29. November 2016

Spenden für Afrika Alle Jahre wieder – die falschen Geschenke

Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen!

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Garant für hohe Spendeneinnahmen: Traurige Kinderaugen

In der Vorweihnachtszeit werden wir alle wieder mit wohlmeinender Post überschüttet, die an unsere Großzügigkeit appelliert. Bunte Prospekte mit Überweisungsformularen verstopfen die Briefkästen. Große Kinderaugen schauen uns an; afrikanische Gesichter. „Spende“ – das ist immer noch synonym mit „Afrika“. Die Marketingexperten der Spendenbranche haben die Erfahrung gemacht, dass im Weihnachtsmonat doppelt so viel gespendet wird wie sonst. Die Lobbyisten privater Hilfsorganisationen, die oft mehr als 35 Prozent ihrer Spendeneinnahmen in Verwaltung und Werbung investieren, können sich auf der emotionalen Ebene durchsetzen. Allerdings: Je gefühlsbetonter die Spendenaufrufe sind, desto mehr Misstrauen ist angebracht.

Die Botschaft für das bessere Spender-Gewissen lautet in etwa: „Macht euch keine Gedanken, stellt keine politischen Fragen. Kümmert euch nicht um die wahren Ursachen, spendet einfach Geld, dann müsst ihr nicht weiter nachdenken.“ Die zuweilen ins Banale abgleitenden Begründungen für immer mehr Geld zugunsten von Afrika gewinnen durch ständige Wiederholung nicht an Gewicht. Ein Riesenapparat lebt sehr gut von der angeblichen Verantwortung für Afrika. Etwas anderes als einen von unserer Mildtätigkeit abhängigen Bettler-Kontinent können wir uns nicht mehr vorstellen.

Dafür sorgen die Presseabteilungen von Institutionen, die von der Entwicklungshilfe leben. Unsere Entwicklungshilfe, deren Ziel es eigentlich sein müsste, sich so bald wie möglich überflüssig zu machen, läuft schon über ein halbes Jahrhundert. Sie hat sich derart verselbständigt, dass sie auf Ewigkeit angelegt zu sein scheint. Von Beendigung redet niemand – wohlgemerkt: der Entwicklungshilfe, nicht der akuten Nothilfe; für die gelten andere Regeln.

Die Armen in Afrika haben zwei gewichtige Hindernisse zu überwinden: untätige, korrupte Politiker und eine Entwicklungsindustrie, die weitgehend mit sich selbst beschäftigt ist. Sie haben keine Lobby, denn Popgrößen wie Bono oder Bob Geldof, die bei unseren Politikern ein- und ausgehen, vertreten nicht die Bedürftigen. Sie kennen sie gar nicht.

Es geht nicht allein um Geld

Fest steht, dass der Unterschied zwischen Arm und Reich während der vergangenen Jahre größer statt kleiner geworden ist. Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, es gehe allein um Geld. Es geht genauso darum, andere Lebenskulturen mit großem Respekt und Anerkennung wahrzunehmen. Wir haben in der Vergangenheit – und da schließe ich mich ein – gemeint, wir müssten die Afrikaner von unseren Wertvorstellungen überzeugen und Afrika brauche unsere Hilfe. Noch immer beziehen Tausende von Helfern ihre Daseinsberechtigung aus dieser Einstellung.

Eine Chance auf Veränderung wird es aber nur geben, wenn die Verantwortlichen in Afrika eine vernünftige Politik, etwa Agrarpolitik, verfolgen. Die dortigen Eliten müssen sich mehr für die Entwicklung und Infrastruktur ländlicher Gebiete und damit die Ernährungssicherung interessieren. Findet das nicht statt, lässt es sich weder durch mehr Hilfe noch durch fairen Handel ausgleichen. Die unerhört tüchtigen Bauern, gerade in den kargen Sahelländern, werden sowohl von ihren Eliten als auch von der Entwicklungspolitik wenig unterstützt.

Dass es auch anders geht, hat die Führung in Malawi bewiesen. Innerhalb von vier Jahren wurde aus dem südafrikanischen Armenhaus ein Maisexporteur. Der damalige Staatspräsident hatte sich nach einer Dürre im Jahre 2005 der Landwirtschaft angenommen und Saatgut sowie Dünger subventionieren lassen. Darüber hinaus wurden Bewässerungsanlagen und Silos für das Erntegut gebaut. Übrigens: Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen hat nachgewiesen, dass es zu Hungerkatastrophen immer nur in Diktaturen kam.

