12. Juni 2018

Berichte über Zuwanderung und Kriminalität Land der Lüge

Herkunft, kulturelle Prägung und Frauenbild irrelevant?

von Alexander Wendt

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Bildquelle: shutterstock Echtes Leben, echter Tod: Zuwanderung

Werner Kolhoff war einmal Juso-Aktivist, Sprecher des Berliner Senats und Mitarbeiter des Bundespresseamtes. Seit einiger Zeit wirkt er als Qualitätsjournalist der Holtzbrinck-Gruppe, was unter anderem die Tätigkeit des Chefkorrespondenten für die „Saarbrücker Zeitung“ einschließt. In einem Kommentar für diese Zeitung über die Ermordung der 14-jährigen Susanna Feldmann durch einen irakischen Migranten schreibt Kolhoff Folgendes: „Ein pubertierendes Mädchen treibt sich im Umfeld von Heimen mit Jungs herum – so etwas geht nicht immer gut. Die Tat, so abscheulich sie ist, hat nichts mit der Nationalität von Opfer und Täter zu tun. Die hätte auch umgekehrt verteilt sein können.“

Kolhoff ist ein Kretin, aber darin kein Einzelfall. Er bewegt sich in dem politischen Kretinismus dieses Landes wie ein Fisch im Wasser. Sicherlich, die Herkunft von Täter und Opfer hätte auch umgekehrt verteilt sein können. Die deutsche Susanna hätte ohne weiteres auch den irakischen Migranten zum Sex zwingen, ihn ermorden und am Bahndamm verscharren können. So wie Maria Ladenburger in Freiburg auch den Kehlkopf von Hussein K. brechen und den etwa 30-jährigen unbegleiteten Minderjährigen in die Dreisam hätte werfen können, so hätte es auch leicht kommen können, dass Mia vor dem Supermarkt in Kandel ihren ehemaligen afghanischen Freund mit 20 Stichen niedergestreckt hätte und nicht zufällig umgekehrt. So, wie Susanne Fontaine in der Nähe des Berliner Hardenbergplatzes ihrerseits die Gelegenheit gehabt hätte, den abgelehnten tschetschenischen Asylbewerber Ilyas A. zu erwürgen, wenn der nicht vorher zur Tat geschritten wäre. Mit Herkunft, kultureller Prägung und Frauenbild hat das alles nichts zu tun.

Das ist Kolhoffs erste argumentative Ebene, über die sich die nächste legt: Ein Mädchen treibt sich herum. In der Nähe von „Heimen“. Seniorenheime? Schullandheime? Nein, in der Nähe von Asylbewerberheimen, den Aufbewahrungsorten der Schutzsuchenden, der Geflüchteten, der Menschengeschenke, derjenigen, die mit gut 30 Milliarden Euro pro Jahr beherbergt werden, weil sie uns endlich „echtes Leben“ (Richard David Precht) bringen, denen man und vor allem frau und erst recht jungfrau allerdings im eigenen Interesse nicht zu nahe kommen sollte. Denn so etwas geht nicht immer gut, obwohl das, was dann nicht gutgeht, nie etwas mit der Herkunft von irgendwem zu tun hat, sondern nur mit dem ungünstigen Würfelfall des Schicksals.

In dem Land, in dem es „keine einfachen Antworten gibt“ (Angela Merkel) und wo Gott sei Dank gilt: „Strafdelikte sind nicht erlaubt“ (ebenda), in diesem Land stehen die Bürger vor einer schwierigen Aufgabe, wobei es ihnen bestimmt ist, dabei „Größtes zu leisten“ (wiederum Angela Merkel). Die Bürger haben, wie ihnen schon vom Lehrpersonal in der Schule und dann von allen Qualitätsjournalisten, Pfaffen, Volksvertretern und Richtigdenkern eingebimst wird, die Arme weit für die Welt zu öffnen, sie zu umarmen („diesen Kuss der ganzen Welt“), dabei aber einen Sicherheitsabstand zu der neuen funkelnden bunten Welt zu halten. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller empfahl kürzlich, seine Bürger sollten abends in manchen Gegenden besser ein Taxi nehmen.

Hätte Susanne Fontaine das beherzigt, könnte sie noch leben. Herbert Reul wiederum, Innenminister in Nordrhein-Westfalen, riet kürzlich nach sogenannten Vorfällen mit Messern: „Man muss ja nicht jeden an sich ranlassen.“ Im Grunde ist es ja doch ganz einfach: Reinlassen ja, ranlassen nicht. Beziehungsweise auf eigene Gefahr, in der man auch umkommen kann. Es würde sich bei einer längeren Archivrecherche eine ganz eigene lange Chronik aus staatlich organisierten Begegnungen einheimischer Jugendlicher mit Schutzsuchern ergeben, die dann ein wenig aus dem Ruder liefen. Vor gut zwei Jahren etwa lud der Münchner Oberbürgermeister zu einer solchen Begegnung im Rathaus; es kam gewissermaßen planmäßig zu ungewolltem Gegrabsche, aber zum Glück zu nichts Schlimmerem.

