25. Mai 2018

Private Initiativen zur Armutsbekämpfung in Afrika Leuchttürme der Entwicklungshilfe

Kleine Organisationen, an denen keine Jobs hängen

von Volker Seitz

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Bildquelle: Dietmar Temps / Shutterstock.com Auch in Afrika besser privat: Schulen

Das internationale Entwicklungshilfebusiness ist ein lukratives Geschäft mit einem Jahresumsatz von 150 Milliarden Dollar. Und das ist nur die offizielle Summe. Es gibt Zehntausende von Berufs-Entwicklungshelfern, die die ewige Hilfe als Broterwerb brauchen und nutzen. Nach wie vor haben die großen Organisationen Schwierigkeiten, genügend sinnvolle Projekte zu finden, um die Mittel loszuwerden. Wenige Journalisten sind interessiert, dem Weg des Geldes zu folgen.

Deshalb rate ich, kleine Organisationen zu unterstützen, die seit Jahren verlässlich und überprüfbar arbeiten und die Menschen weiterbringen. Aber die unkritische Annahme, dass Ihre Spende sinnvoll eingesetzt wird, sollten Sie nicht ungefragt glauben. Es war Mark Twain, der die Wahrheit als unser kostbarstes Gut bezeichnete und empfahl, möglichst sparsam damit umzugehen.

In 17 Jahren in verschiedenen Ländern in Afrika habe ich leider nur sehr wenige nachhaltige, transparente Entwicklungsprojekte kennengelernt. Umso mehr freue ich mich, ein paar erfolgreiche, länger laufende, aus Spenden finanzierte Initiativen nennen zu können. Wenig überraschend haben sie eine positive Wirkung, weil sie alle Bildung und Gesundheit fördern.

Viele Afrikaner sind, trotz staatlicher Milliardenhilfen, immer noch in Analphabetismus gefangen, haben kein sauberes Trinkwasser, und der Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung ist eingeschränkt. Die nachfolgenden Vereine führen wertvolle Projekte durch, für die das sehr strapazierte Schlagwort von der „Hilfe zur Selbsthilfe“ angebracht ist. Denn die Menschen, denen geholfen wird, müssen das Gefühl haben, das ihnen Mögliche dazugetan zu haben. Nur dann ist nachhaltige Hilfe möglich.

Die African Medical and Research Foundation (Amref)

Seit über 50 Jahren ermöglichen Amref Flying Doctors mit 14 Flugzeugen und Helikoptern die ländliche Basis-Gesundheitsversorgung in Ostafrika. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ausbildung von lokalen Ärzten, Krankenschwestern, Hebammen und Gesundheitspflegern. Durch Fortbildungen werden jährlich mehr als 30.000 Menschen erreicht. Um wasserbezogenen Krankheiten vorzubeugen, schafft Amref auch Brunnen mit Training zur Nutzung und Wartung der Wasserstellen. Sitz der 1957 gegründeten Gesundheitshilfe ist Nairobi in Kenia. (In Deutschland ist der Sitz in Berlin.)

Bekannt wurde sie zunächst mit ihrer Hilfe aus der Luft, ihren „Flying Doctors“. Amref Health Africa ist heute die größte nichtstaatliche Gesundheitsorganisation des afrikanischen Kontinents. Diese internationale NGO hat ein Jahresbudget von circa 100 Millionen US-Dollar. Ein großer Teil der Gelder stammt aus Spenden der Mitglieder. Es gibt 10.000 Mitarbeiter, 95 Prozent davon sind Afrikaner. Heute leistet Amref medizinische Hilfe in Äthiopien, Uganda, Tansania, im Senegal, im Südsudan und in Südafrika. Beratung und Trainingsprogramme laufen in weiteren 30 afrikanischen Ländern. So inzwischen auch in Westafrika.

Die Arte-Reporter Michael Unger und Thomas Vollherbst sind bei mehreren Einsätzen der „Flying Doctors“ mit dabei gewesen und haben erfahren, dass Amref Health Africa es noch immer schafft, medizinische Hilfe in die entlegensten Regionen Afrikas zu bringen. Amref ist die erste afrikanische Organisation, die mit dem Gates Award for Global Health der Bill & Melinda Gates Foundation ausgezeichnet wurde. 

Aqua Pura 

Täglich sterben 500 Kinder in Afrika an vermeidbaren Infektionen, die durch unzureichende Hygienestandards und verunreinigtes Wasser verursacht werden. Der Schweizer Verein Aqua Pura ermöglicht mit einer Erfindung von Roland Widmer seit über zehn Jahren vorwiegend Menschen in Afrika Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mit einem Wasserreinigungssystem mit einer UV-Licht-Röhre kann bakteriologisch reines Trinkwasser vor Ort selbständig hergestellt werden. Das nachfolgende Durchflussystem „Waterflow“ reinigt Wassermengen bis zu 1.000 Liter pro Stunde und kann mit Solarenergie betrieben werden. Vorteil des Systems sind die geringen Investitions- und Betriebskosten. Inzwischen versorgen 24 Anlagen über 10.000 Menschen mit Trinkwasser. Am verlässlichsten sind nach Erfahrungen des Vereins die Frauen.

Tätig ist der Verein unter anderem in der Elfenbeinküste, in Togo, Burkina Faso, Nigeria, Kamerun, Kongo, Tansania, Kenia, Uganda. Verantwortlich für die Bedienung, die Wasserkontrollen und die Wartung sind lokale Ansprechpartner in kleineren Kommunen in Krankenhäusern, Schulen und Waisenhäusern. Eine kommerzielle Nutzung der Wasserreinigungsanlage ist nicht erlaubt. Ich kenne das Problem aus einigen der genannten Länder in Afrika. Die schlechte Wasserqualität ist dort die Krankheitsursache Nummer eins. Verunreinigtes Wasser überträgt eine Vielzahl von Krankheiten, wie Augeninfektionen, Darmwürmer, Cholera oder Typhus. Selbst Brunnen sind häufig mit E.-coli-Bakterien verseucht.

Eindollarbrille 

Das Projekt Eindollarbrille ist aus meiner Sicht eine beispielhafte zivilgesellschaftliche Initiative, die durch gezielte unternehmerische, Arbeit schaffende Initiativen dazu beiträgt, die Potentiale junger Afrikaner zur Entfaltung zu bringen. Jedes Hilfswerk behauptet, „Selbsthilfe“ zu fördern, aber meist ist es in der Realität eine totgeredete Formel. So bleiben letztlich keine Spuren der beabsichtigten Hilfe. Anders der Mathematik- und Physiklehrer Martin Aufmuth. Wer mit Engagement, Initiative und verhältnismäßig wenigen Mitteln derartige Hilfseffekte auslöst, handelt vorbildlich.

Die Eindollarbrille besteht aus einem leichten, flexiblen Federstahlrahmen und fertigen Gläsern aus Kunststoff, die einfach eingeklickt werden. In Ruanda, Malawi und Burkina Faso wurden zuvor arbeitslose Menschen zu Eindollarbrillen-Optikern ausgebildet. Sie lernen dabei, mit Hilfe einer von Aufmuth entwickelten Maschine und einigen Werkzeugen, aus einem Stück Draht einen Brillenrahmen zu fertigen. Neben den manuellen Fertigkeiten erhalten sie das notwendige Wissen in Optik sowie grundlegende Kenntnisse in Betriebswirtschaft. Nach dieser Ausbildung erhalten sie die Maschine auf Leihbasis und eröffnen ihr eigenes Optiker-Geschäft. So haben sie ein Einkommen und versorgen durch die lokal produzierten Brillen die Menschen in ihrer Gemeinde. Durch das Projekt entstehen Arbeitsplätze vor Ort.

Entwicklungshilfe Westafrika

Die Arbeit von Astrid Toda verfolge ich seit einigen Jahren mit großer Sympathie, weil ihre Art von Förderung echter Selbsthilfeprojekte die Eigeninitiativen wirklich anspornt. Anders als viele andere Projekte, die ich in Afrika kennengelernt habe, bevormunden ihre Bildungsprojekte nicht und machen die Menschen und Gemeinden nicht abhängig, sondern bauen das Selbstbewusstsein und das Eigenwertgefühl auf. Durch das Errichten von Schulen in den abgelegenen ländlichen Regionen werden die Familienstrukturen erhalten; Kinder können ihren Familien auf den Feldern helfen und dennoch zur Schule gehen; Mädchen wird eine fairere Chance auf eine Grundbildung gegeben.

Da die Planung der Schulen Aufgabe der Gemeinden ist und die Dorfbewohner aktiv und kostenfrei an ihrer Schule mitarbeiten, werden sie von Dankbarkeitspflicht entbunden. Die Schulen sind geistiges Eigentum der Dörfer, auf das sie stolz sind. Natürlich freuen sich die Gemeinden über die Hilfe aus dem Ausland, sie haben aber trotzdem das Gefühl, das ihnen Mögliche dazugetan zu haben. Die Projekte liefern Anreize, selbst aktiv zu werden und sich zu engagieren. Es wird sichergestellt, dass angemessene Selbsthilfe-Maßstäbe nach Lebensstandard, Bildung und Gesundheit gesetzt werden. 

