28. Februar 2015

Kreuzfahrten und Intellektuelle Das tut weh

Frank Schulz schreibt über die Hölle

von Wolfgang Röhl

Dossierbild

Was wirklich angesagt ist bei Mode, Literatur, Film oder Reisen, kann man in gegen den Strich gebürsteten Bestenlisten, exklusiv verbreiteten Debattenmagazinen oder Internet-Feuilletons nachschlagen. Erkenntnisfördernder ist der Blick auf das, was abgesagt ist. Der Laubbläser zum Beispiel, ein Hassobjekt des Juste Milieu. SUVs sind ebenfalls megaout. Wer bei besseren Sommerpartys in einem dieser blechernen Breitärsche aufkreuzt, kann auch gleich ein Schmunzelbüchlein von Ildikó von Kürthy als Gastgeschenk überreichen. Definitely not zeitgeisty.

Und dann ist da noch die Kreuzfahrt. Geht schon gar nicht.

Der Zufall führt jetzt Hit- und Shitlist zusammen. Ein zumeist begeistert rezensierter, mit Literaturpreisen behängter, sehr norddeutsch verkauzter Autor, der sich mit seiner kneipenmiefgeschwängerten „Hagen-Trilogie“ ein kleines, ihm treu ergebenes Publikum erschrieben hat (ähnlich Arno Schmidt, der ja auch keine Leser hatte, sondern Jünger), dieser aparte Mann mit dem Allerweltsnamen Frank Schulz also lässt in seinem neuen Werk zwei sonderbare Typen auf Kreuzfahrt gehen. Auf der „Flipper IV“ durchs Mittelmeer! Da lacht sich Schulzes Gefolgschaft schon mal einen ab.

Mit der Kreuzfahrerei verhält es sich so: Die Branche boomt seit etwa zehn Jahren. Über 1.600.000 Deutsche gingen 2013 an Bord. Der Trend zeigt, von Krisen unerschütterbar, stetig nach oben. Es gibt Kreuzfahrten auf allen Meeren, für jede Brieftasche und jedes Gusto. Auch Themenfahrten für Heavy-Metal-Anhänger, Musikantenstadl-Enthusiasten, Schwule, Swinger. Nur Veganern wird derzeit noch keine Kreuzfahrt geboten. Aber bestimmt demnächst.

Zugleich werden die Sirenen der Kreuzfahrtengegner immer schriller. Hohn und Spott von den üblichen, der Intellektualität Verdächtigen, ist jedem sicher, der seine Koffer auf so einen Dampfer setzt. Ganz egal, ob es sich um ein Billigschiff etwa aus der Aida-Flotte handelt oder um einen Luxusliner wie die Queen Mary 2. Kreuzfahrt gilt als die doofste Art, Urlaub zu machen. Kreuzfahrt ist wie Ballermann, nur etwas teurer. Allenfalls noch lässlich in den Augen der Reisegeschmackswarte sind Fahrten entlang der norwegischen Küste auf den legendären Hurtigruten-Schiffen. Dies aber auch nur, weil es sich bei Norwegen, zumal für Deutsche, um das Reich des Guten schlechthin handelt.

Was ist der Grund für die Häme, die sich über kreuzfahrende Touris ergießt? Dass sie alt seien, steinalt, ja kurz vorm Abnippeln stünden, wird zwar oft vorgetragen, kann aber in einer alternden Bevölkerung kaum als Argument herhalten. Alt sind auch die Wähler der Linken, die Leser des „Spiegel“ und der „Welt“ sowie die Zuschauer von ARD und ZDF, ohne dass man sie speziell deshalb madig macht.

Apropos ZDF: Hat die seit 34 Jahren ausgestrahlte „Traumschiff“-Reihe mit für die Annahme gesorgt, auf einem Kreuzfahrer tummelten sich nur Beknackte mit Pseudoproblemen, hysterische Tussen und Schmierlappen von Männern? Kann eigentlich nicht sein. Die Ozeanette wird von ihren Liebhabern noch immer millionenfach eingeschaltet. Alle anderen schlagen einen Riesenbogen darum.

