25. April 2017

Gleichaltrigenorientierung Unsere Kinder brauchen uns!

Eine Analyse, basierend auf dem Werk Gordon Neufelds

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Bildquelle: shutterstock Zunehmend aggressiv: Kinder heute

„Die Kinder sind heute irgendwie anders, als wir uns erinnern, gewesen zu sein. Sie sind weniger geneigt, dem Beispiel Erwachsener zu folgen, weniger besorgt, Ärger zu bekommen. Sie wirken auch weniger unschuldig und naiv – ihnen fehlt, wie es scheint, das Staunen, das die Erkundung der Welt – seien es die Wunder der Natur oder die menschliche Kreativität – für ein Kind spannend macht. Viele Kinder wirken in ihrer Entwicklung sehr weit fortgeschritten, in gewisser Weise sogar viel zu weit.“ Mit diesen Sätzen steigt man in die Lektüre des Buches „Unsere Kinder brauchen uns!“ von Gordon Neufeld und Gabor Maté ein, auf das ich mich in dem kommenden Text beziehen werde. Die beiden Autoren führen gleich zu Beginn aus, inwiefern sich Kinder in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben, um den Lesern ein Gefühl für die Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft zu geben. Dem gegenüber ständen Erwachsene, die angesichts ihres Autoritätsverlustes oft hilflos wirkten und verzweifelt versuchen würden, gegenzusteuern, sei es durch Anflehen oder Bestechen, Belohnen oder Bestrafen.

Neufeld und Maté führen dies auf ein Phänomen zurück, das sie „Gleichaltrigenorientierung“ nennen und das wie eine verborgene Wurzel vieler unserer heutigen gesellschaftlichen Probleme anmutet. Verschiedene Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, auf die ich später näher eingehen werde, hätten dazu geführt, dass sich die natürlichen Bindungen der Kinder an die für sie sorgenden Erwachsenen fast vollständig aufgelöst haben. Familienbindungen seien inzwischen nicht mehr wichtiger als andere Beziehungen. Kinder bekämen ihre Werte und Anschauungen daher vermehrt von Gleichaltrigen übermittelt, nicht länger von ihren Eltern und anderen Erwachsenen. Als Folgen dieses Wandels nennen die Autoren „Unreife, die Entfremdung von der eigenen Kultur und die Verarmung des Lernens, eine verfrühte Hypersexualität, Drogenkonsum sowie eine Zunahme von aggressivem, tyrannisierendem Verhalten und von Gewalt“.

Der Frage, wie jene horizontale „Erziehung“ menschliche wie auch gesellschaftliche Kälte verursacht, widmen sich die Autoren in dem Kapitel „Die gefährliche Flucht vor den eigenen Empfindungen“. Dort führen sie aus, dass in einem Umfeld der Gleichaltrigenorientierung emotionale Kälte und „Coolsein“ schnell zu einem Ideal würden. Es würde nicht länger geächtet, sondern vielmehr geachtet werden, wenn man auf die großen Fragen des Lebens mit Aussprüchen wie „nicht so wichtig“ und „mir doch egal“ reagiere. Neufeld und Maté arbeiten heraus, dass in derartigen Strukturen aufwachsende Kinder kein gesundes Verhältnis zu ihren eigenen Schwächen und ihrer Verletzlichkeit entwickeln können. In vielen Fällen sei sogar zu beobachten, dass das, was ursprünglich als Schild gegenüber Gleichaltrigen diente, verinnerlicht würde. Kinder, auf die dies zutreffe, ähnelten in ihrer defensiven emotionalen Verhärtung solchen Kindern, die im Laufe ihrer Jugend Opfer von Vernachlässigung und Missbrauch geworden seien. Die Autoren gehen darauf ein, dass unter solchen Bedingungen Neugier nicht gedeihen und naive Lernbegeisterung nicht zum Ausdruck kommen kann. All die kindlichen Leidenschaften wie Kreativität und das Eingehen von Risiken könnten nie ausgelebt werden, weil die Kinder fürchten müssten, ihr äußeres Erscheinungsbild der kalten Reserviertheit zu gefährden.