Eine Willkommenskultur, bei der sich die Begrüßer besser nicht in der Nähe der Bewillkommneten aufhalten sollten – diese Wendung erinnert an DDR-Formeln wie „antifaschistischer Schutzwall“ oder „sozialistische Demokratie“. Diese Formeln trugen die Lüge auch nicht schamhaft im Inneren, sondern so deutlich vor sich her wie ein Propagandaplakat. Und entfalteten trotzdem eine erhebliche Wirkung. Denn jeder stand vor der Wahl, die Lüge zu schlucken und damit zu einem Teil seiner selbst zu machen, oder sie Lüge zu nennen – und sich mit einem Apparat anzulegen, der bis zuletzt erstaunlich gut funktionierte. Natürlich geschieht die Druckausübung heute subtiler, wie Uwe Tellkamp, Zeuge damals wie heute, jederzeit bestätigen würde. Aber eines hat Merkels Land mit der DDR gemeinsam: Die Lüge liegt wieder auf ihm wie ein Gletscher.

Dieser Tage kursiert im Netz wieder ein Dokument von 2015, der Zeit, zu der fast alle deutschen Qualitätsjournalisten ihr Septembererlebnis hatten. Greifen wir also hinein ins volle Lügenleben, nehmen wir einen Artikel der „Huffington Post“ – die nebenbei auch nicht viel dümmer ist als der Rest – aus dem Herbst 2015.

Gleich am Anfang ihres Textes erwähnt die Autorin zur besseren moralischen Aufrüschung ihrer Botschaft den Anschlag auf die Synagoge von Düsseldorf am 2. Oktober 2000, der von Gerhard Schröder seinerzeit politisch benutzt worden war, um den „Aufstand der Anständigen“ gegen „rechts“ auszurufen. Wie sich damals im Jahr 2000 nur wenig später herausstellte – und natürlich unterschlägt die „Huffington“-Maid dieses Detail –, handelte es sich bei den Tätern von Düsseldorf um zwei Araber, einen, der aus Marokko stammte, und einen Palästinenser. Der „Huffington“-Text besitzt historischen Wert. Ein Anschlag von zwei Arabern auf eine deutsche Synagoge muss also dazu herhalten, um den Moraldruck für den Import Zehntausender neuer Araber zu erzeugen. Seit 2015 läuft der Nachschub an diesen Fachkräften auf Hochtouren, frenetisch angefeuert von steindummen Cheerleaderinnen. Am Wochenende findet in Berlin übrigens wieder der „Al-Quds-Tag“ statt, mit vermutlich mehr Unterstützern denn je. Nun sind die Fachkräfte halt da.

Wenn Zehntausende Frauenverächter, Schwulenfeinde und ganz allgemein Herrenmännchen hereinmigrieren, dann wird Deutschland natürlich frauen- und schwulenfeindlicher, es wird gewalttätiger und obendrein verlogen-frömmelnder, wie Heinrich Bedford-Strohm und Aiman Mazyek jederzeit mit ihrem süßlichen Lächeln bestätigen können, dem sogenannten „Lecheln“ (Thomas Brussig). Die neue Zeit gibt Phänotypen wie Kolhoff außerdem die Chance, alles herauszuholen, was in ihnen steckt.

Fast loben muss man deshalb nachträglich Richard David Precht, der im Herbst 2015 in der „Zeit“ einen Aufsatz schrieb, in dem er den ganzen Quark von den massenhaft einfallenden syrischen Ärzten und Luftfahrtingenieuren mit Familie und perfektem Englisch übersprang und gleich zum Kern vorstieß, zum Ennui des gelangweilten westdeutschen Rich Kid, das einmal etwas erleben wollte, nämlich Spiel, Spaß, Spannung, wobei die Kosten für das Überraschungsei natürlich von anderen zu tragen waren: „Wir brauchen die Mehrheit der Flüchtlinge nicht als Arbeitskräfte! Und trotzdem werden wir Milliarden für sie ausgeben müssen. Wir werden sie in unser Bildungssystem stecken müssen, in Betreuung, Coaching und Integration. Und wir werden dafür anwachsende Kriminalität bekommen, syrische Restaurants, arabische und skipetarische Musik auf den Straßen und mehr Machos. All das werden wir überleben, auch wenn es nicht unmittelbar nutzt. Denn das Großartige ist doch: Das Jahr 2015 wird in die Geschichte eingehen – als das Jahr, in dem sich ein kleines Fenster in unserer bewusstseinsverengten Lebensmatrix geöffnet hat. Ein Fenster, durch das von ganz fern und doch so nah ein kleines Stückchen blanker Realität zu uns hereinschien: bunte Gesellen, vom Sturmwind verweht, Glückssucher mit Plastiktüten, Kopftüchern und Kunstlederjacken. Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte! Echte Träume! Echte Hoffnungen!“

Es fehlte: echter Tod. Um zu Kolhoff zurückzukommen, er ist genauso wie die „Huffington“-Schreiberin oder Precht inferior, aber gleichzeitig für spätere Generationen so bedeutend wie eine Fliege in Bernstein. Sein Kondolenzschreiben an das pubertäre Gör, das eben besser hätte aufpassen sollen, soll ihn im Netz überleben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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