Makaranta

In Haussa, einer in Westafrika weitverbreiteten Sprache, bedeutet „Makaranta“ das, was der Verein unterstützen will: „Schule“. Der Verein wurde von dem Journalisten Kurt Gerhardt, der von 1983 bis 1986 Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) im Niger war, 2001 gegründet und setzt sich für die Förderung der Grundbildung in Afrika ein. Makaranta zeichnet jährlich mit Hilfe eines Wettbewerbs vorbildliche afrikanische Grundschulen mit einem Preis aus und hebt sie damit öffentlich als beispielhaft hervor, damit ihre Leistungen anderen zur Nachahmung dienen können.

Als vorbildlich gelten pädagogische Leistungen, die Schulen aus eigener Kraft erbringen, also im wesentlichen ohne ausländische Mitwirkung. Zu den Vergabekriterien des Preises zählen der bauliche Zustand und die Hygiene in den Schulen, die Qualität der Lehrer, die Akzeptanz durch die Bevölkerung sowie die Beteiligung der Eltern am schulischen Leben. Die Initiative ist derzeit in Benin, Burkina Faso und Mali tätig. Wenn keine Gruppe kompetenter und vertrauenswürdiger Personen mehr gefunden wird, die bereit ist, den Schulwettbewerb ehrenamtlich und nur gegen Erstattung unvermeidlicher Auslagen durchzuführen, wird der Wettbewerb in diesen Ländern eingestellt.

Schulbank

Das Stipendienprogramm Schulbank e.V. in Tansania orientiert sich an der Bildungsarmut, daher investiert Schulbank in die Erstausbildung von Waisenkindern und Kindern sehr armer Familien. Die Kinder werden ausschließlich auf Privatschulen geschickt, die dem Projekt einen Rabatt von 50 Prozent einräumen und sich so an der Hilfe beteiligen. Zudem sind Eltern verpflichtet, 25 Prozent der Schulgebühren selbst zu tragen, womit sie ihr Interesse zeigen. Damit beteiligen sich Tansanier mit mehr als 50 Prozent an den Gesamtkosten und kommen so ihrer elterlichen und gesellschaftlichen Verpflichtung nach.

Ein gutes Zeichen für deutsche Spender. Die Schulgebühren werden direkt an die Schulen gezahlt. Ausgezahlt wird auch nur, wenn die Zeugnisse des Vorjahres vorliegen. Die Spender haben online Zugriff auf alle Rechnungen, die Spender bezahlt haben, auf die Leistungsnachweise durch die Schulen sowie die jährliche Bewertung durch Schulbank. 

Zikomo

Vielen Afrikanern ist es nicht möglich, das Studium ihrer Kinder eigenständig zu finanzieren. Hier hilft unter anderem der Verein Zikomo („Danke“) in Graz. Es werden afrikanische Studenten und Studentinnen in ihren Heimatländern gefördert. Studienbezogene Kosten werden übernommen. Die Überwindung der Bildungsarmut bedeutet besonders für die Frauen Selbstvertrauen und eine Chance, ihre Situation dauerhaft zu ändern. Mit diesen sogenannten Sur-Place-Stipendien kann auch der Abwanderung des hochqualifizierten akademischen Nachwuchses aus ökonomischen Gründen entgegengewirkt werden.

Auf diese künftigen Fach- und Führungskräfte, insbesondere im naturwissenschaftlich-technischen Bereich, sind die Länder dringend angewiesen. Bildung spielt eine enorm wichtige Rolle bei der Armutsbekämpfung; nur wer lesen, schreiben und rechnen kann, kennt seine Rechte und kann sie einfordern, nur er hat die Chance, eine besser bezahlte Arbeitsstelle zu finden.

Die sieben Beispiele können zur Nachahmung dienen. Da die privaten Initiativen weniger Mittel als staatliche Organisationen zur Verfügung haben, überprüfen sie ihre Arbeit in der Regel intensiv und erfolgreich. Faustregel: Je mehr Geld im Spiel ist, desto schwieriger ist es, die Mittel sinnvoll auszugeben.

Die Säckel der staatlichen Geber sind übervoll. Deren Hilfsprogramme agieren oft fröhlich aneinander vorbei. In meinem Büro in Jaunde hatte ich mir den goldenen Spruch von Bill Gates aufgehängt: „Geld wirksam zu verschenken, ist nahezu so schwer, wie es zu verdienen.“ Anders die Vereine: Sie arbeiten direkt am Problem und zwingen den Menschen nicht ihre Präferenzen auf. An diesen Initiativen hängen keine Jobs, die gefährdet wären, wenn die Hilfe erfolgreich war.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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