Hinter den Tiraden gegen die Kreuzfahrt steckt mehr als bloß Geschmäcklerisches, so viel scheint sicher. Kurz zurück zu Frank Schulz: Sein Roman zur See („Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“) wurde von der „taz“ wärmstens empfohlen, was schon mal kein günstiges Omen ist. Schulz habe die „Alltagshölle“ einer Traumfahrt in „vielen komischen Stellen“ und mit „viel sprachlicher Findungskraft“ beschrieben.

Uuhhh. Klingt nicht gut.

Paar Zitate als Teaser? Der Kampf am Frühstücksbuffet sei „Gedränge wie Massenpanik von Hypnotisierten in Zeitlupe. Oder ein Bacchanal von Zombies“.

Aahhh. Tut weh.

Das ist billiges Touristenbashing. Gesellschaftskritik aus der Grabbelkiste („Unser Schiff eine genormte Arche gegen die Sintflut des genormten Alltags“), die einem die genormte Strickjacke auszieht. Gerade gut für einen Schenkelklopfer bei den Latte-Schlürfern vom Prenzlberg (auch so ein Klischee, ich weiß).

Was ich von dem Buch sonst noch mitbekommen habe, sind der übliche Schulz-Sprech („Nech“) und eine erschreckend erwartbare Gedankenkonfektion. „Konsumrausch und Partyzwang, grenzenlose Völlerei und Entertainment-Terror“, rühmt die „Welt“, was in Wahrheit unter den alten Hüten einer der zerknautschtesten ist. Wer eine ideologisch zwar zeitgemäß verblendete, aber sprachlich brillante Denunziation des Touristentums wünscht, ist mit dem jungen Enzensberger („Eine Theorie des Tourismus“, 1958) womöglich besser bedient.

Schulz stammt aus Hagen, einer Siedlung bei Stade. In den Käffern und Trinkstätten dieser niedersächsisch-platten Gegend kennt er sich aus; weiß, was und wie dort geschnackt wird. Keiner hat das tresenphilosophische Gesabbel unter Einfluss des lokalen Alkgedecks Lütt un Lütt (Bier und Köm) so akribisch transkribiert wie er. In den Kreuzfahrtendunst hat er leider nur mal reingeschnuppert, was für ein wirklich komisches Kolorit nicht reicht. Außerdem ist es nicht sehr lange her, da das mit skurrilen Fußnoten gespickte, ultimative Kreuzfahrthasserbuch erschien: „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ von David Foster Wallace. Da muss einer erst mal rankommen.

Frank Schulz heißt der sicher nicht.

Warum geht es immer gegen Kreuzfahrten? Ferienclubs in Spanien oder der Türkei sind genau so organisiert – friss & lach von früh bis spät. Gehobene Clubs sind übrigens keineswegs billiger als eine Passage auf der, sagen wir, „Mein Schiff 2“. Nur fahren diese touristischen Rummelplätze nicht, sie sind immobil. Der Kreuzfahrtdampfer dagegen treibt sich herum. Nur so, zum Jux seiner Passagiere. Er verheizt massenhaft Öl und treibt Mütterlein Erde noch mehr Angstschweiß auf die CO2-feuchte Stirn.

Schlimm, gewiss. Jedoch, warum wird der sich so nennende Studienreisende, der zum Beispiel die heiligen Stätten der Aborigines abklappert, nicht an den Pranger der Lächerlichkeit gestellt? Der faule Eingeborenenzauber, den Besucher gegen happige Gebühren besichtigen können, ist genauso breitgetrampelt wie die Pfade, auf denen Kreuzfahrer bei ihren Landausflügen zu den sattsam bekannten Sehenswürdigkeiten wandeln. Und wie, nebenbei gefragt, kommt so ein Kulturerkunder wohl nach Australien? Auf dem Liegerad?

