13. September 2016

RezensionNiall Ferguson: Kissinger

Der Idealist

Artikelbild

Über den umstrittenen Protagonisten der amerikanischen Außenpolitik unter Nixon und Ford ist viel geschrieben worden. Die Abrechnung Christopher Hitchens’ in „Die Akte Kissinger“ (2001) zeichnete das Bild eines Kriegsverbrechers, der absurderweise den Friedensnobelpreis bekam.  Der renommierte Historiker Niall Ferguson, Professor an der Harvard University, hat nun den ersten Band seiner voluminösen Kissinger-Biographie vorgelegt. Diesen ersten, deutlich mehr als 1.000 Seiten umfassenden, Teil – so ist es dem Nachwort zu entnehmen – versteht er als Bildungsroman in fünf Etappen, angefangen mit Kissingers Erfahrungen im Fürth des Dritten Reiches, endend mit der Berufung zum Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten Ende 1968. Ferguson macht kein Hehl aus seiner positiven Sicht auf Kissinger, dessen Lebensweg er akribisch, mitunter zu detailverliebt nachzeichnet. Am stärksten ist das Buch da, wo der Autor sich mit der Charakterformung und den Mentoren Kissingers, seinen Prägungen und Zielen beschäftigt. Gründlich arbeitet Ferguson heraus, dass der harte Realpolitiker des Kalten Krieges in Harvard von der idealistischen Philosophie geprägt wurde. Für Ferguson ist dies kein Widerspruch: „Im Kalten Krieg ging es nicht um Wirtschaftsfragen. Es ging nicht einmal um die Bestände an Atomwaffen, geschweige denn um Panzerdivisionen. Es ging in erster Linie um Ideale.“ Als Geheimnis seines Erfolgs bezeichneten kritische Weggefährten wie Hans Morgenthau seine Vielgestaltigkeit: „Kissinger ist wie ein guter Schauspieler, der nicht heute die Rolle des Hamlet spielt, oder die des Cäsar morgen, sondern der heute Hamlet ist und morgen Cäsar.“ Gespannt dürfen wir den zweiten Band erwarten: Aus seinem über Jahrzehnte geformten Denken, das uns der Biograph anschaulich und analytisch vor Augen führt, wird dann konkretes Handeln – in Vietnam und andernorts.


„Niall Ferguson: Kissinger – Der Idealist“ bei amazon.de kaufen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

Dossier: Literatur

Mehr von Markus Reinbold

Über Markus Reinbold

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige