16. Februar 2018

Kampf gegen Kinderarbeit in Afrika Entwicklungshilfe für Verantwortungslose

Der Aktivismus der guten Gesinnung

von Volker Seitz

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Bildquelle: CECIL BO DZWOWA / Shutterstock.com Nicht immer ausbeuterisch: Kinderarbeit in Afrika

Entwicklungshilfeminister Gerd Müller gibt seinem Aufsatz für die „Wirtschaftswoche“ den Titel „Schluss mit unserem Kolonialismus“. Er schreibt: „Ob Kaffee oder seltene Rohstoffe – wir leben auf Kosten Afrikas.“ Ferner prangert er „Kinderarbeit zu Sklavenlöhnen“ an. „Diese Zustände müssen wir ändern – und zwar sofort und dauerhaft.“

Jeder wünscht sich, dass Kinder in Afrika eine schöne und unbeschwerte Jugend verbringen. Leider verkennt diese Betrachtung völlig die Realitäten vor Ort. Auch in Europa war lange Zeit zum Beispiel Kinderarbeit in der Landwirtschaft normal. Oftmals ist sie die einzige Chance, Hunger und bedrohlicher Armut zu entkommen.

Anders müssen wir das bei ausbeuterischer Kinderarbeit beurteilen, die unter gefährlichen Bedingungen stattfindet, etwa in Steinbrüchen. Da hat Müller recht. Da im Kongo unter den 140.000 Arbeitern etwa 40.000 Kinder in den Minen arbeiten, die ohne Rücksicht auf Gesundheit das Produkt manuell aus dem Boden holen müssen, verweigern inzwischen viele Unternehmen aus ethischen Gründen den Kauf des Metalls aus dem Kongo. Sie weichen auf andere Länder wie China, Kanada, Russland und Australien aus.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt, dass der Familienclan des aktuellen Staatschefs Joseph Kabila Anteile an mindestens 70 Firmen und mehr als 120 Lizenzen zum Abbau von Bodenschätzen hält. Das Vermögen von Kabila wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. Die EU und die USA haben gegen hochrangige Mitglieder der Regierung Kabila Sanktionen verhängt. Von Minister Müller habe ich noch nie eine öffentliche Kritik an den Machtverhältnissen im Kongo gehört. Dann müsste er konsequenterweise jede Entwicklungshilfe für das Land einstellen. Allein aus Deutschland fließen derzeit jährlich etwa 265 Millionen Euro in den Kongo. Gebracht hat es bislang wenig.

Was bedeutet die Arbeit konkret für die betroffenen Kinder?

Eine Studie der Tulane University zeigt, dass an der Elfenbeinküste und in Ghana nur ein kleiner Teil der Kinder durch den Kakaoanbau vom Schulbesuch abgehalten wird. Missbräuchliche Kinderarbeit oder Sklaverei stehen in beiden Ländern unter Strafe. Die Kinder werden keineswegs für alle Arbeiten auf den Pflanzungen eingesetzt. Vielmehr helfen sie bei Tätigkeiten, die viele Arbeitskräfte erfordern, wie der Vorbereitung des Bodens, der Ernte, die sich auf eine Haupt- und eine Nebenernte beläuft, und bei der Weiterverarbeitung der Kakaobohnen nach der Ernte. Nur vergleichsweise wenige Kinder helfen beim Einpflanzen der Setzlinge oder bringen Düngemittel aus. Nicht jede Form von Arbeit ist für Heranwachsende schädlich, so auch UNICEF. Viele Kinder wollen auf dem Feld oder im elterlichen Betrieb mithelfen und können dabei einiges lernen.

Dirk Messner leitet das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. In seinem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung Online“, „Der Westen hat als Vorbild dramatisch gelitten“, finden sich richtige Einschätzungen und Aussagen sowie einige wichtige Vorschläge, die bei Umsetzung durchaus Fortschritt bedeuten könnten. Was Messner aber nicht sagen sollte (was bei seinem Job aber nachvollziehbar ist): Er redet neuerdings von „wir“. Das war nicht immer so. In dem etwas älteren Artikel „Afrikaner wenden sich gegen Entwicklungshilfe“ auf der Homepage von 3sat wird er mit der Aussage zitiert: „Entwicklung muss in den Ländern selbst initiiert und angestoßen werden, man kann von außen nur unterstützen.“

Es geht vor allem um die eigene Verantwortung der Länder selbst. Nicht wir machen Entwicklung dort, sondern die Regierungen, Parlamente, Gesellschaften und Eliten müssen sich um ihre eigene Entwicklung kümmern, müssen die Voraussetzungen für Entwicklung schaffen; dann können wir sie dabei unterstützen. Der Anstoß für Reformen muss aus dem Inneren des Kontinents kommen. Und Multilateralität ist keineswegs ein Allheilmittel, vielleicht sogar im Gegenteil.

Nicht Kapital fehlt, sondern förderungswürdige Projekte

Angesichts der enttäuschenden Bilanz der bisherigen Entwicklungspolitik sollte deren Kurs grundlegend geändert werden. Geberfunktionäre verdienen – zumal im Ausland – reichlich Geld, und viele von jenen, die die Hilfe in Empfang nehmen, wissen es in der Regel so anzustellen, dass ihre persönlichen Interessen dabei nicht zu kurz kommen. Ich bin der Meinung, dass die milliardenschwere staatliche Hilfe stark zurückgefahren werden sollte. Es fehlt nicht an Kapital, sondern an förderungswürdigen Projekten.

