30. April 2018

Die Geschichte des Ersten Mai Vom Blutbad zum Krawall

Zurück zu den Wurzeln

von Michael Klein

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Bildquelle: shutterstock So fing es an: Bombe auf dem Haymarket in Chicago am 4. Mai 1886

Am 1. Mai 1946 hat der Alliierte Kontrollrat den Ersten Mai als Feiertag bestätigt. Seitdem wird er begangen, mit oder ohne Brückentag.

Die Geschichte des Ersten Mai ist jedoch älter. Sie beginnt bereits im Jahre 1890.

Die Sozialistische Internationale hat den 1. Mai 1890 zum Kampftag der Arbeiterbewegung bestimmt. Die sogenannte „Haymarket Square Affair“ aus dem Jahre 1886 diente dabei als Aufhänger. Am 4. Mai 1886 war es zwischen protestierenden Arbeitern und der Polizei auf dem Chicagoer Haymarket Square zu einer Auseinandersetzung gekommen, in deren Verlauf eine Bombe gezündet und vier Polizeibeamte getötet worden waren. Die anschließende Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten endete mit weiteren sieben Toten und vielen Verletzten.

Am 1. Mai 1890 galt in Deutschland noch das Bismarcksche Sozialistengesetz (es wurde zum 1. September 1890 aufgehoben), das Gründung, Versammlung und Schriften sozialistischer und kommunistischer Vereine verbot. Deshalb wurden die Versammlungen zum Ersten Mai zur Maifeier umfunktioniert. Als Erkennungszeichen für die, die mehr als Feiern mit dem Ersten Mai verbanden, galt eine rote Nelke im Knopfloch.

Mit dem Ersten Weltkrieg verloren SPD und Gewerkschaften das Interesse am Ersten Mai. Nur der Spartakusbund rief zu illegalen Maikundgebungen gegen Krieg und Militarismus auf.

Der 1. Mai 1919 wurde von der damaligen Nationalversammlung zum Feiertag erklärt. Der Feiertag war einmalig, da im Parlament keine Einigung mit DNVP, DVP und Teilen des Zentrums über einen nationalen Feiertag der Arbeit hergestellt werden konnte.

Erst Adolf Hitler und die NSDAP haben den Ersten Mai als deutschlandweiten Feiertag verankert. Er wurde zum 1. Mai 1933 zum ersten Mal als „Tag der nationalen Arbeit“ begangen. In Städten wurden Aufmärsche und zentrale Kundgebungen veranstaltet, der Höhepunkt fand 1933 in Berlin mit einer Rede des Reichskanzlers Adolf Hitler statt. Gegenstand der Rede war nach Angaben der „Vossischen Zeitung“ das Problem, der „Arbeit ihre Würde wiederzugeben und Gegensätze im Volk zu versöhnen“. In der heutigen Diktion ging es also um Gerechtigkeit und darum, Einkommensunterschiede zu verringern.

Nach dem Krieg wurde der Erste Mai in der Westzone durch den Kontrollrat der Alliierten als Feiertag zugelassen und seither vom DGB mit Massenkundgebungen begangen. Im Osten Deutschlands führte die SED die Tradition des Ersten Mai mit Massenaufmärschen und einer Militärparade fort, 1960 zum Beispiel unter dem Motto „Der Sozialismus siegt“.

Die Geschichte des Ersten Mai in der Bundesrepublik und im vereinigten Deutschland zeigt die Veränderung von einem Tag, an dem es konkret um Rechte der arbeitenden Bevölkerung ging (1950er bis Ende der 1960er Jahre), zu einem Tag, an dem für Frieden und internationale Solidarität geworben wurde (1970er bis Ende der 1980er Jahre), bei dem seit den 1990er Jahren das „Soziale“ in den Vordergrund gestellt wird und der nach und nach in den 2000er Jahren um eine Infantilisierung und um das, was man bei Gewerkschaften für „Gerechtigkeit“ hält, ergänzt wurde.

Und natürlich darf man nicht vergessen, dass der Erste Mai zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist. Die Toten aus dem Chicago des Jahres 1886 wurden von der Sozialistischen Internationalen zu Märtyrern einer Arbeiterbewegung aufgebaut und instrumentalisiert, um den Ersten Mai mit symbolischem Gehalt auszustatten. 132 Jahre später ist der Erste Mai wieder zu einem Tag der Randale und der Kriminalität geworden, der in Berlin, Hamburg und Leipzig von autonomen Chaoten, ausgebrannten Fahrzeugen und eingeschlagenen Schaufensterscheiben und natürlich von verletzten Polizeibeamten gekennzeichnet ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


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