01. Dezember 2009

Falsche „Bildung“ als Wahnvorstellung von FDP bis Linke Wollt ihr die totale Bildung?

Eine Kritik an den Dummenhäusern

von Rahim Taghizadegan

Das utopische Denken hält es für notwendig, dass der Mensch absolute Kontrolle über sein Schicksal erhalten solle. Dazu muss der Mensch selbst jedoch verändert werden. Da dem Utopisten die Geduld fehlt, diese Werdung persönlicher Einsicht zu überlassen (dazu sei der Mensch zu schlecht), will er durch Kontrolle über die Institutionen und deren Veränderung einen neuen Menschen züchten. „Bildung“ war dazu von Anfang an eines der zentralen Instrumente. Einerseits handelt es sich um einen sehr großen und starken Begriff, der Universalität ausstrahlt. Andererseits gab es bereits professionelle Institutionen der „Bildung“, als die Gesellschaftsingenieure zum Fortschritt in Richtung Utopia bliesen. Diese waren noch „mittelalterlich“ und ineffizient, doch sie boten ein hervorragendes Beispiel für kommende Bildungsfabriken, die der „Bildung“ zu universaler Wirkung verhelfen würden.

Menschengemachte Institutionen sind beliebig formbar und ihnen können alle Eigenschaften zugeschrieben werden, die realen Menschen fehlen. Umso größere Versprechungen werden daher mit den Institutionen verbunden. Der französische Aufklärer Denis Diderot war der erste, der dafür eintrat, dass die Schulen zur Veränderung der Gesellschaft benutzt werden sollten. Die erste Versprechung war: Der neue, mündige Mensch würde entstehen, sobald alle lesen und schreiben könnten. Das liebste Instrument des Utopisten und sein Götze, der Staat, errichtete zunächst nur vereinzelt Gebäude für „Volksschulen“. Zahlreiche Kriege und die fortschreitende Zentralisierung mehrerer Jahrhunderte waren nötig, um nach und nach ein umfassendes System zu errichten, das als „Lehrplanwirtschaft“ bezeichnet werden kann. 

Das versprochene Paradies blieb aus, denn die lesenden Menschen lasen nicht immer das „Richtige“. Doch nicht einmal die praktische Seite des Versprechens hielt. Aus Großbritannien, das hier Vorreiter war, liegen irritierende Zahlen vor. Die funktionelle Alphabetisierung war dort im 19. Jahrhundert vor Einrichtung des Schulzwangs höher als heute nach Jahrhunderten der Zwangsbeschulung. Als die Volksschulen das neue Jerusalem nicht hervorbrachten, lag der Schluss nahe, dass die Dosis an „Bildung“ noch viel zu niedrig war. Lesen, Schreiben, Rechnen war zu wenig, um den neuen Menschen hervorzubringen. Also wurde die Zwangsschule nach hinten und nach vorne ausgeweitet. Nach und nach mussten akribisch alle Kinder erfasst werden, um ja keines auszulassen. Die Gebäude mussten moderner und größer werden, die Ausstattungen teurer. Die Schulzeiten nahmen zu und die Hausaufgaben. Immer mehr Fächer waren zu unterrichten, immer detailliertere Lehrvorgaben einzuhalten. Als das nicht reichte, richtete man das Augenmerk auf die Lehrer: Womöglich waren diese zu wenig „gebildet“? Es folgte die Vereinheitlichung und Zentralisierung der Lehrerausbildung. Noch immer reichte der Bildungsaufwand nicht aus, was in der Tat ein offensichtliches Faktum ist. Dieser Trend geht bis heute weiter: Immer neue Versprechen lösen sich in immer kürzeren Zeiträumen ab. Dann, wenn alle Kinder in Ganztagsschulen stecken, werden wir endlich die Früchte der „Bildung“ genießen. Dann, wenn alle Lehrer Akademiker sind. Dann, wenn alle Kinder Abitur haben. Dann, wenn jedes Kind individuell gefördert wird. Dann, wenn endlich überall die neuesten „Bildungs“-Methoden umgesetzt wurden (die, sobald überall umgesetzt, gleich wieder veraltet sind). Dann, wenn alle studieren können. Dann, wenn jeder Mensch einen akademischen Titel trägt. Dann, wenn endlich die Mittel für die nächste brandneue, alles revolutionierende „Bildungs“-Technologie bereitgestellt werden. Dann, wenn jedes Kind einen Laptop und Internet-Zugang hat. Dann, wenn das Bildungsbudget doppelt so hoch ist! Dreimal so hoch! Viermal so hoch! Dann, wenn wir die totale Bildung geschaffen haben, dann wird mit dem neuen Menschen die Erlösung kommen.

Und dass sie noch nicht da ist, daran ist doch nur der alte Mensch schuld. Zuerst waren die Schüler die Sündenböcke, nichtsnutzige Faulsäcke, die mehr Disziplin erfordern. Dann die Eltern, verantwortungslose Proleten, denen man die Kinder möglichst früh abnehmen muss. Schließlich die Lehrer, die es immer falsch machen, egal was sie tun. Sie sind zu streng oder zu lax, zu fordernd oder zu faul, zu akademisch oder zu ungebildet. Der größte Sündenbock aber sind stets die Zweifler an der totalen Bildung, ohne diese würden sich die „großen Ideen“ viel leichter und viel dramatischer umsetzen lassen. Darum muss die „Bildung“ stets auch ideologisch gegensteuern und sich selbst legitimieren. Sidney und Beatrice Webb, Vordenker der Fabier, einer sozialistisch-imperialistischen Intellektuellenbewegung, die große Wirkung entfaltete, sprachen dies ganz offen an: „Wir sollten unsere Einimpfungsmethode fortsetzen, um jeder Klasse, jeder Person, die unter unseren Einfluss gerät, die genaue Dosis Kollektivismus zu verabfolgen, die zu assimilieren sie bereit waren. Und wir sollten weiterhin jene Regierungsmaschinerie vervollkommnen und ausbauen, die in unsere Hände gelangt.“ Sie glaubten an „die unvermeidliche Entwicklung einer offiziellen Verwaltungsklasse im modernen Staat“. Die „Bildung“ sollte also Nachwuchs an Gesellschaftsingenieuren hervorbringen.

Bildungskritik

Die Ausweitung der „Bildung“ löste allerdings Widerstände aus, und diese Widerstände bestimmten maßgeblich die Gestaltung der Institutionen. Nach dem ersten, praktischen Widerstand der Eltern und Kinder, der teilweise mit Waffengewalt niedergeschlagen wurde, folgte der langsame, theoretische Widerstand. Zuerst formierte sich dieser Widerstand auf der politischen Linken (als diese noch liberal war), die bis heute die Bildungskritik dominiert. Deren Institutionenkritik ist ungemein wertvoll. Spät setzte eine rechte Bildungskritik ein, die im Wesentlichen eine Reaktion auf die Umwandlung der Institutionen durch die Linke ist. Beide Seiten liegen richtig und doch daneben. Die Vereinigung der beiden halbsehenden Positionen in der „neuen Mitte“ der Gegenwart schließlich führte leider nicht zu zwei sehenden Augen, sondern machte aus zwei Halbblinden einen Vollblinden. Denn seit Anbeginn des Projekts der „totalen Bildung“ war dieses von einem verheerenden Missverständnis begleitet, das, da es seinen Anhängern so deutlich von Nutzen ist, als Lüge bezeichnet werden darf. Wie so oft handelt es sich um eine Verwechslung unterschiedlicher Wortbedeutung.

Bildung bezeichnet zunächst den Prozess der Menschwerdung beziehungsweise der Entwicklung der Persönlichkeit. Sie geht notwendigerweise vom einzelnen Menschen aus und liegt in dessen Verantwortung. Es ist ein inneres Werden, das nicht beliebig von außen gesteuert werden kann. Formale „Ausbildung“ ist nur ein geringer Beitrag dazu. Der größte „Lehrer“ dieser Bildung ist das eigene Leben. Die beste Schule der Verantwortung ist die Übernahme von Verantwortung. Das Bombardement mit fremden Erfahrungen, Wissensfragmenten, Anweisungen und Rezepten vermag hier keinen allzu großen Beitrag zu leisten. Wenn die Dauer, der Takt und die Wucht dieses Bombardements zunimmt, und dies in abgeschiedenen Anstalten erfolgt, dann handelt es sich dabei sogar um ein sicheres Mittel, diese Form der Bildung gründlich zu hintertreiben und gar zu verunmöglichen.

Doch Bildung hat auch noch eine zweite Bedeutung, die den Kritikern der Verschulung selten bewusst ist. Bildung bezeichnet zusätzlich zum universellen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung auch einen Lebensentwurf in einer besonderen Tradition. Auf Englisch spricht man manchmal von „The Great Tradition“, der „Großen Tradition“. Es handelt sich um die alte Tradition der Gelehrten, einer spezifischen Berufung. Was anderen Berufen einst die Zunft, war den Gelehrten die „universitas magistrorum et scholarium“, die Gesamtheit der Scholaren. Die alten Universitäten entsprachen so eher Gilden, ihre Gebäude waren erst eine später folgende praktische Form. Die Gelehrten gründeten Schulen, denn sie bedurften der „scholé“ – der Muße. Die Schule oder Akademie ist der stille Ort im Hain („akademos“) abseits des Alltagstreibens, ohne Stress und Not. Thomas Molnar sieht diese Schulen als Kulturasyle: „Wie die Religion verlangt die Kultur Zufluchtsstätten, die frei zugänglich, aber durch die Haltung natürlicher Ehrfurcht exklusiv sind, welche die Menschen den Dingen entgegenbringen, die höher stehen als sie selbst.“ Der Gelehrte war ein eigener Lebensentwurf eines kleinen Standes, der auf Reichtum und Ruhm verzichten musste und ein in der Regel asketisch-klösterliches Leben führte. Darum wäre es auch niemandem in den Sinn gekommen, diesem Stand seinen Lebensentwurf zu neiden. Wer die nötige Muße dazu mitbrachte, konnte ihm frei angehören. Die Gesellschaftsingenieure in ihrem blinden Materialismus sahen nur die materiellen Ausprägungen der Tradition und missverstanden die Gebäude, Titel, Prozeduren als Maschinerien der „Bildung“ – in ihrer breiteren, universalen Bedeutung. Der naheliegende Gedanke war: Man könne die „Bildung“ des alten Menschen zum neuen Menschen dadurch beschleunigen, dass man möglichst alle Menschen für möglichst lange Zeit durch solche Bildungsmaschinerien triebe. Was ein Lebensentwurf einiger weniger war, wurde zur Verheißung und Verpflichtung für jedermann überdehnt. Kein Wunder, dass bald der Widerstand gegen die asketischen Formen der Gelehrtentradition einsetzte, die mit der universalen Menschenbildung verwechselt wurde. Angebracht ist allerdings der Vorwurf, dass es sich mehr um eine Täuschung als um eine Verwechslung handelte, denn das Prestige der „Großen Tradition“ ist bis heute eine der wesentlichen Stützen des Bildungszwangs. Dieselbe Strategie betrieben die Utopisten im Wirtschaftsleben, dort nennt man sie Kommunisten. Diese wollten die Menschen dazu zwingen, in einem gigantischen, säkularen Kloster zu leben. Was im Kleinen die wohl wertvollste und bedeutsamste Institution des Abendlandes ist, wird im Großen zur Hölle auf Erden. Weil der Mensch an Hunger, aber nicht an Dummheit stirbt, gilt der Produktions-Kommunismus als überholt, der Bildungs-Kommunismus jedoch nach wie vor als einzig gangbarer Weg des Fortschritts. Im Kontext des Zwanges und des Kollektivismus erschien die Askese des Lernens und Lehrens als zunehmend untragbarer Zustand. Nach und nach musste das Innere der Institutionen zertrümmert werden, um allen Menschen darin Platz zu bieten. So wurde die Tradition der Bildung von innen ausgehöhlt. Um den verständlichen Widerstand zu verringern, versuchten die Gesellschaftsingenieure, die Institutionen der „Bildung“ nach und nach der Außenwelt anzupassen. Wenn es draußen in der freien Welt Fernseher und Internet gibt, ließ sich das „Bildungs“-Gefängnis nur dadurch erträglich machen, dass man auch dort die Massenmedien hereinholte. Zunehmend muss diese ausgehöhlte „Bildung“ Aufgaben der Außenwelt übernehmen. Sie soll heute die Funktion der Eltern übernehmen, erziehen, integrieren, sensibilisieren, sozialisieren, die Kinder gesünder, toleranter, ökologischer, sportlicher machen, allerlei tagespolitische Themen behandeln, Zeitgeistiges wie Genderlehre und „Anti“-Rassenkunde beibringen, die Vergangenheit bewältigen und vieles mehr.

Dummenhäuser

Illustrativ für diesen Zugang ist ein Buch, das ausgerechnet den Titel „Die Bildungslüge“ trägt. Werner Fuld wirft darin dem „Bildungssystem“ vor, zuviel Faktenwissen zu lehren und zu wenig Verständnis. Diese These ist populär, aber Unsinn.

Schon sehr früh setzte der Widerstand gegen das asketische Relikt des Auswendiglernens an. Die Folge war, dass die Kinder immer weniger Festgelegtes auswendig lernen mussten, aber immer mehr Beliebiges auswendig lernten. Früher beherrschte der durchschnittliche Schüler, der sich durch die Schule quälte, am Ende zumindest noch auswendig Gelerntes, dieses und jenes Gedicht zum Beispiel. Die zweckentfremdete Schule hatte zunächst asketische Disziplin mit universaler Ausdehnung verbunden, was ihren Ruf zerstörte. Heute bleibt nur die Ausdehnung. Je mehr die Schule der Außenwelt ähnelt, desto mehr fällt der letzte verbleibende Unterschied auf: die künstliche, erzwungene Trennung. Sobald im Biologieunterricht nicht mehr Taxonomien gepaukt, sondern Blätter gefühlt werden, wird es unverständlich und unerträglich, dazu im Klassenraum gefangen zu sein. Die Gehässigkeit, Verachtung und Abscheu, mit der heutige „Schüler“ über ihre „Lehrer“ sprechen, ist wohl historisch beispiellos. Kein Wunder: Der zwangsweise zugewiesene „Kumpel“, der über die eigene Zukunft entscheidet, aber weder Orientierung noch Wissen zu vermitteln vermag, sondern aus eigener Orientierungslosigkeit nur noch auf das große Freudenhaus der Information, das Internet, verweist, ist auch offensichtlich eine unerträgliche Absurdität.

Aufgrund der verständlichen Reaktion wurde das „Bildungssystem“ so zu einem Projekt ständiger Reform. Jeder Schritt, die „Bildung“ erträglicher zu machen, machte den Anspruch absurder.

Am Ende steht die alles umfassende Therapieanstalt, in der jedem Schüler zur individuellen Betreuung eine Psychologin beigestellt ist. In der „Schule“, die vom Schüler nichts mehr fordert, sondern ihn nur noch fördert, aber nicht mit elterlicher Liebe, sondern im Rahmen einer Zwangsinstitution, müssen die Schüler, denen keine Disziplin mehr abverlangt werden kann, medikamentös ruhiggestellt werden. Dies ist keine Science-Fiction-Phantasie, sondern in den USA bereits Realität; in jenem Staat, der der größte Vorreiter fortschrittlicher „Bildung“ ist. Weil es sich falsch anfühlt, Zwangsschülern etwas vorzusetzen, wurde dort die „Freiheit“ innerhalb der Schulen erweitert. Nun obliegt die Wahl der Fächer den Schülern, Lehrinhalte werden in gegeneinander konkurrierende Kurse gefasst. Was eine wunderbare Sache im Kontext der persönlichen, inneren Bildung sein könnte, hat im Rahmen der missverstandenen institutionalisierten „Bildung“ paradoxe Folgen. Die „Bildung“ wird zunehmend mit Ausbildung verwechselt, jener Heranführung an konkrete Erfordernisse der Realität, die sich nirgendwo anders als in und an der Realität lernen lässt. Die erzeugten „Praktiker“ und „Pragmatiker“ sind schlicht zur Theorie, zur Anschauung unfähig. Thomas Molnar bekräftigt meine Einschätzung: Jede „Institution, die nicht mehr die spezifische Rolle wahrnimmt, wozu sie geschaffen worden war, wird ebenso verwirrt wie ein Individuum, das seine Identität verloren hat. Unsere Gesellschaft wendet sich der Schule jedesmal zu, wenn sie ein neues Steckenpferd aufgreift oder ihr eine kurzlebige Aufgabe überträgt. So kann die Schule niemals in Ruhe ihre traditionellen Aufgaben erfüllen, zumal sie sich angeblich jeder Neuheit anzupassen und mit dem Ergebnis der letzten Geistesblitze ihre Experimente anzustellen hat.“ Die öffentlichen Schulen in den USA verkommen nicht trotz, sondern paradoxerweise wegen ihres pädagogischen Bemühens zu Orten der Sinnleere und Gewalt. Und damit werden sie zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Sie bereiten tatsächlich auf die „Realität“ vor, die sie mit hervorbringen.

Während das Mittelmaß des zu therapierenden Kollektivs in den USA ein erschreckend niedriges Bildungsniveau aufweist, findet man dort allerdings auch Exzellenz. Denn noch bieten sich in diesem Riesenstaat zahlreiche Möglichkeiten abseits der dominanten Institutionen, der Schulbesuch wird noch nicht polizeilich erzwungen. Ohne das Anstreben von Exzellenz kann die „Tradition der Bildung“ als Gelehrsamkeit nicht überleben. Ein Diktat der Exzellenz in der „Bildung“ im Sinne einer universellen Menschenformung ist hingegen unbarmherzig und kinderfeindlich. Das falsche Freiheitsverständnis, mit dem wir es bei der zentralisierten „Bildung“ zu tun haben, ist jenes von der Freiheit als vollkommener Macht und Kontrolle des Menschen über sein Schicksal ohne die Komponente persönlicher Verantwortung. Dies führt zu utopischer Ungeduld, zur schrecklichen Angst, dass irgendwo irgendein nicht perfektes Kind bei nicht perfekten Eltern nicht perfekte „Bildung“ erfährt und daher das irdische Himmelreich warten muss, bis alle ausnahmslos erfasst und perfektioniert wurden. Doch die angenommene Vorbestimmtheit ist eine gefährliche Illusion. Viele Menschen, die eine schwere, entbehrungsreiche Kindheit verbrachten, entwickeln später erfüllte, wunderbare Existenzen. Im Gegensatz dazu bewahrt auch ein wohlbehütetes Elternhaus ohne jeden Mangel nicht vor dem Scheitern an der Existenz, ganz im Gegenteil begünstigt es dies manchmal noch. Erinnern wir uns an Goethes Warnung, dass uns der Utopismus in ein weltumspannendes Krankenhaus führen wird. Die sprachliche Ehrlichkeit, mit der wir die Institutionalisierung und Massenversorgung im „Gesundheitssystem“ bezeichnen, geht dem „Bildungssystem“ leider ab. Analog müsste man nämlich von „Dummenhäusern“ sprechen anstatt von Schulen. Und das utopische Projekt wäre erst abgeschlossen, wenn wir alle zu braven, rundum betreuten, gefütterten, unterhaltenen Insassen eines weltumspannenden Kranken- und Dummenhauses würden. 

Die utopische Ungeduld findet sich manchmal schon in der Familie selbst, verunsichert durch die Vorhaltungen und Versprechungen. Die Eltern leben in banger Angst, ständig irgendetwas falsch zu machen, so dass ihre Kinder missraten. Nun ist leider diese panische Kontrollwut das beste Rezept zu missratenen, schwer neurotischen Kindern. Hier haben wir auch die Essenz der Bildungslüge: Die Lüge von der absoluten Kontrollierbarkeit und Machbarkeit in menschlichen Belangen. Das vernünftige Gegenmittel gegen diesen Wahn ist die gemächliche Aufforderung: Nur keine Panik! Wir dürfen nicht alles so ernst nehmen, schon gar nicht die „Bildung“.

Information

Dieser Artikel ist ein für ef ausgewählter kurzer Auszug aus den sehr empfehlenswerten Scholien von Rahim Taghizadegan. Er erschien zuerst in eigentümlich frei Nr. 98


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