23. August 2006

Arno Breker und Ayn Rand Kann Lebenskraft Sünde sein?

Eine typisch deutsche Leitkultur-Debatte

von Naomi Braun-Ferenczi

Bei Sportveranstaltungen, etwa bei Sprint-Wettkämpfen, beim Eisschnell-Lauf und im Tennis, können fast alle Zuschauer den athletischen Körpern der Sportler etwas abgewinnen. Kaum jemand stört sich an natürlich-dezenten Muskeln an den richtigen Stellen, an wohlproportionierten und symmetrischen Hüften und Brustkörben. Doch sobald man in Deutschland sportlich schöne Körper in Form von Skulpturen sieht, taucht allzu oft ein bestimmter Reflex auf: Das sei doch Nazi-Kunst und Herrenmenschentümelei! Wird menschliche Schönheit in Bronze gegossen, dann wird aus einem ästhetischen Körper eine faschistische Kreatur. Man hat gelernt, dass die Nazis eine neue Rasse germanischer Modell-Athleten züchten wollten, und das vermiest vielen hierzulande die Freude an gut gebauten Menschenkörpern und erzeugt hämischen Widerwillen gegen schöne Bodys in der gestaltenden Kunst. Doch diese Abneigung ist gespalten: Wissen die kritischen Betrachter, dass eine schöne Körperskulptur von den alten Griechen oder von Michelangelo stammt, dann erlaubt man sich den ästhetischen Genuss ohne jegliche Gewissensbisse. Doch bei Kunst aus den letzten achtzig Jahren ist alles Schöne suspekt, während das Hässliche zum Maßstab der neuen Ästhetik wird: Der Mensch darf nur noch als niederträchtiges Wesen oder elende und bedauernswerte Kreatur gezeigt werden, ansonsten gerät die Kunst schnell unter Faschismusverdacht. So wie nach Auschwitz keine gute Literatur mehr geschrieben werden darf, so ist auch die Darstellung des Schönen und Heldenhaften im Menschen für die meisten modernen Kunstkritiker zum Tabu geworden.

Anhand derart widersprüchlicher Gefühle zeigt sich bereits, dass die Nazis den Geschmack des Pöbels durchaus getroffen hatten, als sie die klassizistische Ästhetik zur Staatskunst erhoben. Das schon immer Bewunderte wurde nun zum offiziellen Ideal. Das „gesunde Volksempfinden“ in der Kunst ist keine Reißbrett-Erfindung der Nazis -– diese orientierten sich lediglich ganz sozialpopulistisch am Geschmack der breiten Masse. Kaum jemand verkörpert dieses mehrheitsfähige Ideal mehr als die Filmkünstlerin Leni Riefenstahl und der Bildhauer Arno Breker. Die derzeitige Breker-Ausstellung in Schwerin (noch bis zum 22. Oktober 2006) brachte das Dilemma zwischen Mainstream-Ästhetik und politisch korrektem Kunstverständnis wieder offen zu Tage. Dabei beschränkt sich diese Mainstream-Ästhetik durchaus nicht nur auf die deutsche Kunstseele. Der Gründer des Arno-Breker-Museums in Nörvenich, Joe F. Bodenstein, weist in einem Interview mit der „Jungen Freiheit“ darauf hin, dass auch die „Nazi-Architektur“ sich nur in das Streben der Menschen einreihe, „Großes und Sakrales zu schaffen“. In der Tat: Inkas, Ägypter, Griechen und Chinesen sind gute Beispiele dafür. Und wer, so Bodenstein, „die Speer-Architektur kritisiert, der sollte sich mal Bahnhöfe und Staatsbauten in den USA ansehen.“ In diesem Zusammenhang kritisiert Bodenstein auch die charakterlose BRD-Architektur: „Es sind Anhäufungen von Beton, Stahl und Glas, die in achtzig Jahren wieder abgerissen werden müssen, wenn nicht früher. Die Gesichtslosigkeit rührt daher, dass nicht einzelne Personen und ihre Berater über Staatsarchitektur entscheiden, sondern Gremien, Architekten und ihre Lobby.“ Das wiederum kann man vom „Museum Arno Breker“ in Nörvenich bei Düren nicht behaupten. Das Museum wird nämlich von einer privaten Stiftung finanziert und speiste sich noch nie aus Steuergeldern.

In Bezug auf die Ästhetik hat man also im Zuge der Entnazifizierung das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, ganz im Gegensatz zu ebenfalls von den Nazis eingeführten Dingen wie dem Ersten Mai-Feiertag oder dem Massenwohlfahrtsstaat. In Ländern, in denen die Darstellung des wohlgestalteten und starken Menschen als ästhetische Norm nicht wie in national- oder internationalsozialistischen Staaten zum politischen Programm geworden war, ist man übrigens unverkrampfter: In den USA zum Beispiel hat man weder Probleme mit klassizistischer Architektur, noch mit der Schönheit des menschlichen Körpers. Auch die zutiefst antisozialistische Prophetin des Individualismus, Ayn Rand, pflegte mit ihrem Kunstkonzept des „romantischen Realismus“ die Vorstellung, dass ein schöner Geist sich in einem schönen Körper am wohlsten fühle. Die „Guten“ in ihren Romanen sind nicht hässlich, sondern weisen wie der edle Guerillero Ragnar Danneskjöld „die auffallende Schönheit physischer Vollkommenheit“ sowie die „harten, stolzen Züge, den spöttischen Mund eines Wikingerstandbildes“ auf. Und da Ayn Rand keinen Sinn darin sah, das Hässliche zur ästhetischen Leitkultur zu machen, lässt sie unter anderem den Stahl-Unternehmer Hank Rearden die Niedertracht sehen, „die das Unvermögen für eine Tugend hält und die Lebenskraft als Sünde verdammt.“ Der Randsche „ideal man“ ist ein heroisches Wesen und soll seine Mitmenschen dazu anleiten, den Helden in sich zu entdecken, gerade um dem Totalitarismus Widerstand leisten zu können. Das Heldenhafte aufgrund seines propagandistischen Missbrauchs in der Geschichte zu verachten und es durch das Schwache und Elende als künstlerisches Maß zu ersetzen, würde also bedeuten, den Nazi mit dem Beelzebub auszutreiben.


Internet:
Museum Arno Breker in Nörvenich: www.museum-arno-breker.org
Individualistischer romantischer Realismus (zahlreiche Bilder und Skulpturen): www.cordair.com


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Naomi Braun-Ferenczi

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