Nein, was Kreuzfahrtdampfer in politkorrekten Augen so hassenswert macht, ist mehr als ihre Ökobilanz und die Schlichtheit des Unterhaltungsangebots. Diese Pötte sind einfach eine schwimmende Allegorie der Ungerechtigkeit unserer Welt. Jedenfalls für den ewigen Sozialdemokraten, welcher selbst oder gerade in einem Besserverdiener schlummert, der auf 140 Quadratmeter saniertem Altbau mit Parkett residiert.

Die berühmte Schere zwischen Arm und Reich, wo klafft sie skandalöser als auf einem 300 Meter langen Musikdampfer? Oberdecks fressen und tanzen die Happy few, unterdecks schuften und schwitzen die Verdammten dieser Erde. Bei Letzteren handelt es sich oft um Philippinos, wie man weiß. Fern ihrer Lieben müssen diese modernen Sklaven Schichten schieben. Der Zugang zu den Bereichen ihrer Ausbeuter ist ihnen streng untersagt, außer wenn sie Speisen servieren oder Kabinen schrubben.

Welch ein unwiderstehliches Gleichnis! Wie geschaffen für eine Margot-Käßmann-Predigt.

Beim Thema Kreuzfahrt stören Fakten nur. Dass Zeitarbeit auf einem Schiff besser ist als gar keine Arbeit in irgendeinem Slum von Manila? Welchen Moralkeulenschwinger interessiert denn das? Dass auf den meisten Kreuzfahrern zwar nicht gerade deutsche Tariflöhne bezahlt werden, dass die Malocher aber zumindest im Vergleich mit philippinischen Verhältnissen eine recht ordentliche Heuer nach Hause tragen? Nebbich. Dass die Arbeitsbedingungen auf einem Schiff sich seit Joseph Conrad ziemlich verändert haben? Will eh keiner wissen.

Und dass bei Bruno, unserem liebsten Edelitaliener, unten in der Küche auch ein paar dunkelhäutige Menschen wirken, die nicht viel mehr als den Mindestlohn kriegen, wenn überhaupt? Schwamm drüber. Die sieht man, was ein Glück, höchstens mal auf dem Gang zum Klo.

Die Hagen-Trilogie von Frank Schulz habe ich mit Vergnügen gelesen. Jedenfalls das erste Drittel. Danach wiederholt sich der schulztypische Singsang, und „passieren“ tut in seinen Büchern sowieso selten was. Dass dieser fulminante Freak nun seinen Hintern auf einen derart populistischen Pott gesetzt hat, enttäuscht mich ein bisschen.

Beim nächsten Buch kehrt er hoffentlich zu seinem Turf zurück. In den Torf, sozusagen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

Fanden Sie diesen Artikel interessant?

Dann werfen Sie einmal einen Blick in die aktuelle eigentümlich frei 150. In diesem Heft erwarten Sie ausführliche Hintergrundartikel zu unserem Schwerpunktthema „Heiße Phase im Kalten Krieg: Fiebermessen und Farbenlehre im neuen Ost-West-Konflikt“. Dazu finden Sie in ef 150 detaillierte Analysen der Pegida-Bewegung, eine Einschätzung zum Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“, eine Darstellung der Flügelkämpfe zwischen Alt- und Jung-Emanzen, eine Reportage von der Supermarktkasse, eine ausführliche Debatte über die Sterbehilfe, ein Lob auf den Tennissport, den pädagogischen Kern eines Computerspiels sowie Lifestyle, Musik, Autos, Film, Empfehlungen über ein sinnvolles Anlageverhalten während der lange nicht beendeten Finanzkrise und weitere Analysen aus ungewohnter Sicht. Dazu viele weitere Überraschungen und Informationen, die Sie andernorts vergeblich suchen werden. Als ef-Abonnent profitieren Sie zusätzlich vom erweiterten Online-Angebot, können das Heft auch digital lesen, erhalten Zugang zu neuen und älteren Ausgaben im Archiv und können Online-Artikel im Leserkreis kommentieren.

Einzelhefte und Abonnements finden Sie hier:

eigentümlich frei bestellen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Intellektuelle

Mehr von Wolfgang Röhl

Über Wolfgang Röhl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige