28. November 2016

Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst Genügt es, Weißer zu sein, um in Afrika helfen zu können?

Sollte „Entwicklungshelfer“ überhaupt ein Beruf sein?

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Junge Freiwillige: Motiviert, aber auch qualifiziert?

Der ehemalige Peace-Corps-Landesdirektor in Kamerun, Robert L. Strauss, schrieb 2008 in der „New York Times“: „Das Spiel heißt: Schickt Freiwillige ins Feld, ob sie qualifiziert sind oder nicht.“ („The name of the game has been getting volunteers into the field, qualified or not.“) Daran hat sich bis heute nichts geändert. In diesem Punkt ähneln sich das Peace Corps, also das Friedenscorps der USA, in dem Freiwillige helfen sollen, das Verständnis zwischen Amerikanern und Angehörigen anderer Völker zu fördern, und „Weltwärts“, der deutsche „entwicklungspolitische Freiwilligendienst“. Tausende unerfahrene junge Leute werden in Entwicklungsländer geschickt. Wem nutzt dieses Engagement, in dem ausdrücklich kein Fachwissen vorausgesetzt wird, wirklich?

In dem Blog torben-in-ghana.blogspot.de ist zum Beispiel zu lesen: „Als Weißer wird man hier ganz anders wahrgenommen und behandelt. Auf den Märkten wird man von fast jedem (und das können in zehn Sekunden auch mal schnell zehn Leute sein) angesprochen, von den Kindern oft mit Obroni (‚Weißer‘). Das Bild vieler GhanaerInnen ist: Er ist weiß, er hat Geld. Und das stimmt sogar, denn alleine mit meinem Taschengeld steht mir doppelt so viel Geld wie einem einfachen Angestellten zur Verfügung.“ Und: „Gegen Ende bin ich an meine psychische Belastungsgrenze gestoßen, weil ich mir die Frage gestellt habe: Wieso braucht man Weltwärts-Freiwillige, um Missstände aufzuzeigen, die Entwicklungshelfer seit Jahrzehnten nicht in der Lage waren zu lösen?“

Die Armen haben keine Möglichkeiten, sich zu wehren. Da werden junge Leute um die Welt geschickt, um Jobs zu erledigen, für die in den betreffenden Ländern genügend Personal zur Verfügung stünde. Man müsste die Menschen in diesen Ländern nur anleiten und angemessen bezahlen. Man stelle sich den Aufschrei an einer hiesigen Schule oder in einem Kindergarten vor, wenn, um beim Beispiel zu bleiben, ein ghanaischer Schulabgänger hierher käme, um deutsche Kinder in Englisch zu unterrichten oder Kindergartenkinder zu erziehen. Es würde wohl erst einmal nach seiner Qualifikation gefragt.

Ohne nennenswerte Lebens- und Berufserfahrung kann man keine Entwicklungshilfe leisten. Auch braucht man die unabdingbare Sensibilität für Menschen und Situationen in einem völlig fremden Umfeld. Das Bemühen, als Hobby-Helfer etwas Gutes für die Völkerverständigung tun zu wollen, reicht nicht. „Hilfsbedürftige mit Helferwillen“ hat ein EU-Delegierter in Benin einmal die bleichen jungen deutschen Mädchen und Burschen genannt, die dort „helfen“ wollen. Sie tragen gerne Hosen in Java-Batik-Muster, den „typisch afrikanischen“ Stoffen, oder haben das dünne Haar zu Rasta-Zöpfen gedreht, um ihre Solidarität zu zeigen. Mit Verlaub, viele Afrikanerinnen und Afrikaner finden solche Erscheinungsbilder lächerlich.

In Afrika zählen persönliche Beziehungen und Vertrauen. „Man muss den Afrikanern nicht helfen, weil sie ja ach so arm sind. Es würde schon reichen, wenn man sie in Ruhe lässt. Entwicklungshilfeorganisationen haben in vielen Fällen das freie Unternehmertum zerstört und Afrikaner zu Bettlern gemacht. Wer braucht schon 20-jährige Freiwillige, die beim Brunnengraben helfen? Haben die schon jemals einen Brunnen in ihrer Heimat gegraben? Die wissen nicht einmal, wie ein Brunnen ausschaut“, sagt Jean-Marie Téno, Filmemacher aus Kamerun.

Selbst wenn ihre Egotrips ins Elend nicht viel Schaden anrichten, sie dienen jedenfalls nicht den Menschen, denen sie doch helfen wollen. Wenn Jugendliche vom Rechner oder Smartphone weggelockt werden können, finde ich das positiv. Es ist vernünftig, wenn Abiturienten oder Studenten sich in der Welt umsehen, Erfahrungen mit ineffizienten Bürokratien und Korruption sammeln und damit im Alltag denselben Beschwernissen wie Afrikaner unterliegen. Nach der Rückkehr werden ein paar Illusionen beiseite geräumt sein, und es reift die Erkenntnis, dass öffentliche Dinge bei uns meist in geordneten Bahnen ablaufen.

Jugendlichen mit dem deutschen „Weltwärts“-Programm mit Steuergeldern, derzeit sind es jährlich 29 Millionen, einen Abenteuerurlaub zu finanzieren, mag innenpolitisch gewünscht sein, mit Entwicklungshilfe hat es aber nichts zu tun. Zumal die meisten Entwicklungsländer – so habe ich es erlebt – nicht gefragt wurden, ob sie diese Art „Hilfe“ überhaupt wünschen. Kürzlich erzählte mir ein junger Mann, er sei für ein „Aufforstungsprojekt“ ein halbes Jahr in Benin gewesen – und habe keinen einzigen Baum gepflanzt. Es habe Koordinierungsprobleme mit den Stellen vor Ort gegeben.

Manche Politiker wünschen sich, dass Jugendliche durch das Programm eine berufliche Orientierung bekommen. Sollten wir uns dagegen nicht endlich fragen, ob Entwicklungshelfer überhaupt ein Beruf sein sollte? Entwicklungshilfe kann keine lebenslange Aufgabe sein, denn der Sinn der Hilfe soll ja sein, dass sie sich in wenigen Jahren selbst überflüssig macht. Das sagen wir aber schon seit über 50 Jahren. Also machen wir etwas falsch.

Es ist schön, wenn sich junge Menschen für positive Veränderungen einsetzen, aber sie müssen sich dann auch kritische Fragen stellen. Qualifiziert das Aufwachsen in Deutschland automatisch, um in Afrika „helfen“ zu können? Wo kann er oder sie als Abiturient und ohne Ausbildung und Erfahrung tätig werden? Was könnte ein ungelernter Einheimischer nicht auch leisten – und dabei etwas verdienen, um seine Familie zu ernähren?

Volker Seitz war 17 Jahre in Afrika tätig. Sein Buch „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann“ erschien 2014 bei dtv in siebter überarbeiteter und erweiterter Auflage.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Ortner Online.


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