20. Januar 2014

Ideologie Gutes Leben ohne Klassenkampf

Die Mühen der Sozialdemokratie mit den Kleinen Unternehmen

von Henrique Schneider

Ob konservative oder liberale, ja sogar grüne politische Gruppierungen: Alle scheinen mindestens Lippenbekenntnisse zugunsten der Besitzergeführten Unternehmen von sich zu geben. Oft als Kleine und Mittlere Unternehmen (KMU) bezeichnet, werden sie als Rückgrat und Boden der Wirtschaft dargestellt, ohne die es weder Wohlstand noch Wohlfahrt gibt. Eine politische Kraft indes, nimmt diese rethorische Spur nicht auf. Es ist nicht so, dass die Sozialdemokratie bewusst zu den KMU schweigen will, sondern es handelt sich um eine grundsätzliche Inkompatibilität. In der Welt der Sozialdemokratie gibt es keine Besitzergeführten Unternehmen. Warum ist das so?

Die Anschauung der klassischen Sozialdemokratie ist geprägt von einer Dualität, vom Kampf zweier Pole. Auf der einen Seite stehen die Arbeiter, welche in Gewerkschaften organisiert die Basis der Gesellschaft bilden und in sozialrevolutionärer Weise die Macht erlangen und das menschliche Dasein zu einer genossenschaftlichen Gemeinschaft umbilden. Auf der anderen Seite stehen die Kapitalisten, Vermögenden, das Unternehmertum, das in der Arbeiterschaft lediglich eine Ressource sieht, die es einzusetzen gilt. (Groß-)Unternehmer nutzen die Arbeiterklasse aus, indem sie den erwirtschafteten Mehrwert der Güter und Dienstleistungen für sich behalten, die Arbeiter zu Werkzeugen degradieren und so die Entfremdung von Arbeiter und Arbeit vorantreiben.

Besitzergeführte Unternehmen – nach der gängigen Anschauung der Sozialdemokratie – sollten zu dieser zweiten, ausbeutenden Seite gehören. Doch in Wirklichkeit entziehen sie sich der „wissenschaftlich-positiven“ (das heißt marxistischen) Analysen, weil sie mehrere Besonderheiten aufweisen.

Das Besondere der Besitzerunternehmen

Besitzergeführte Unternehmen sind oft von der Person des „Besitzers“ geprägt – dem oft auch der etwas mysteriöse Begriff „Patron“ zuteil wird. Dieser greift in der Regel direkt ins tägliche Geschäft ein und differenziert selten zwischen dem Geschäft an sich und seinen Mitarbeitern. Die Tatsache, dass die Führung die Angestellten kennt und sich oft ihrer persönlichen Probleme annimmt oder sie mindestens anhört, stellt eine erste Abweichung zur sozialdemokratischen Sicht der Dinge dar. Nach ihr kann es zu diesem persönlichen Austausch nicht kommen: Der Kapitalist kümmert sich nicht um die Ressource, solange sie einsetzbar ist. Mehr noch, in Besitzergeführten Unternehmen ist die Arbeit des Besitzers im Alltag nachvollziehbar und bemerkbar. Oft verrichtet er seine Pflichten im gleichen Raum wie seine Mitarbeiter und oft sind seine Pflichten gleich wie jene der Angestellten, was vor allem bei selbständigen Handwerkern und Dienstleistungsbüros offensichtlich ist. Der Chef tut das, was auch die anderen tun. Durch sein Vorbild schafft er eine Kohäsion aller Akteure.

Diese Beobachtung ist mehr als ein glücklicher Zufall in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sie ist der Moment, in dem der Klassenkampf ausgesetzt wird. Ein Unternehmen kann nach sozialdemokratischer Theorie nie der Ort eines persönlichen Austausches zwischen Unternehmer und Mitarbeiter werden. Es kann auch nicht ein Ort sein, an dem sich Mitarbeiter „wohl“ oder „zu Hause“ fühlen, denn Angestellte – in der Sprache der „wissenschaftlich-positiven Analyse“, Arbeiter – sind immer und nur ausgebeutete Materie.

