19. Dezember 2017

Ernüchternde Erfahrungen mit Entwicklungshilfe Ein Aussteiger berichtet

Der Helferkomplex macht Afrikaner zu ewigen Opfern

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Macht Afrikaner zu Opfern: „Weißer Helferkomplex“

Die Erfahrungen der Entwicklungshilfe für Afrika sind ernüchternd, manchmal erschreckend. Jeder, der mit Entwicklungshilfe vertraut ist, kennt zahlreiche trostlose Geschichten. Verteidiger der Entwicklungshilfe wehren sich gegen den „Hilfs-Pessimismus“. Aber kein Kontinent erhält mehr Geld als Afrika, doch Not und Elend hat das viele Geld nicht aus der Welt schaffen können.

Was wir in Afrika erleben, ist das Versagen der afrikanischen Regierungen und der von konsequenter Selbstüberschätzung getragene Versuch der Entwicklungshilfe, das auszugleichen. „Mzungu – der Weiße oder Fremde“ beschreibt auf Swahili denjenigen, der ziellos umherirrt. Sehr anschaulich ist der Bericht „Unbestechlich“ von Tim Kanning und Johannes Pennekamp in der „FAZ“ vom 8. Dezember, nachzulesen auch beim Bonner Aufruf.

Ganzseitig wird über die Vergeblichkeit von Entwicklungshilfe in Afrika geschrieben. Hier ein paar Kernsätze aus dem Artikel: „Ein erheblicher Teil der Entwicklungsgelder in Westafrika fließt in korrupte Kanäle“, behauptet Marc. „Daran lassen meine Erfahrungen vor Ort überhaupt keine Zweifel.“ (Marc war bis September 2017 Projektmanager der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). In dem Bericht wird er nur „Marc“ genannt, weil in seinem Arbeitsvertrag steht, dass er über seine Erlebnisse nicht reden darf.)

„Vor allem bei Bauausschreibungen durch Ministerien und öffentliche Einrichtungen, mit denen die KfW vor Ort zusammen arbeitet, vermutet er systematisch Unregelmäßigkeiten.“ – „Das Fatale daran sei nicht in erster Linie die Verschwendung von Steuergeld, oder dass irgendein Minister Oberklassewagen fahre, sondern die zerstörerische Kraft der Hilfen: ‚Die bittere Realität ist doch, dass wir die korrupten Strukturen am Leben halten, weil wir den Kleptokraten ständig neues Geld geben.‘“

„7,3 Milliarden Euro hat die Entwicklungsbank im vergangenen Jahr bereitgestellt.“ – „Ein altgedienter KfW-Mitarbeiter, der sich dem Rentenalter nähert, wird in der ‚FAZ‘ zitiert: Die große Konkurrenz der Geldgeber begünstige die Korruption sogar: Es gibt viele Mittel zu vergeben, aber zugleich einen Mangel an unterstützenswerten Projekten. Die Organisationen stünden zudem unter Druck, dass die Mittel möglichst schnell abfließen. Wenn einem Empfängerstaat die deutschen Standards zu hoch sind, muss er nach Alternativen nicht lange suchen. Die erfahrenen Entwicklungshelfer prangern zudem einen Etikettenschwindel an, der mit Slogans wie ‚Klimawandel stoppen‘ oder ‚Fluchtursachen bekämpfen‘ betrieben werde. ‚Wir machen dieselben Sachen wie immer, verkaufen sie aber unter diesen Labeln‘, sagt der KfW-Mitarbeiter.“

Der in der „FAZ“ zitierte KfW-Mitarbeiter weiter: „Denkt man da ans Hinschmeißen?“ – „Am Ende geben sie sich damit zufrieden, dass irgendwo eine neue Schule, ein Brunnen oder eine Straße entsteht.“

Gesamtkontext und Nebenwirkungen würden von den Entwicklungshelfern ausgeblendet. „Die Altbauwohnung, das gute Gehalt, teure Dienstreisen, die Familie, die Anerkennung der Freunde – das alles hindert sie daran, aus dem ‚goldenen Käfig‘ auszubrechen.“

Von Entwicklungshelfern beziehungsweise deren Organisationen höre ich häufig, dass sich die Entwicklungshilfe in den vergangenen 60 Jahren stark verändert habe. Mit Hilfe der Geber sei zum Beispiel die Korruptionsverfolgung gestärkt und die Armut vermindert worden. Aber ich erkenne keine grundsätzliche Änderung der Grundeinstellung hin zu einer Wirkungstransparenz, damit meine ich, dass etwa der Rechnungshof endlich prüfen darf, wie wirkungsorientiert eine Organisation vorgeht. Warum geschieht das nicht? Weil wir uns nie wieder entbehrlich machen wollen.

Die Entwicklungshelfer haben lange so getan, als könnten sie immer alle Probleme lösen. Dadurch verloren viele Menschen den Sinn für Eigenverantwortung, und der vielfach abgenutzte Slogan „Hilfe zur Selbsthilfe“ wird zur hohlen Phrase. Welche Hilfsorganisation hat sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, in einem überschaubaren Zeitraum nicht mehr zu existieren?

Seit Jahrzehnten wird Entwicklungspolitik mit einem gigantischen Personal- und Finanzeinsatz betrieben. Trotzdem werden die Minimalziele nicht einmal annähernd erreicht. Länder wie Ruanda, Botswana, Mauritius oder Ghana zeigen, dass sie ganz oder weitgehend mit eigener Kraft vorankommen. Dauerhilfe aus dem Ausland dagegen zementiert die Abhängigkeit der Regierungen und verlangsamt eine nachhaltige Entwicklung. Warum reden wir den Afrikanern immer wieder ein, dass sie ihre Probleme nicht selbst lösen können?

Es scheint schwer zu sein, die Menschen einfach ihren eigenen Ideen zu überlassen. Immer nimmt sie jemand bei der Hand. Der „White Savior Industrial Complex“ (Teju Cole) macht die Afrikaner zu ewigen Opfern.

Das Thema Entwicklungspolitik wie auch die personelle Besetzung des Ministeriums (BMZ) gehört nach meinen Erfahrungen bei Koalitionsverhandlungen zu den „Restgrößen“ unter „Sonstiges“ der Vereinbarungen. Deshalb bleiben meine Erwartungen an die zukünftige Entwicklungspolitik sehr bescheiden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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