22. Juni 2016

RezensionHarald Weinrich: Über das Haben

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Der Autor, Sprachwissenschaftler und Stilist alter Schule, hat ein kluges und vergnüglich zu lesendes Buch vorgelegt. Bereits in seiner Betrachtung „Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens“ vollführte er eine Tour d’Horizon durch die Literaturgeschichte, um zu zeigen, welchen Stellenwert das Vergessen für die Gesellschaft und den Einzelnen hat. Nun widmet sich Weinrich dem Haben in all seinen Facetten. Der Besitz steht heute unter Generalverdacht: Viel zu besitzen gilt als sozial ungerecht in einer Zeit, in der der Staat auf den Ausgleich aller Härten und vermeintlicher Ungleichheiten bedacht ist. Kinder haben eine intakte Familie und Unterstützung durch das Elternhaus – sozial ungerecht, befinden Gleichstellungspolitiker und fordern eine Ganztagsbetreuung durch staatliche Institutionen vom Kindesalter bis zum Abitur, das jeder haben muss. In fünf Abschnitten nähert sich Weinrich den Ausprägungen des Habens: philosophisch, sprachlich, körperlich, ökonomisch und ideell. Seine Überlegungen könnte man in der These zusammenfassen, dass das Haben das Sein bestimmt. Dabei erweist sich das Haben nicht immer als realer Besitz, sondern oftmals als purer Anspruch oder gar vage Zukunftshoffnung, wie Weinrich am Beispiel universeller Menschenrechte und Martin Luther Kings Traum veranschaulicht. Weinrichs Überlegungen kreisen stets um das Spannungsverhältnis von Sein und Haben, etwa wenn er Hegels Diktum zitiert: „Das ist die erste Bedingung eines Bürgers, dass er Person ist und Privateigentum hat“ und dies mit der Situation von Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ verbindet. Verspielen die Väter auch den Besitz, also das Hab und Gut, so haben sich die beiden Liebenden gern – bis auch sie erkennen, dass ohne bürgerliche Habseligkeiten nur noch der gemeinsame Liebestod wartet. Um es in der Sprache des Buches zu sagen: Weinrich ist ein Meister, da er die Fähigkeit hat, die Bedeutung der Sprache für das Denken und Leben der Menschen zu entschlüsseln. Das Haben bestimmt das Sein.


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