14. August 2018

Akademie der Freiheit der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft Was bedeutet „liberale Bildung“?

20 Jugendliche verbrachten eine Woche in der Tradition der alten Denker

von Florian Müller

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Bildquelle: Viacheslav Lopatin / Shutterstock.com Hat in der Akademie der Freiheit würdige Nachfolger gefunden: Schule von Athen

Was bedeutet „liberale Bildung“? 13 Geschlechter einführen und die „Defäkation auf der Bühne“ (Ernst Topitsch) als neuen, freien Leitstern anzusehen? Heutzutage mag es an westlichen Universitäten so manche Zweifel geben, was denn nun genau als freiheitlich anzusehen ist. Diese Frage wird am Ende des Textes beantwortet.

Ende Juli trafen sich 20 junge Menschen zur Akademie der Freiheit der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft mitten in Brandenburg. Eine Woche lernten wir Theorie und Praxis rund um Politik, Ökonomie und Philosophie. Die Hayek-Stiftung hatte geladen und gut ausgewählt. Das politische Spektrum bewegte sich von (verständigen) Linksliberalen über einige überraschend reaktionäre jungen Damen bis hin zu Stefan-George-Lesern. Alle bis an die Schmerzgrenze talentiert, was mir als „Senior“ gelegentlich einen Schauer den Rücken herunterjagte. Nachfolgend werde ich auf die für mich vier wichtigsten Punkte der Akademie der Freiheit eingehen.

Erstens: Verständigung und Diskurs waren immer gegeben, was in der heutigen „Hyperzeit“ bei Weitem nicht selbstverständlich ist. Die hat aber nichts mit einem unmusikalischen deutschen Diskjockey zu tun, sondern mit den Leitsternen der auslaufenden 10er Jahre. Hypersensibel, hyperkorrekt, hypermoralisch: Das war keiner der Teilnehmer. Die Kraft des guten Arguments gewann. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge lauschte ich den Diskussionen. Lachend, weil es noch junge Leute gibt, die geistig lebendig sind, weinend, weil ich dergleichen in fünf Jahren Universität noch nie erlebt habe. Auf welchem Niveau könnten unsere Hochschulen sein?

Zweitens: Das Programm war erstklassig. Einige Stichwörter im Überblick: Österreichische Schule, konservative Gesellschaft, deutsche Freiheit, aristotelische Ethik, platonischer Totalitarismus, mathematische Schönheit, Hayek, Röpke, Mises, Planspiele, Kaffee und Kuchen, Berlin-Besuch, Bundestag, Ballhaus, Philipp Lengsfeld, Linda Teuteberg, Freihandel, Europäische Union, Trump. Dazu ein wunderschönes Hotel mit Uraltjukebox, Ruderbooten, einem schwimmbegeisterten Hund, sich sorgenden Wirten und bestem Essen.

Gleichzeitig funktionierte die zwischenmenschliche Ebene. Und nicht ohne Grund betonen die meisten Kommentare der Alumni gar nicht irgendwelche Programmpunkte oder Vorträge, sondern die neu entstandenen Bekannt- und Freundschaften und die, nennen wir es Meta-Erkenntnis, die sie aus dem Ganzen gezogen haben: Schärfung der liberalen Waffen, Popularisierung der Freiheit, Verständigung mit Verständigen, neue Erfahrungen und Erlebnisse. Und das führt zum dritten Punkt: Freiheit ist ohne Gemeinschaft wertlos. Wer hingegen diese Gemeinschaft bildet, egal ob Familie, Dorf, Stadt, Nation, Volk, Welt oder eben wissbegierige Freiheitskämpfer in der brandenburgischen Mark, ist erst einmal egal. Aber sie muss da sein. Oder, um es mit den Worten des großen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry auszudrücken: „Wenn uns ein außerhalb unseres Ichs liegendes gemeinsames Ziel mit anderen Menschen brüderlich verbindet, dann allein atmen wir frei.“

Als ich diese Definition das erste Mal gelesen habe, war ich überrascht. Und noch immer würde ich behaupten, dass es zugleich die schlechteste und beste Definition von Freiheit ist, die ich jemals gelesen habe. Freiheit? Ist das nicht die Abwesenheit von Zwang? Der freie Wille, ohne Einengung des anderen? Das alles mag richtig sein, aber es fehlt dann doch das Saint-Exupérysche Element der Bindung, der Bodenhaftung und der Gemeinsamkeit, dem ich innerhalb des letzten Jahres mehr und mehr Bedeutung zugemessen habe. Die Akademie der Freiheit hat das bestätigt.

Jetzt aber zum letzten Punkt, der zugleich die erste Frage beantworten soll: Was bedeutet liberale Bildung? Ist es, frei darüber zu entscheiden, was man lernt? Ist es so etwas Seltsames wie „das Lernen der Freiheit“? Oder einfach nur ein modern-geschwurbeltes Modewort für eine gute Grundbildung, die Menschen daran hindert, sich gegenseitig die Kehle durchzuschneiden? Alfred North Whitehead, ein britischer Philosoph, formulierte liberale Bildung als die „gewohnheitsmäßige Vision von Größe“. Und auch der Tommy liegt mindestens so richtig wie der französische Bruchpilot.

Die Teilnehmer der Akademie der Freiheit denken in anderen Kategorien als die meisten Leute in ihrem Alter. Man spricht nicht über eine Fernsehserie, sondern über Serien, man diskutiert nicht über ein verfallenes Haus in Brandenburg, sondern über die Strukturschwäche im Osten, man kritisiert nicht seine Lehrer, sondern das schwächelnde Bildungssystem. Und zuletzt: Man will nicht sein eigenes Leben verbessern, sondern „Leben verbessern“. Oder, um es mit Platon zu sagen, und damit schlage ich einen Bogen zum ersten Philosophieblock der Akademie: Man will die „Idee“ des Lebens verbessern. Man will Ideale erkennen und, wenn es sein muss, sie selbst schaffen und sich in ihren Dienst stellen.

Auch wenn es sicherlich viele ältere Leser für selbstverständlich halten, zu ergründen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie Doktor Faustus ersehnte, dann sei ihnen eines gesagt: Ich habe kürzlich noch eine Sozialstaatsuniversität besucht und weiß daher, dass Platon Römer war. Die „Vision von Größe“ ist also stetig im Wanken, und sie braucht begabte Träger, die sie stützen können und für die Freiheit die Kohlen aus dem Feuer holen müssen. Wenn die jungen Damen und Herren der Akademie das nicht schaffen werden, schafft es keiner. Und das schafft wiederum mir große Hoffnung.

PS: Wer denkt, dass die Hayek-Stiftung mich genötigt hat, diesen fabulösen Werbeartikel zu schreiben, der sei auf meinen Kommentar zum Werbevideo der Akademie der Freiheit hingewiesen. Oder anders gesagt: Wenn mir die Woche in Brandenburg nicht gefallen hätte, hätte ich das auch geschrieben. Also, liebe ef-Leser: Kinder und Enkel nötigen, im nächsten Jahr mitzumachen. Oder sich selbst bewerben. Älter als Mitte 20 sollte man allerdings nicht sein. Zudem muss man nur einen kleinen Selbstkostenbeitrag zahlen. Hinter der Stiftung steht nämlich eine ganz besondere Spezies von Menschen: Unternehmer. Und die lassen sich die Bildung der nächsten Generation gerne etwas kosten.

Mehr Informationen zur Akademie der Freiheit 2019


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