19. Februar 2018

Frauenmarsch in Berlin Durch das Spalier der Nazi-Bekämpfer

Am Checkpoint Charlie ist Schluss

von Alexander Wendt

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Bildquelle: shutterstock Protestierten in Berlin: Frauen

Es geht schon mal leicht weißrussisch los: Wer mit der U 1 zum Startpunkt der Frauendemonstration zum Halleschen Tor in Berlin will, die um 15 Uhr starten soll, der hat ab 14.45 Uhr Pech. „Wegen einer Demonstration hält der Zug nicht an der Station Hallesches Tor, sondern fährt durch“, verkündet der Fahrer einen Bahnhof vorher per Mikro. Dabei hat die Demonstration zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen, die Teilnehmer sammeln sich erst.

Und die Demonstranten gegen Übergriffe auf Frauen und für die Sicherheit öffentlicher Räume sammeln sich gut 200 Meter vom U-Bahnhof entfernt; die U-Bahn-Trasse verläuft auf Stelzen, in keinem nur irgendwie denkbaren Fall könnten die Demonstranten den Bahnverkehr stören. Demonstrationswillige müssen trotzdem ein gutes Stück laufen. Auch der Reporter. Und er landet wie etliche andere erst einmal in einer sogenannten Gegendemo und muss durch einen Polizeikordon und Absperrgitter.

Andererseits gibt das auch eine gute Gelegenheit, in die Runde zu fragen: Wer demonstriert eigentlich gegen einen Frauenmarsch, dessen Teilnehmer sich über sexuelle Übergriffe und gegen den Import eines archaischen Männerbildes empören? Dazu hatte jedenfalls die Aktivistin Leyla Bilge aufgerufen, eine Deutsch-Kurdin. Nach Hunderten sexuellen Attacken von Migranten von Köln bis zur Gegenwart hatte sie beschlossen: Ihr reicht es. Zu den Mitorganisatoren und Rednern gehörten der libanesisch-deutsche Filmemacher Imad Karim und der schwule Publizist David Berger (der in seiner Rede unter anderem in Richtung regenbogenschwenkender Gegendemonstranten sagte: „Ihr steht nicht für mich“).

Auffällig ist, dass in den Aufrufen der Antifa und der Grünen von Friedrichshain-Kreuzberg jeder Hinweis auf Bilge als Organisatorin fehlte. Dafür ist durchgängig von einer „AfD-Demonstration“ und „Rassisten“ die Rede – obwohl die AfD gar nicht zu den Anmeldern gehört. Einer Deutsch-Kurdin Rassismus vorzuwerfen – das hätte vermutlich selbst für gestandene Berliner Linksradikale einen Tick zu albern geklungen.

Auf dem Platz am Halleschen Tor findet eine der Gegendemonstrationen statt. Eine Rednerin auf einem Wagen unterhält ein kaum vorhandenes Publikum. „Deutschland gibt Millionen Euro aus, um Migration zu bekämpfen und um Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen“, ruft sie in die Tiefe des Raums. Und: Die AfD wolle Gender-Lehrstellen an den Universitäten abschaffen. Mit dem Thema des Frauenmarschs von Bilge und anderen hat das zwar nichts zu tun, aber es gibt dem Reporter Gelegenheit, ein wenig zu filmen. Das Sichtfeld ist schließlich frei. Mit einer älteren Frau, die auf einer Pfeife trillert, versuche ich ein Gespräch. „Warum protestieren Sie eigentlich gegen die Frauendemonstration dort drüben? Sie sind doch nicht für Übergriffe auf Frauen, oder?“ – „Nein, bin ich nicht“, sagt die Frau. „Dann könnten Sie sich doch der Frauendemo anschließen, oder?“ – „Ich bin aber gegen die AfD. Dort ist gerade ein AfD-Bus gekommen.“ Tatsächlich steht ein weißer Reisebus 50 Meter entfernt an der Straße, ein paar Passagiere steigen aus. Wenn es wirklich Leute sein sollten, die zu der Demo von Leyla Bilge wollen, dann wären sie auf der falschen Seite gelandet. „Woher wissen Sie, dass es ein AfD-Bus ist?“ – „Weil das hier gerade so durchgegeben wurde.“ Aha.

Inzwischen schreit die Frau auf dem Wagen, die gerade vom Ertrinkenlassen im Mittelmeer und Genderlehrstühlen gesprochen hatte: „Uns gehört die Zukunft!“ Eine Gelegenheit, finde ich, um mit ihr ins Gespräch zu kommen: „Woher wissen Sie das?“ Leider gibt es keine Antwort. Dafür versuchen schon seit ein paar Minuten verschiedene Frauen, die Linse meines I-Phones mit Fähnchen zuzuhalten, um mich am Filmen zu hindern, und ich schlage ihre Fähnchen wieder weg. Eine Dame mit gepiercter Unterlippe tritt auf: „Warum filmen Sie hier?“ – „Weil ich Journalist bin und das mein Job ist.“ – „Wo haben Sie Ihren Pressebutton?“ – „Wo haben Sie Ihre Polizeiuniform?“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst in Berlin Beamte nicht mit Lippenpiercings unterwegs sind. In dem Moment kommt ein bärtiger junger Mann aus dem linken Pulk neben dem Lastwagen sehr zielstrebig auf mich zu. Zum Glück besitze ich ja ein bisschen Demoerfahrung aus Leipzig im Herbst 1989, auch da gab es diese federnden sportlichen Greifer, deren Auftrag darin bestand, mit dreisten Subjekten unter den Montagsdemonstranten in den Clinch zu gehen. Ich gebe ihm die freundliche Empfehlung, abzuhauen; in dem Moment setzt sich allerdings schon eine Polizeikette in Bewegung, ein Polizist packt mich und schiebt mich weg. „Sie haben provoziert“, sagt der Beamte. Höfliche Frage meinerseits, was das denn solle, ich sei Journalist, das hier sei öffentlicher Raum und das dort drüben eine Rednerin, die ich als Berichterstatter filmen dürfe. „Die Leute dort haben versucht, mich am Arbeiten zu hindern. Und ich soll der Provokateur sein?“ Ich zeige meinen Presseausweis. „Na gut“, sagt der Polizist. „Wenn Sie mir das so erzählen, stellt sich das anders dar.“ Wir verabschieden uns freundlich.

Von dieser Auftaktveranstaltung versuche ich zu der eigentlichen Frauenrechtsdemo durchzukommen, was sich als schwierig erweist. Erst muss ich durch einen Kordon junger Leute mit schwarzen Kapuzen, dann mit Presseausweis durch eine Polizeiabsperrung und ein Gitter. „Schäm dich, schäm dich“, skandieren die Schwarzkapuzen, als sich das Gitter für mich öffnet. „Wofür soll ich mich schämen?“ Keine Antwort. Ich sehe schon: Eine Dialogveranstaltung wird das heute abend nicht.

Gegen 16 Uhr setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Es stehen Leute mit Anti-Merkel-Plakaten dort, mit Deutschlandfahnen, mit Pappschildern wie: „Wir sind kein Freiwild.“ Neben mir läuft ein mittelaltes Paar, beide Ärzte, wie sich herausstellt, beide aus einer Gegend nördlich von Berlin angereist. Dass es sich bei ihnen laut Antifa, Grünen und Linkspartei um Rassisten und Nazis handeln soll, amüsiert sie. „Seltsame Stadt“, sagt der Mann.

Ich lasse erst den Zug fast an mir vorbei und schließe dann wieder nach vorn auf. Schätzungsweise laufen 1.400 Menschen auf der Kreuzberger Friedrichstraße. Das Durchschnittsalter liegt um die 40. An jeder Querstraße, abgeschirmt von Gittern und Polizisten, stehen Leute in schwarzer Funktionskleidung und schreien: „Nazis raus“. Ich unternehme den nächsten Gesprächsversuch. Hinter Polizisten steht ein kleines Grüppchen, ein Mann mit Bart und dunklem Teint schreit ein wenig manisch: „Nazischweine, Nazischweine.“ Ich halte ihm meinen Presseausweis hin und frage: „Warum meinen Sie, dass die Demonstranten Nazischweine sind?“ Er: „Ich kann dich nicht verstehen.“

An einem Café am Straßenrand steht ein Pulk, eine junge Gegendemo-Frau klatscht in die Hände und singt: „Merkel ist nicht hier, Merkel ist nicht hier.“ – „Ist doch auch gut so, oder?“, meine ich, um eine Konversation anzufangen. Damit scheint sie nicht gerechnet zu haben; sie meint etwas sinnlos: „Ich sehe nicht aus wie Merkel.“ – „Ja, dann seien Sie doch froh.“ Leider kommt keine Antwort. Schade.