In den Besitzergeführten Unternehmen kommt es zu zwei weiteren Phänomenen, die sich der sozialdemokratischen Sicht entziehen. Erstens sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer oft zusammen am Gewinn beteiligt; das bedeutet, dass die Unternehmer bereit sind, die Wertschöpfung mit den Angestellten zu teilen, was der Mehrwerttheorie widerspricht. Zweitens identifizieren sich Mitarbeiter nicht nur mit ihrer Arbeit oder ihrem Betrieb, sondern auch mit ihrem Stellenwert darin. Ihre Aufgabe erscheint ihnen so sinnvoll, dass sie bereit sind, sich mehr als gefordert einzubringen, indem sie flexibler sind, selber Vorschläge zur Verbesserung von Prozessen machen oder selber zu neuen Produkten oder Märkten anregen. Von Entfremdung keine Spur.

Positiv-wissenschaftliche Probleme

Das hohe Zusammengehörigkeitsgefühl, das in Besitzergeführten Unternehmen herrscht, ist auch auf praktischer Ebene eine Herausforderung für die Sozialdemokratie. Erstens lassen sich zu einer Gemeinschaft mitzählende Mitarbeiter nicht klassenkämpferisch gegen das Unternehmen einsetzen. Diese Mitarbeiter betrachten die Firma, für die sie arbeiten, als sinnstiftendes Ganzes und nicht als Klassenfeind. Zweitens und damit eng verbunden, lassen sie sich weniger oft in Gewerkschaften einbinden. Wer den Kampf gegen das Unternehmertum nicht befürwortet, tritt seltener den Organisationen bei, die ihn führen wollen, und wenn sie beitreten – und das ist das dritte Problem – dann eher, um bereits erhaltene Vorteile zu sichern und nicht um eine gemeinschaftliche Solidarität der Arbeiterklasse zu verlangen.

Das Ausbleiben des Arbeiter- und Klassenkampfes hat verschiedene Konsequenzen für die politischen Forderungen. Zwar stellt sich die Sozialdemokratie ein Kampf von links gegen rechts vor, doch genau umgekehrt stellen sich Besitzergeführte Unternehmen eine gesellschaftliche Kohäsion vor, die wenig mit „rücksichtslosem Kapitalismus“ und „revolutionärem Klassenkampf“ zu tun hat. Und tritt ein weiterer begriff, der in der polarisierten Welt keinen Platz findet, ein: der Mittelstand.

Sozialdemokratie und Mittelstand

In der Schweiz ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts vom Mittelstand die Rede: von einem Stand, der sich weder den anonymen Grossgesellschaften noch der Arbeiterklasse zugehörig fühlt, der jenseits von Korporatismus und Sozialismus steht. Damit verbunden ist das Verständnis, wonach der Mittelstand eine moralisch besonders wertvolle und für den Zusammenhalt der Gesellschaft besonders wichtige Einrichtung sei. Zu diesem Mittelstand zählen sich sowohl die Besitzer jener KMU wie auch seine Mitarbeiter.

Der sozialdemokratische Anti-Mittelstands-Reflex hat zum einen historische Gründe. Man war nie bereit, moralische Erhabenheitsgefühle zu akzeptieren – schon gar nicht von einer Klasse, die sich jenseits des Sozialismus ansiedelte.

Darüber hinweg ist das heute latent vorhandene Problem mit der Wirklichkeit, dass die Mehrheit der Gesellschaft es geschafft hat, ohne Klassenkampf ein gutes Leben zu führen. Es ist dem Mittelstand gelungen, den „ausbeuterischen Kapitalismus“ zu überwinden, nicht indem man ihn bekämpft hat, sondern indem man sein Spiel mitgemacht und seine Macht als Gruppe gefunden hat. Diese Gruppe ist nicht die Arbeiterschaft sondern sie ist in den verschiedenen Rollen, die der Mittelstand im Alltag, im ökonomischen und politischen Leben führt. Einerseits ist er Wähler, andererseits ist er Konsument, noch andererseits ist er Informationsempfänger und mit dem technologischen Fortschritt auch noch Informationsgeber. In der Flexibilität des Alltags hat der Mittelstand eine Position gefunden, die ihn stark macht. Diese ist durchaus mit der Rolle der Arbeitnehmer in den Besitzergeführten Unternehmen vergleichbar. Genau in dieser Parallelität liegt die Gefahr für die Sozialdemokratie, denn eben dies hinterfragt nicht nur ihr aktuelles politisches Programm sondern gleich wesentliche Annahmen und Theorien ihrer gesellschaftlichen Vorstellung.


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