Solche Bedingungen sind untrennbar vom Thema der Unreife, dem sich in dem darauf folgenden Kapitel gewidmet wird. Unreif, so Neufeld und Maté, seien Menschen, die nicht in der Lage sind, eine Vielzahl im gleichen Moment auftretender Empfindungen und Gedanken, Absichten und Ambitionen zu verarbeiten. Die Unfähigkeit, „gleichzeitig gemischte Gefühle zu tolerieren“, führe zu impulsivem Verhalten, wofür die Autoren Beispiele von Kindern heranziehen, die ihre Eltern abweisend behandeln und beleidigen. Diese handelten unreflektiert und ohne vorher nachzudenken, sie fielen vom einen Extrem ins andere und ließen zu, dass sich die in einem Moment aufbrodelnde Wut über das Gefühl der Liebe zu den Eltern legt.

Notwendig für das Überwinden der Unreife sei der Prozess der Individualisierung, in dem das Kind lerne, sich selbständig mit der Flut an Impulsen und Gefühlen, die es empfindet, zurechtzufinden, und diese nicht automatisch unterdrücke und von sich weise. Diesen Weg der Selbstfindung könne das Kind jedoch nur gehen, wenn es sich selbst erlaube, während dieses Vorgangs verletzlich zu sein, und Gefühle der Verwirrung und der Unsicherheit akzeptiere, die in diesem Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein unvermeidlich seien.

Die Umgebung der Gleichaltrigenorientierung biete diese Umstände nicht, argumentieren Neufeld und Maté. Vielmehr stehe sie diesem Prozess im Wege und verhindere ihn im schlimmsten Fall. In dem Buch heißt es dazu: „Unreife Kinder haben die Tendenz, auf jeglicher Individualität, die sich zu zeigen wagt, herumzutrampeln.“ Und: „Unreife Kinder verstehen nicht, warum sich diese aufstrebenden, heranreifenden Kinder nicht so bemühen, mit anderen auszukommen, warum sie manchmal statt Gesellschaft das Alleinsein suchen, warum sie so neugierig sein können, oder warum sie im Unterricht Fragen stellen.“ Daher brauche es den Heimathafen des Elternhauses, in dem man keine Angst davor zu haben brauche, Schwäche zu zeigen und sich in bezug auf das eigene Innenleben auch unsicher fühlen dürfe, ohne dafür gleich verlacht zu werden.

In dem Teilabschnitt des Buches, der mit „Auf Dauer unreif“ überschrieben ist und dem diese Punkte entnommen sind, gehen die Autoren außerdem darauf ein, wie die Orientierung an Gleichaltrigen Frühsexualisierung unter den Jugendlichen verursacht. Wenn Kindern das Gefühl der Intimität in der Beziehung zu ihren Eltern fehle, würden sie dies in einem umso stärkeren Maße bei ihren Freunden suchen, nur geschehe dies nicht immer nur mit Worten und Gefühlen, sondern vermehrt auch durch Sex. Je mehr sie diesem Drang nachgäben, desto stärker würde sich die bereits angesprochene emotionale Verhärtung herausbilden. Die Seele werde taub, und sie würden Gefahr laufen, nicht länger Beziehungen eingehen zu können, die wahren Kontakt und echte Intimität ermöglichten.

Wodurch wurden die Weichen gestellt, dass wir uns heute an diesem Punkt wiederfinden? Warum haben Kinder ihre natürlichen Verbündeten verloren, wenn es doch in jedem Kind einen genetischen Drang nach Bindung gibt und ihnen ihre Eltern doch so nahe zu sein scheinen? Neufeld und Maté führen dies auf ein Zusammenspiel von wirtschaftlichen Entwicklungen und kulturellen Kräften zurück, das unseren gesellschaftlichen Kontext zersetzt habe. Kinder würden heute schon in frühesten Jahren in Situationen gebracht werden, in denen sie einen Großteil des Tages in der Gesellschaft anderer Kinder verbrächten. Wirtschaftlicher Druck zwinge oft beide Elternteile in Vollzeitberufe, wodurch die Befriedigung der emotionalen Bedürfnisse des Kindes in den Hintergrund gerate. Dass die beiden Autoren den Kern dieses wirtschaftlichen Drucks, das ungedeckte Papiergeldsystem, unerwähnt lassen, mag man ihnen ausnahmsweise nachsehen.