Inzwischen ist der Zug am Checkpoint Charlie zum Stehen gekommen, weil sich auf der anderen Seite des ehemaligen Mauerverlaufs eine kleine Gruppe von etwa 200 Leuten gesammelt hat, die von der Polizei als „Spontandemonstration“ bezeichnet wird. Deshalb, heißt es, könne die Frauendemo, die ja eigentlich zum Kanzleramt führen soll, nicht weiter. Die Blockade von Demonstrationszügen ist normalerweise verboten. In anderen Bundesländern würde die Polizei deshalb die Straße räumen, um das Demonstrationsrecht der Anmelder durchzusetzen. In Berlin ist das alles etwas anders. Ich eruiere, ob ich von der U-Bahn-Station Kochstraße aus wegkomme, denn ich habe noch einen anderen Termin in der Stadt. Die U-Bahn ist geschlossen, vor dem Zugang stehen Sicherheitskräfte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). „Warum ist hier zu?“, frage ich eine BVG-Frau. „Na, wegen der Demo. Weil die sonst da unten im Bahnhof alles kleinschlagen.“ – „Glauben Sie wirklich, die dahinten schlagen hier was klein?“, frage ich und zeige auf den Frauendemo-Zug. „Na, die nicht“, sagt die Frau. „Die sind ja die einzigen Vernünftigen hier. Aber die und die.“ Dabei zeigt sie auf die Antifa-Blockade vor ihr und rechts von ihr. Bei Uniformträgern scheint mir am heutigen Abend die Sympathie ziemlich einseitig verteilt zu sein.

Allerdings kann die Polizei nur das tun, was ihre politischen Richtlinien vorschreiben. In diesem Fall heißt das: Am Checkpoint Charlie ist Schluss mit dem Frauenmarsch, weil die Wohlmeinenden unter Führung von Antifa, Linken und Grünen das so durchsetzen. Später sammeln sich doch noch einige am Kanzleramt.

Für jemanden, der tatsächlich die Demonstrationsstrecke mitgelaufen war, ist es interessant, nachzusehen, wie der Niederschlag der Frauendemo in den Qualitätsmedien aussieht. Die Speerspitze bildet das ZDF-Nachrichtenportal: Es berichtet nicht nur zuerst über die „Gegendemo“ und nur am Rand und unter Weglassung aller Details und Hintergründe über die eigentliche Demonstration, sondern schickt den nun wirklich albernen alternativen Fakt in die Welt, bei der Demo von Bilge hätten nur 500 Menschen teilgenommen. Dass das nicht stimmt, konnte jeder Beobachter sehen, ganz unabhängig davon, ob die tatsächliche Zahl nun bei 1.200 oder 1.400 lag. Alle Berichte betonen, es habe sich um einen „rechten Frauenmarsch“ gehandelt, das Wort „Frauenmarsch“ wird auch fast durchgängig in Anführungszeichen gesetzt. Die „BZ“ nennt Leyla Bilge eine „selbsternannte Frauenrechtlerin“, beantwortet aber leider nicht die Frage, welches Amt in Deutschland Frauenrechtlerinnen ernennt. Womöglich das gleiche Amt, das Qualitätsjournalisten zertifiziert? Keines der Medien sieht es als Problem, dass linke Gruppen das Demonstrationsrecht in Berlin problemlos aushebeln können. Es drängt sich die Frage auf, ob das auch umgekehrt so reibungslos funktionieren würde.

Nur eine kleine Fußnote: Während die eigentliche Organisatorin Bilge in den meisten Berichten nur kurz gestreift wurde, verzichtete kaum ein Medium auf den Hinweis, der Pegida-Gründer Lutz Bachmann aus Dresden sei bei der Demonstration dabei gewesen. Dabei fehlt der Hinweis regelmäßig, dass er weder zu den Anmeldern noch zum Organisationsteam gehörte. Er ging und stand zwar ganz vorn – allerdings als ziemlich unbeachtete Nebenfigur auf dem Gehweg. Wobei: unbeachtet, das stimmt höchstens halb. Die meisten Journalisten beachteten ihn jedenfalls mehr als die Frauen, die ganz vorne im Zug liefen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Publico“.


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