19. September 2017

Ulf Poschardt in der „Welt“ über die Sozialdemokraten vor der Wahl Fehleranalyse der SPD

Bei den Grünen ist es ähnlich

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Bildquelle: SilviaJa / Shutterstock.com Keine Arbeiterpartei mehr: SPD

Die „Welt“ meint ausgemacht zu haben, warum die SPD gerade in sich zusammenfällt: Sie schreibt vom Absturz der SPD. Und darin eine These, von der ich mir noch nicht sicher bin, was ich davon halten soll, die ich aber dennoch – oder gerade deshalb – für überdenkenswert halte. „Die Welt“ meint, dass die SPD sich einfach mit den falschen Leuten eingelassen und darüber ihre Rolle als Arbeiterpartei verloren hat – und zwar ausgerechnet an die AfD. „Insbesondere im Funktionärsbauch verklumpen sich Gewerkschaftsreferenten mit Lehrstuhlinhabern für Sozialgeschichte und anderen Idealisten, die sich lieber mit dem Wünschbaren befassen, als sich mit dem Machbaren auseinanderzusetzen.“

Die SPD basiere auf Unterstützermilieus, und diese Milieus habe man gespalten und teils verärgert. „Die SPD ist in die Geiselhaft ihrer sie nun tragenden Milieus gerutscht. Aus der Arbeiterpartei ist eine Angestelltenvereinigung geworden. Die neue Arbeiterpartei ist die AfD.“

Der Anteil der Arbeiter, die SPD wählen, ist fast genauso groß wie bei der CDU, hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgefunden. 24 Prozent der AfD-Wähler gehören einer Gewerkschaft an, bei der SPD sind es nur noch 19 Prozent. „Dass die SPD den Status als ‚Partei der kleinen Leute‘ weitgehend eingebüßt hat“, bedauert die „Frankfurter Rundschau“ beim Blick auf die Einkommen der SPD-Anhänger. Auch bei der sozialen Herkunft der SPD-Mitglieder ist der Arbeiter exotisch geworden – nur noch 16 Prozent sind Arbeiter, fast genauso viele sind Selbständige und Freiberufler.

Man könnte das auch umformulieren: Die SPD ist die Partei der akademischen Spinner geworden. Das, was ich ja schon oft beobachtet habe. Geht man da mal zur Friedrich-Ebert-Stiftung, dann sitzen da keine Arbeiter(innen), sondern jede Menge Geisteswissenschaftlerinnen, die nichts zu tun haben. „Hinzu kommt die Neigung der neuen Sozialdemokraten, Themen zu besetzen, die andere viel besser können. Statt Börner-Dachlattenrhetorik, ‚Tittensozialismus‘ (so Friedhelm Farthmann über die Frauenquote) und ‚Familie und das ganze Gedöns‘ gibt es Gender-Sternchen, PC-Sprache und geduckte Rhetorik den Medien gegenüber. Die Partei mimt die Grünen nach, die selbst schon längst zum politisch alten Hut geworden sind. Niemand holt mehr eine Flasche Bier, sonst streikt ein Sozi hier. All das ist vorbei. Die Partei ist in der spießigen, aseptischen Enge der Reihenhausbesitzer und Greenpeace-Freunde angekommen. Flankiert wird der kleinbürgerliche Anstand auch mit einer Hörigkeit jener Medien, deren Vordenker aus derselben Klasse kommen. Einige linksliberale Medien hatten in Gestalt mancher Leitartikler einen zum Teil verheerenden Einfluss auf das kulturelle und programmatische Selbstverständnis der Sozialdemokratie.“

Drängt sich auf. Die Krise der SPD und die Krise der Medien haben ähnliche Ursachen. Ich finde aber den Gedanken recht treffend, dass die SPD sich einfach an die falschen Leute rangeworfen hat, dass sie nicht mehr für Arbeiter, sondern für ein völlig durchgeknalltes Soziologinnen- und Feministinnen-Milieu eingetreten ist, und diese dann die SPD gefressen und vernichtet haben, wie sie alles fressen, plündern, vernichten.

Interessant finde ich auch, dass hier ausartikuliert wird, was ich schon öfters statuiert habe, nämlich dass die Rechte kein Produkt von Rechten, sondern von Linken ist: Niemand produziert soviele Rechte wie die Linken. Wir haben keinen Rechtsruck, sondern eine Linksflucht: „Der Siegeszug der AfD in der Arbeiterschaft ist für eine verdienstvoll antifaschistische Partei die bitterste Niederlage. Mit Sarrazin und Buschkowsky hat die Partei alle Leute aus ihren Reihen gedrängt, die zum Teil hart an der Grenze zum Ressentiment Milieus und Wähler angesprochen und gebunden haben, die nun voller Überzeugung zur AfD überlaufen.“

Im Prinzip hat man mit Political Correctness einen großen Teil der Wähler in die Flucht geschlagen. Offenbar hatte man sich eingebildet, dass sie alle ruhig werden und ihre Meinung ändern, wenn man sie nur genug beschimpft und zum Schweigen bringt. Sie haben aber ihre Partei geändert. Erst schlägt man seine Wähler und Mitglieder in die Flucht und verjagt sie, dann jammert man darüber, dass sie jetzt woanders sind.

Man sollte das durchaus aufgreifen und der SPD immer wieder unter die Nase reiben, dass das Erstarken der Rechten Produkt von Soziologen, Geisteswissenschaftlern, Ideologen ist, die die SPD kaputtgemacht und große Teile ihrer Anhängerschaft gewaltsam abgespalten haben.

Wie konnte man sich bei der SPD eigentlich einbilden, dass man einen Gender-Krieg gegen die Menschheit führen und eine aggressive Minderheit die große Mehrheit verprellen lassen kann und dadurch Stimmen gewinnt? Die SPD hat einen Krieg gegen ihre eigenen Anhänger geführt. Und es sieht so aus, als habe sie den Krieg gewonnen.

Wir werden sehen. In fünf Tagen werden wir es wissen.

Noch eine Linksflucht

Die Grünen waren einmal die Partei der Schwulen, haben sich aber – wie die SPD – von ihrer alten Klientel ab- und neuen „VIPs“ zugewandt. Wechsel in der Zielgruppe. Ergebnis: Schwule gehen zur AfD und werden „Homonationalisten“.

Das muss man sich einmal klarmachen, wie absurd, wie irre die Zustände in diesem Land geworden sind: Ausgerechnet die „rechte“ und konservative AfD, eigentlich ja nicht homofreundlich, die immer als schwulenhassend und so weiter dargestellt wird, avanciert zur Schutzpartei der Schwulen, die sie gegen die Klientel der Grünen verteidigt. Das muss man wirklich einmal laut aussprechen, damit es in der Birne ankommt, wie grotesk das ist. Wie auch die Grünen ihre Klientel verprellt haben.

Wenn Homosexuelle, wie es ausschaut, einen großen Teil der Grünen-Wähler darstellten, dann könnte die Bundestagswahl, naja, sagen wir mal, würzig werden.

„Die Welt“: „Der beispiellose Niedergang der SPD“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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Hadmut Danisch

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