurs schon viel über „Regeln“ und „Respekt“ gesprochen, die Teilnehmer hatten mich öfter ungehalten erlebt, wenn ich mich an ihren Diskussionen über „haram“ oder „Wer nicht fastet, ist kein Muslim“ beteiligte oder von ihnen die selbstverständliche Zusammenarbeit von Frauen und Männern im Kurs forderte.

Die Schere im Kopf

Eine Kollegin zeigte sich erstaunt über meine Berichte, sie unterbinde diese Diskussionen einfach. Sie habe auch, um Kontroversen über sündige, westliche Sitten zu vermeiden, ihre Unterrichtsmaterialien entschärft, etwa indem sie Fotos aus Modekatalogen, auf denen Männer und Frauen gemeinsam abgebildet waren, auseinandergeschnitten präsentierte. Eine sich sicher als emanzipiert verstehende Philologin und Kulturwissenschaftlerin zensierte also vorsorglich und kultursensibel Fotomaterial.

Später hörte ich von Bildungsträgern, die eigens ein Positionspapier zu Selbstverständnis und Regeln erarbeitet hatten. Nach meiner Erfahrung wurden die Filmwissenschaftler, Soziologen oder freien Künstler, nach Vorlage ihrer BAMF-Zulassung, oft „on the spot“, ohne Einweisung, verpflichtet. Nur einige waren tatsächlich pädagogisch ausgebildet und Deutsch- oder Deutsch-als-Fremdsprache-Lehrer.

Selbst eine Hausordnung, in der ohnehin nur Minimalanforderungen gestellt wurden wie „Pünktlichkeit“, „keine Gewalt“, „Rauchverbot im Haus“, war nicht in Übersetzung zu bekommen. So musste jeder Teilnehmer zu Kursbeginn, nach kurzer Einweisung mit Händen und Füßen, eine auf Deutsch verfasste Hausordnung unterschreiben, sich also verpflichten, ohne genau verstanden zu haben, wozu. Auf meine Nachfrage nach einer übersetzten Version oder Hilfe durch einen Dolmetscher erhielt ich erst nach vielen Mails an verschiedene leitende Mitarbeiter eine Antwort. „Wir arbeiten daran“, sagte eine Stelle, „hatten wir doch schon irgendwo mal auf Arabisch“, eine andere.

Ähnlich verliefen meine Nachfragen und Problemschilderungen beim BAMF. Wenn ich mal einen Mitarbeiter zu fassen bekam, hörte ich: „Sie haben vollkommen recht“, „Die Behörden sind überfordert“.

Alle sind gleich – in einfacher Sprache

Als wir im Kurs auf Grundgesetz und Grundrechte zu sprechen kamen, wurde auch hier das Thema „Regeln“ lebhaft diskutiert. Ein junger eritreischer Christ sagte: „In Deutschland darf mannicht schlagen.“ Daraufhin brach es förmlich aus den Teilnehmern heraus. „Im Irak schlagen dieMänner die Frauen“, „Die Brüder schlagen ihrer Schwestern“, „Wenn Streit mit einem, kommen alle Brüder“. Jemand beschreibt seine Beobachtung vom friedlichen Umgang der Deutschen untereinander auf der Straße. „Alle schlagen immer, Problem!“, ruft Hussein aus dem Irak. Nun schreiben wirklich alle den Wortschatz in ihre Hefte und fragen nach weiteren Vokabeln für Begriffe wie „Todesstrafe“, „Folter“ oder „Waffen“.

Weiter erzählen sie von Security-Mitarbeitern in den Heimen, die oft zuschlügen. Einige dieser Mitarbeiter sind türkischer oder arabischer Herkunft und bei manchen ebenso gefürchtet und unbeliebt wie arabische Ärzte: Diese seien „schlecht!“, man bat mich um Adressen: „Bitte, meine Lehrerin, wo gehen Sie mit Ihrem Kind zum Arzt? Arabische Ärzte sind nicht gut.“ Auch über arabisch- und türkischstämmige Anwälte und Immobilienmakler wurde geschimpft, da sie oft ein Mehrfaches an Honorar oder Provision verlangten. Einer bemerkt zur Lage in Berlin: „Die Ausländer hier sind schlecht. Warum nimmt die deutsche Polizei nicht die Verbrecher fest? Meine Frau traut sich nicht, U-Bahn zu fahren.“ Eine iranische Ex-Muslimin wirft ein: „Was macht Frau Merkel? Frau Merkel ist nicht gut.“ Sie hatte schon von den Kleidervorschriften erzählt, die ihr Mitbewohner ihres Heimes machten, die darüber hinaus auch die Befolgung der islamischen Essensvorschriften überwachten, ähnlich wie mitunter im Kurs. Sie ist froh, nun Fahrrad fahren zu dürfen in Deutschland, leider habe sie kein eigenes Konto erhalten, nur ihr Mann habe vom Jobcenter eine EC-Karte bekommen.

Die Frauen vertrauen sich mir schnell an, eine berichtet von ihrer Hochzeit mit elf Jahren, sie dankt Allah, dass sie nun endlich geschieden sei. Sie habe Angst vor ihrem Ex-Mann. Ihre Schwester muss auch im Frauenhaus leben, eine christliche Irakerin ebenfalls. Panisch werde ich gebeten, ihre Adressen nicht vorzulesen. Sie zeigen mir auch Fotos von sich aus der Heimat, zwei trugen dort kein Kopftuch, ich frage, warum sie nun hier eines tragen. Sie schauen zu Boden und sagen leise in die Runde, es sei ja „haram“.