Nach über 50 Jahren Entwicklungshilfe geht es den meisten Afrikanern im Durchschnitt wirtschaftlich meist schlechter als kurz nach der Kolonialzeit. Die Teilhabe an den wirtschaftlichen Wachstumsprozessen bleibt den oberen Schichten der afrikanischen Gesellschaft vorbehalten. Unrechtsbewusstsein oder Selbstzweifel sind bei den Dauerpräsidenten höchst selten. Sie setzen fest, was Recht ist. Ihr Machtsystem beruht auf berechnender Verteilung von Gefälligkeiten und nicht auf gemeinschaftlichem Wohl. Welcher der führenden Politiker, mit Ausnahme der Staatslenker in Botswana, Ghana, Mauritius, Namibia, Ruanda oder dem Senegal, hat eine Vorstellung von der Zukunft seines Landes und davon, wie er Wachstum und Jobs schafft?

Die doppelte Bedeutung der „Nachhaltigkeit“

Unsere Regierungen sollten die Politik der geschlossenen Augen gegenüber den versorgten Staats- und Machtapparaten, die den Fortschritt durch interne Korruption teils bewusst verhindern, beenden. Wir wissen, dass die Gelder aus dem Norden oftmals Afrika nicht aus der Krise helfen, sondern den Status quo zementieren. Das inflationär gebrauchte Wort von der Nachhaltigkeit hat auch die unangenehme Doppelbedeutung, dass nicht nur das „Projekt“ nachhaltig sein muss, sondern eben auch der Finanzier. Nachhaltigkeit sollte bedeuten, dass sich die Projekte selbständig und unabhängig von außen weiterentwickeln. Die Helfer müssen lernen, den Erhalt, die Fortführung und die zukünftige Entwicklung den Projekten selbst zu überlassen. Sie haben Erfolg, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Kritische Stimmen mehren sich, die Entwicklungshilfe eher für einen Fluch als für einen Segen halten – gerade auch in den Entwicklungsländern. „Wenn die Entwicklungshilfe eingestellt würde, wären die politischen Eliten das erste Opfer, weil ihre Machtstrukturen dadurch gesprengt würden“, sagt etwa James Shikwati, Gründer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft IREN in Kenia. Die erheblichen Fortschritte in Ruanda werden nicht wegen, sondern trotz der Entwicklungshilfe gemacht. Ruanda ist sicher keine Demokratie im westlichen Sinne, aber ein Staat, der aufgrund von stabilen Rechtsregeln für die Wirtschaft und der Förderung von Frauen wesentlich besser vorankommt als die meisten anderen Staaten in Afrika.

Die Wirtschafts- und Bildungsreformen haben die Armut erheblich abgebaut. In Ruanda wurde erkannt, dass dies die einzige Möglichkeit ist, den Sprung aus der Dritten Welt zu schaffen und das Leben der Afrikaner zu verbessern. Nur durch Bildung, egal ob jemand ein Handwerk erlernt oder eine akademische Ausbildung absolviert, können Menschen es schaffen, sich etwas aufzubauen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Lage in Afrika südlich der Sahara wird sich solange nicht verbessern, wie die Afrikaner nicht nach der Erkenntnis handeln, dass allein sie selbst für die Bewältigung ihrer Zukunft verantwortlich sind. Natürlich ist das schwer: Die jahrzehntelange Gewöhnung ist Teil der Mentalität geworden, „der Norden“ sei für die Entwicklung Afrikas mit zuständig.

Kräfte der Selbsthilfe gelähmt

Die Staatschefs sind nicht auf Steuergelder angewiesen, um Staatsaufgaben zu finanzieren. Das bedeutet, dass sie von der Verantwortung gegenüber ihrem Volk befreit sind. Auf Entwicklungshilfe wird daher häufig Anspruch erhoben. Warum auch nicht? Die Geber stehen Schlange, sie legen keinen Wert darauf, dass die Regierungen eigene Lösungen erarbeiten. Alle wollen ja helfen. So werden die Kräfte zur Selbsthilfe gelähmt.Dieses Denken, dass andere anpacken sollen, mindert Afrikas Entwicklungschancen. Mit unseren gut gemeinten milden Gaben erreicht man keine Änderung gesellschaftlicher Grundprobleme. Der Motor eigenständiger Entwicklung und Selbsthilfe springt nicht an.

Hilfen dürfen nur noch als Nothilfe im Falle etwa von Naturkatastrophen, die außerhalb der menschlichen Kontrolle liegen, gegeben werden. Mittelfristig sollte Unterstützung an Erziehung, Bildung, Ausbildung, Aufbau demokratischer Institutionen einschließlich eines gerechten Steuersystems (viele Reiche in Afrika zahlen gar keine Steuern), an Kleinstkredite sowie arbeitsintensive Beschäftigungsprogramme für öffentliche Aufgaben und Förderung des Handels gebunden werden. Ich finde, wir sollten uns auf diese Bereiche konzentrieren. Armutsbekämpfung kann sich nicht in sozialen Hilfsprogrammen erschöpfen, sondern sie muss immer auch Erwerbsmöglichkeiten der Basis fördern. Am Ende sollte nur das zählen, was dauerhaft ist. Um das zu erreichen, müssen wir künftig mit Fehlern offen umgehen. Unserer Politik in Afrika mangelt es an Deutlichkeit.

Wir müssen aufhören, Regime, die Menschenrechte missachten, zu hofieren. Ich weiß, es klingt nicht realistisch, aber wir sollten aufhören, Zweckfreundschaften mit Regierungen zu pflegen, die eine Ausplünderungspolitik gegen ihr eigenes Volk betreiben.

Migration befördert Armut nach Europa

Noch heute sprechen die Kameruner voller Hochachtung von ihrem ersten Präsidenten Ahmadou Ahidjo. Er musste 1982 aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten. Er war dafür bekannt, dass er häufig durch das Land fuhr und sich für aufwendig gebaute Villen interessierte. Wenn etwa ein Präfekt oder Gouverneur zugeben musste, dass ihm in seinem Bezirk mehrere Anwesen gehören, und nicht erklären konnte, woher die Mittel kamen, ließ Ahidjo dem Betreffenden nur die Möglichkeit, sich ein Haus auszuwählen. Die weiteren Gebäude musste er zugunsten der Staatskasse verkaufen. Es ist nicht erstaunlich, dass es zu Ahidjos Regierungszeit kaum Korruption gab.

Für afrikanische Regierungen heute ist die Flucht vieler junger Männer nach Europa kein Alarmzeichen, sondern willkommen, da die Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit mit exportiert werden können. Die Regierenden werden dadurch Druck los. Das Schicksal ihrer eigenen Landsleute ist ihnen gleichgültig, und sie sehen mit großer Gelassenheit zu, wenn wieder einmal Hunderte von Migranten in der Wüste verdursten oder auf ihrer Fahrt in schrottreifen Booten nach Italien oder Spanien ertrinken.

Die unverantwortlich agierenden Führungen müssen an ihre Verantwortung erinnert werden. Bisher haben sie es sich zu leicht gemacht, wenn sie meinen, die Hauptschuld für fehlgeschlagene Entwicklungen an ausländische Geber „outsourcen“ zu können.

Dem moralischen Druck widerstehen

Es sollte in Afrika öffentliche Debatten geben, wie sich ein Land entwickeln soll (Eigentumsrechte an Grund und Boden, Anreize und Rechtssicherheit für einheimische und ausländische Investoren, Krediterleichterungen, sorgsamer Umgang mit natürlichen Ressourcen, Förderung der Landwirtschaft und Öffnung der Grenzen für den innerafrikanischen Handel).

Bis heute haben die meisten Bürger der Länder, in denen ich 17 Jahre gelebt und gearbeitet habe, nicht den Eindruck, dass die Regierungen ihre Interessen vertreten. Die Präsidenten dieser Länder behandeln ihre Mitbürger oft wie Untertanen. Es wundert daher auch nicht, dass sie auf den offiziellen Portraits, die in jeder Amtsstube und Schule hängen, grimmig und einschüchternd auf sie herabschauen.

Lassen Sie sich auch nicht unter Spenden-Druck setzen! Stark mitleiderregende Fotos werden meist von unseriösen Unternehmen genutzt. Geben Sie Ihr Geld nur Organisationen, die transparent und umfassend über Strategie, Aktivität und Wirkung informieren.

Vertrauenswürdige Spendenorganisationen haben öffentlich zugängliche Jahresberichte, in denen die Verwendung der Gelder detailliert nachzulesen ist. Jeder kann sicherstellen, dass seine Zuwendung in die richtigen Hände kommt. Als Faustregel gilt nach meinen Erfahrungen: Bildungs- und Gesundheitsprojekte zu unterstützen, ist zumeist richtig. Vorbildlich sind zum Beispiel die Projekte von Amref (Flying Doctors), Ärzte ohne Grenzen, Ein-Dollar-Brillen, Sabab Lou, ZIKOMO.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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