Es sollten nur noch in wenigen Ländern eigene Anstrengungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft unterstützt werden. Bildung spielt eine enorm wichtige Rolle in der Armutsbekämpfung. Nur wer lesen, schreiben und rechnen kann, kennt seine Rechte und kann sie einfordern, nur er hat die Chance, eine besser bezahlte Arbeitsstelle zu finden.

Eine geradezu leidenschaftliche Zuneigung zu Afrika zeigt der ehemalige Bundes- und IWF-Präsident Horst Köhler seit langem. Er spricht von großem Respekt vor Afrika und seinen Menschen. Allerdings ist seine oft gehörte Feststellung, afrikanische Eigenverantwortung bedeute „vor allem Selbstverpflichtung unsererseits“ rätselhaft. Auch Köhler sagt gerne „wir“. Das ist sicher gut gemeint, aber damit schwingt er sich zu dem auf, der andere entwickeln will. Er müsste aus Erfahrung wissen, dass das nicht geht, dass wir niemanden – und für andere nichts – entwickeln können außer uns selbst. „Diese bemutternde Haltung, die in den Dritte-Welt-Kreisen des Nordens seit Jahrzehnten verbreitet ist, steht im Widerspruch zum Subsidiaritätsprinzip, das verlangt, dass helfende Agenturen – private oder staatliche – keine Aufgaben übernehmen dürfen, die vom Entwicklungsland selbst erfüllt werden können“, sagt Kurt Gerhardt, der Koordinator des Bonner Aufrufs.

Wir fördern Verantwortungsverweigerung

Das Bewusstsein der Eigenverantwortung ist in Afrika weitgehend zerstört worden, weil ausländische Helfer zu viel Verantwortung an sich gezogen haben. Je mehr Verantwortung wir aber für die Entwicklung Afrikas übernehmen, desto mehr fördern wir Verantwortungsverweigerung der dafür in erster Linie Zuständigen. Afrika ist reich an Bodenschätzen, reich an fruchtbaren Böden und reich an Talenten seiner Bewohner. Trotzdem kommt dieser Kontinent, vor allem wegen der rasanten Bevölkerungszunahme, nicht auf die Beine.

Europa muss endlich Tabugrenzen überschreiten. Nur wer eine verantwortliche Familienplanung aus eigener Verantwortung betreibt, sollte Hilfe bekommen. Afrika selbst, das heißt Regierungen und Gesellschaften, müssen sich diesem traditionsbeladenen Thema stellen. Wir müssen ihnen deutlich machen, dass Maßnahmen gegen das rasante Wachsen der Bevölkerung zu ihrer eigenen Verantwortung gehören.

Die Prosperität des Südens sollte nicht länger als Bringschuld begriffen werden, die der Norden mit immer mehr Kapitaltransfers abzugelten hat, sondern als selbst zu lösende Aufgabe. Die Diskussion muss auch in afrikanischen Medien geführt werden, auch wenn man damit bei all jenen Gesinnungsethikern aneckt, die Verantwortung für Armut und Unterentwicklung ausschließlich im Norden vermuten.

Der Aktivismus der guten Gesinnung

Was wir in Afrika erleben, ist das Versagen der afrikanischen Regierungen und der von konsequenter Selbstüberschätzung getragene Versuch der Entwicklungshilfe, das auszugleichen. Obwohl jedes Jahr Milliarden für Entwicklungshilfe in Afrika ausgegeben werden, erheben mantraartig mehr oder weniger prominente Menschen, frei von Zweifeln, ihre Stimme und behaupten, dass Afrika unsere Hilfe brauche.

Es fehlen vielen afrikanischen Politikern – wie ich sie kennengelernt habe – Organisationskompetenz, Selbstbewusstsein und Leitziele. Sie arbeiten nicht zäh und schrittweise daran, das Notwendige zu verwirklichen. Es fehlt am Willen zur Wohlstandssteigerung für einen großen Teil der Bevölkerung. Es sollte keine Entwicklungshilfe mehr an Länder gehen, die nicht bereit sind, ihre Einkünfte, insbesondere aus Bodenschätzen, offenzulegen. Infrastrukturprojekte sollten nur noch nur in Ländern finanziert werden, in denen bereits früher errichtete Anlagen dauerhaft instandgehalten werden. Gefördert werden sollten nur noch diese Projekte, weil dadurch möglichst viele Menschen Arbeit finden.

Oft sprechen afrikanische Regierungen von eigenen Zielen, die aber kaum einer hat, näher ausführt oder gar präzise bestimmt. Von Gerechtigkeitserwägungen inspirierte Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung gibt es nicht. Während die Bevölkerung in den Industrienationen glaubt, mit „Entwicklungszusammenarbeit“ Armut zu lindern und der Gerechtigkeit zu dienen, machen sich die Helfer vor Ort nur selten Illusionen. Aber diese Diskrepanz wird in Deutschland nicht öffentlich diskutiert.

Der Aktivismus der guten Gesinnung muss mit einem Fragezeichen versehen werden. Ich bezweifle, dass bisher aus den Erfahrungen die richtigen Schlüsse gezogen werden. Da wir keine große Rücksicht auf die Realitäten in den verschiedenen Ländern nehmen, befreit de facto die aktuelle Entwicklungshilfe die meisten Staatschefs von der Verantwortung gegenüber ihrem Volk. 

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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