Am letzten Kurstag herrscht Aufregung im Kurs wegen eines Berichts über einen versuchten Totschlag. In der Nähe des Hermannplatzes wurde eine junge Frau von ihrem syrischen Ex-Freund niedergestochen. Nach anfänglicher Betroffenheit wird hektisch nach der Herkunft von Opfer und Täter gefragt: „Syrisch, irakisch, kurdisch?“ – „Aah, kurdi, nicht syrisch!“ Ich bin ebenfalls erschrocken über die Tat, eine junge Irakerin sagt daraufhin: „Ach, das passiert im Irak jeden Tag. Frauen bekommen ein Messer oder Säure ins Gesicht. Auch eine Cousine von mir ist tot.“

Die Prüfungsvorbereitung zum Thema Grundrechte gestaltet sich schwierig. Ich hatte vorsorglich ein paar Illustrationen herausgesucht oder erstellt – als es um das Wort „Schutz“ ging, „die Grundrechte schützen den Bürger…“, grübelt eine Chinesin über das von ihrem Übersetzungsprogramm angebotene Wort „Schutzmacht“.

Anderes Bildmaterial, etwa von der Bundeszentrale für politische Bildung, sollte sich als wenig „hilfreich“ herausstellen – nicht nur vor dem Hintergrund der Erlebnisse der Frauen im Kurs. Unter der verkürzenden Überschrift: „Alle Menschen sind gleich“ wird da beispielsweise Artikel 3 mit dem Bild einer verschleierten Frau und einer „westlichgekleideten“ Frau prominent illustriert.

Als ich mit einer erfahrenen Kollegin über die Berichte der Teilnehmer spreche, ist sie erstaunt. Hitlerlobpreisungen oder Frauenverachtung in den arabischen Herkunftsländern sind ihr nicht so bewusst. Sie erzählt mir dann von einem jungen Mann in ihrem Kurs, dessen Veränderung ihr Sorge mache: Er bezeichne sich als Salafist, trage nun Bart und poche in unmissverständlicher Weise auf seine Pausen zum Gebet. Ich frage sie, was sie machen werde, sie ist ratlos. Wieder versuche ich, nach Ansprechpartnern zu recherchieren, nach einiger Mühe finde ich eine „Radikalisierungshotline“. Der Berater scheint sehr kompetent, er bittet um Anruf der Kollegin, man würde auch mit den Sicherheitsbehörden zusammenarbeiten – wie die Fälle dann jeweils weiterbearbeitet werden können, sei jedoch angesichts der Personalknappheit nicht gewiss. Nachdem ich im Lehrerzimmer die Telefonnummer der Ansprechpartner sowie Berichte über Radikalisierungsfälle, nicht nur an Schulen, ausgelegt habe, bedankte sich die Kollegin: „Das ist ja doch ein großes Problem, das wusste ich gar nicht.“

Eine andere Kollegin verfügt schon über interkulturelle Kompetenz, als Tochter jordanischer Eltern in Deutschland aufgewachsen, hatte sie schon des Öfteren, wenn sie Ohrenzeugin von eindeutigen Gesprächen unter Teilnehmern wurde, das BKA informiert. An einer anderen Schule hatte ein Teilnehmer Fotos von ihr gemacht, ab da plagte sie ein mulmiges Gefühl auf jedem Nachhauseweg.

Die arabische Straße

Die Teilnehmer des Kurses laden mich zu einem Abschiedsessen ein, der atheistische Iraner, der von seinem Abfall vom islamischen Glauben nur wenigen, hinter vorgehaltener Hand, erzählt hatte, sagt ab, aber das chinesische Ehepaar kommt. Es geht in ein Schawarma-Restaurant, es ist vielen bekannt. Der junge irakische Kurde sagt mir, er meide die Gegend um die Sonnenallee herum – die „arabische Straße“ wird sie auch stolz genannt –, da er lieber Deutsche kennenlernen und Deutsch sprechen möchte. Auch hier ist der Messerangriff auf die junge Frau Thema, der syrische Inhaber zeigt uns Fotos, die er mit seinem Handy vom Tatort machte. Ich sehe kurz einen Frauenkopf in einer Blutlache liegend, in Nahaufnahme – die Schüler rufen entsetzt und ehrlich besorgt: „Nein, das dürfen Sie nicht ansehen! Ist sehr traurig!“ War sie auch hier zu finden, die vielgeforderte interkulturelle Kompetenz?

Bei einer Teamsitzung wird, zunächst zaghaft, nachdem eine erste Nachfrage das Eis gebrochen hatte, der Umgang mit Fehlzeiten, mangelnder Leistungsbereitschaft und problematischem Verhalten angesprochen, am Schluss jedoch bemerkt ein Kollege, ein Filmemacher: „Jetzt wollen wir aber mal nicht so giftig über unsere Teilnehmer sprechen. Sie alle haben existenzielle Sorgen und Schlimmes erlebt. Und: Wir dürfen nicht vergessen, wir verdanken ihnen unseren Job.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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