09. Januar 2017

Kampagne gegen Roland Tichy „Tichys Einblick“ entschuldigt sich und löscht Artikel

Feiner Journalismus?

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Gelöscht: Unliebsamer Blog-Artikel

Sicher ist: Mehr als 10.000 Mal innerhalb von nur 50 Stunden wurde der Artikel alleine auf Facebook gelikt und geteilt. Mehr als nahezu alle Artikel, die jemals auf „Tichys Einblick“ erschienen sind. Unklar dagegen ist, wieviele dem geradezu penetranten Spendenaufruf, den die Seite beim Anklicken eines Artikels jedem aufdrängt, gefolgt sind.

Auf jeden Fall war die Zustimmung bei den Leserkommentaren deutlich überdimensional vertreten. Die Kommentare auf Facebook und Twitter zeigen: Hier hat jemand ausgesprochen, was vielen auf dem Herzen und der Zunge liegt.

Es geht um den Artikel mit dem Titel: „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“. Autor des Beitrags, bei dem es vor allem um die Grünen geht, ist der ebenfalls auf meinem Blog regelmäßig als Gastautor tätige und geschätzte Jürgen Fritz.

Der Artikel erschien am vergangenen Freitag auf „Tichys Einblick“. Wer ihn gestern versuchte anzuklicken, der bekam zwar keine Spendenanfrage mehr, aber auch der Artikel war verschwunden. Stattdessen findet man dort ein kurzes Statement von Tichy und den seinen: „Der Beitrag ‚Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten‘ hätte hier nicht erscheinen dürfen. Unterstellung von Pathologie ist für ‚TE‘ keine politische Diskussionsbasis. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich. Roland Tichy und Redaktion bedauern das und bitten um Entschuldigung.“

Als etwas ausführlichere Rechtfertigung hat dann – wohl im Auftrag von Tichy und Redaktion – ein Alexander Wallasch die Feder ergriffen und stellt oberlehrerhaft einige Leserkommentare zu Fritz‘ Beitrag vor.

Ganz im Stile der von ihm betreuten Seite („Die Kolumnisten“), wo auch extrem abstruse Autoren noch Abstruseres von sich geben, übt er sich in belanglosem Wortgeklingel, das, wo er etwas über die Leserkommentare hinaus eigenes sagt, in einem seltsamen „Jein“ verbleibt.

So etwa hier: „Denn eine Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner besteht nun mal aus beidem: aus der intellektuellen Grundfähigkeit zur dialektischen Auseinandersetzungebenso wie aus einer gehörigen Portion Wut, die sich zwingend auseinandersetzen, keine, die nur zerstören und pathologisieren will.“

So unbestimmt im netten, keinem so richtig auf die Füße tretenden, dahinschwebenden Bereich, wie sich vieles in Tichys Blog liest, erscheint nun also auch die Rechtfertigung der ersatzlosen Löschung eines Artikels. Sollte der letzte Halbsatz nicht die Begründung sein beziehungsweise der Vorwurf, Fritz wolle „nur zerstören und pathologisieren“.

Entscheidende Fragen bleiben unbeantwortet: Wurde der Beitrag nicht von Roland Tichy oder Fritz Goergen zuvor gelesen und redaktionell bearbeitet? Ist ihnen dabei nicht schon das aufgefallen, was sie nun bemängeln? Wenn nein, was sagt das dann über ihre redaktionellen Qualitäten? Wenn ja, warum haben sie ihn trotzdem gebracht? Und jetzt auf einmal wieder gelöscht? Woher die fast panische Angst, die häufig solche überstürzten Löschungen auslöst? Fanden sich in dem Beitrag justitiable Aussagen? Gab es eine einstweilige Verfügung und wenn ja, von wem veranlasst?

Und wenn Tichy und Goergen hinter dem Text standen, was hat sie dann bewegt, nun doch als reuige Büßer aufzutreten? Hoffnung auf eine Eintrittskarte für die hinteren Ränge im Theater des Nannyjournalismus? Hat das ein Journalist wie Tichy wirklich nötig?

Und ist solches Verhalten nicht geradezu tödlich für die Verkaufszahlen seines eben erst den Markt erobernden Druckmagazins, von dem sich viele eine Alternative zu eben jenem linksgrünen Nannyjournalismus versprochen hatten? Einen zweiten „Focus“ braucht ja keiner wirklich. Und dass die Grünen zusammen mit Merkel nun alle aus Dankbarkeit Tichys neues Magazin abonnieren, scheint doch eher unwahrscheinlich. Sind diese doch von der ARD bis zur „Süddeutschen“ und „taz“ bereits vollends eingedeckt mit Medien, die ihnen nach dem Mund reden.

Von Mut oder Fairness wollen wir hier gar nicht reden. Aber auch feiner Journalismus, mit dem man sich bei Tichys Einblick sonst gerne schmückt, geht ganz anders.

Der auf „Tichys Einblick“ gelöschte Artikel

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Philosophia perennis“.


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