Auch wenn die Autoren auf negative Folgen der ökonomischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hinweisen, sehen sie die Lösung nicht in der Umkehrung jener Entwicklungen, sondern in der Schaffung eines erzieherischen Ausgleichs. Neufeld und Maté stellen dem heutigen Gesellschaftsmodell eine Alternative entgegen, die sie als „dorfähnliche Bindungsgemeinschaft“ bezeichnen und in der man die Aufgabe der Erziehung, wann immer dies notwendig ist, an sich nahestehende Erwachsene überträgt. Am Beispiel des Ortes Rognes in der französischen Provence wird deutlich, unter welchen Umständen die prägende Eltern-Kind-Bindung auch über die ersten Lebensjahre hinaus aufrechterhalten werden kann. Neufeld beschreibt die in einem dortigen Urlaub gewonnenen Eindrücke: „Das gesellschaftliche Zusammensein umfasste gesamte Familien, nicht Erwachsene mit Erwachsenen und Kinder mit Kindern. Im Dorf fand immer nur eine Veranstaltung zur selben Zeit statt, sodass die Familien nicht in verschiedene Richtungen gezogen wurden. Die Sonntagnachmittage waren für Familienspaziergänge in die Umgebung reserviert. Sogar am Dorfbrunnen, dem Ortstreff, verkehrten Teenager mit Senioren. Feste und Feiern, von denen es sehr viele gab, waren immer Sache der ganzen Familie. Musik und Tanz brachten die Generationen zusammen, anstatt sie zu trennen.“

Freilich ist es nicht notwendig, nun Hals über Kopf aus der Stadt zu stürmen und aufs Land umzusiedeln, weil man glaubt, intakte Familien ließen sich nur dort bilden. Vielmehr geht es in diesem Werk darum, die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zu erkennen, zu reflektieren, ihre Wurzel auszumachen und in eine Position zu gelangen, in der man als Mutter oder Vater wieder jene Rolle auszufüllen vermag, die die Natur für einen vorgesehen hat. Die natürliche Elternrolle sei die des Vorbilds und des Lehrers, des Beschützers, der sowohl trösten als auch inspirieren und leiten könne. In einer intakten Eltern-Kind-Beziehung sei man für den Nachwuchs der „Ausgangspunkt, um sich in die Welt zu wagen, der Rückzugsbereich, um sich fallen zu lassen, und die Quelle seiner Inspiration“.

Zu empfehlen ist dieses Buch einer Reihe von Personengruppen. Eltern und solchen, die es einmal werden wollen, gibt die Lektüre von „Unsere Kinder brauchen uns!“ zahlreiche praktische Tipps, wie man seinem Nachwuchs Vorbild und Lehrer sein kann, sodass die seit der Geburt bestehende Bindung zum eigenen Kind auch in die Pubertät und darüber hinaus fortdauert. Allen anderen Lesern mag es die Augen für einen Ursprung unseres kulturellen und gesellschaftlichen Niedergangs öffnen. Wenn Kinder unter derartigen Umständen aufwachsen, ist es nur logisch, dass alte Bande wie die Religion, die Tradition und sonstige Bräuche nicht weitergeführt werden. Was in der Vergangenheit Halt und Identifikation gab, tritt in den Hintergrund und hinterlässt ein Vakuum, das vereinzelte und einsame Individuen schafft. Diese versuchen verzweifelt, jene Leere in sich zu füllen, was wiederum den Boden bereitet für Frühsexualisierung, emotionale Abschottung und tyrannisierendes Verhalten. Gleichzeitig steht die Gleichaltrigenorientierung der kindlichen Selbstfindung im Weg. Kinder wagen es oft nicht, ihren Bedürfnissen und Leidenschaften nachzugehen, und entwickeln sich folglich nicht zu eigenmotivierten, eigenständigen Menschen, sondern zu kollektivistischen Herdentieren, denen ihr Leben lang eine Richtung wird vorgegeben werden müssen, sei es bei der Arbeit oder dem Konsum, der Freizeitgestaltung oder in Fragen der Weltanschauung und der Politik (man denke diesbezüglich nur an die Kölner Proteste des vergangenen Wochenendes). Zweifellos: Ein Buch von enormer Wichtigkeit und brennender Aktualität.

Gordon Neufeld und Gabor Maté: „Unsere Kinder brauchen uns!“ (amazon.de)


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