05. Juli 2017

Aufregung um „Ehe für alle“ Kopf in der Politfalle

Warum hier gar kein Problem besteht

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Bildquelle: shutterstock Weltweit eine kleine Minderheit: Gleichgeschlechtliche Paare

Oh, mein Gott! Jetzt dürfen alle heiraten oder wie? Alarm, Alarm! Katastrophe. Der Untergang des Abendlandes ist somit beschlossene Sache! Manche ließen sich gar zu kruden Thesen hinreißen wie der, durch diesen Beschluss drohe der klassischen, also heterosexuellen Ehe die – kein Witz – „Vernichtung“. Doch. Natürlich ist das ein Witz. Allerdings ein schrecklich schlechter.

Doch vorab noch schnell was anderes: Sich in einen Menschen zu verlieben beziehungsweise ihn zu lieben und heiraten zu wollen, ist ein naturgegebenes Menschenrecht. Qua Geburt. Seit wann haben Staaten darüber zu befinden? Eben: Haben sie gar nicht. Wie schon gesagt, das ist quasi schon naturrechtlich legitimiert. Punkt. Liebe Hysteriker und Alarmisten, ob ihr‘s glaubt oder nicht: Dies geschieht jeden Tag weltweit millionenfach. Ganz ohne behördliche Genehmigung. Unerhört.

Doch nun zur völlig überblasenen, teilweise schlicht weltfremden Diskussion, oder besser, zum unerträglichen und größtenteils argumentfreien, überemotionalen Geschrei, das nun schon seit Tagen deshalb aufgeführt wird.

Da ich die genauen Zahlen nicht mehr im Kopf hatte, habe ich noch mal schnell recherchiert. Laut einer Umfrage von „Dalia“ zum Beispiel soll es in Deutschland – angeblich, sofern die Zahlen zuverlässig sind – einen LGBT-Anteil von 7,4 Prozent geben. Andernorts variieren die Zahlen sehr stark; manche sprechen von zwei bis drei Prozent Anteil homosexueller Menschen, wieder andere von vier bis fünf Prozent. Je nachdem, welche Statistiken man heranzieht, kommt man auf – Pi mal Daumen – Ergebnisse zwischen 1,3 und sieben Prozent.

Mit anderen Worten handelt es sich um eine je nach herangezogenem Zahlenmaterial schwache bis verschwindend kleine Minderheit der Gesamtbevölkerung – und das übrigens unabhängig von der Nationalität. Denn zu diesem Thema werden seit vielen Jahren Umfragen durchgeführt und Statistiken erhoben, in England, Frankreich, Italien, Japan, den USA, Kanada, Australien, der Schweiz – und so weiter und so fort. Und überall lautet das Ergebnis: Minderheit. Verschwindend klein bis schwach.

Okay. Also wie muss ich mir das bitte vorstellen, dass heterosexuelle Partnerschaften beziehungsweise Ehen dadurch „in Gefahr“ geraten oder – Jesses nee – „vernichtet“ werden sollen, wenn ein verschwindend kleiner Anteil an der Bevölkerung nun auch heiraten darf? Fällt sämtlichen Heterosexuellen, also der großen Mehrheit der Bevölkerung, deshalb über Nacht der Bock um? Treten sie alle in einen kollektiven Heirats- und Geburtenstreik? „Nee also, jetzt wo die das auch dürfen, weigern wir uns.“

Mit großem Verlaub, aber ich habe nur selten solchen Quatsch gehört. Das ist doch wirklich nicht zu fassen. Glaubt irgendjemand tatsächlich, es stünde hier beispielsweise eine Art Nachahmungseffekt zu befürchten oder ähnliches? Werden Heterosexuelle nun zu 40, 60, oder 80 Prozent homosexuell, weil gleichgeschlechtlich Liebende auch den Bund der Ehe eingehen „dürfen“?

Beachten Sie die Anführungszeichen. „Dürfen“. Ich sagte bereits, dass es sich um ein unveräußerliches, naturgegebenes Menschenrecht handelt. In dem kein Staat dieser Welt auch nur irgendetwas zu suchen hat.

Aber darum geht‘s ja. Wieder mal. Nämlich Leuten einzureden, sie bedürften dazu einer amtlichen „Erlaubnis“, einer „Genehmigung“ oder sonstwas. Ihrer verdienten Staatsratsvorsitzenden. Und das ist eben falsch. Aus meiner Sicht ist es schon pervers genug, Liebe und Heirat zum Politikum zu machen. Ganz ehrlich: Ich empfinde das als anstößig, ja obszön.

Also noch mal schnell zusammengefasst: Wenn – je nach Datenmaterial – zwischen 1,3 und sieben Prozent der Bevölkerung gleichgeschlechtliche Ehen eingehen dürfen (wobei zudem noch zu fragen wäre, wieviel Prozent der Homosexuellen überhaupt heiraten, denn wenn Sie mich fragen, dürfte dieser Anteil noch viel geringer ausfallen, da ja sicher nicht alle Homosexuellen plötzlich geschlossen vor den Traualtar treten), soll – wie bitte? – die heterosexuelle Ehe in irgendeiner Gefahr sein? Oder ihr gar die Zernichtung drohen? Ja wodurch denn? Durch wen? Geht‘s eigentlich noch?

Das Privat- und/oder Intimleben „seiner“ Bürger zu regulieren, ist nicht Aufgabe irgendeines Staates. Schon klar, dass hier große Begehrlichkeiten bestehen, wie immer bei den Herrschaften Gottspielern – aber das rechtfertigt nicht dieses penetrante Herumkrakeelen zu einem „Problem“, das in Wirklichkeit gar nicht besteht – höchstens in den Köpfen.

Ach ja, zum Abschluss schnell noch eine russisch-syrische Vermutung, für die ich mich sogleich entschuldige: Könnte es eventuell sein, dass dieser ganze politmediale Bullcrap um ein in Wahrheit gar nicht so richtig existentes „Problem“ dazu hergenommen wird, andere, viel fragwürdigere und tatsächlich gefährliche Beschlüsse beziehungsweise „Vorstöße“ ein wenig zu kaschieren? Stichwort „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“, dessen Schicksal übrigens schon dadurch besiegelt worden sein dürfte, dass es noch nicht mal von der Hälfte der Mitglieder des Bundestages verabschiedet wurde, also eigentlich gegen die Geschäftsordnung des Bundestages verstößt? Hihi, erinnert mich irgendwie ein bisschen an den Federal Reserve Act. Der wurde damals zur Weihnachtszeit eiligst durchgewunken, ganz huschiwuschi, so wie man nun hinter dem Gezeter um die „Ehe für alle“ das, wie der Anwalt und Blogger Joachim Steinhöfel ganz richtig formulierte, maaslos missratene „Meinungsfreiheitsbeschneidungsgesetz“ durchmogelte.

Ich frag‘ ja nur.


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