20. Juni 2016

Kapitalismus Ohne Spekulanten geht es nicht

Spekuliert haben die Menschen zu allen Zeiten

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Bildquelle: shutterstock Unbeliebt, aber unverzichtbar: Spekulant

Das Wort „Spekulant“ hat im Deutschen einen schlechten Klang. Spekulanten gelten als windige Gesellen, gehen anrüchigen Geschäften nach, bereichern sich auf Kosten anderer Bürger, streichen unverdiente, weil angeblich leistungslose, Gewinne ein, fügen damit braven, ordentlichen Leuten Verluste zu. Man empfindet sie als Hasardeure, Spielernaturen, Nichtstuer und als Drohnen der Wirtschaft, die anständige Menschen ausbeuten. Auch deutschsprachige Schweizer mögen so denken, zumindest jene, die in der Schweiz vor einiger Zeit die Volksinitiative „Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln!“ auf den Weg brachten, aber damit gescheitert sind. In der Volksabstimmung darüber am 28. Februar 2016 haben die Schweizer das Begehren mit 60 Prozent der Stimmen abgelehnt. Die Schweizer Regierung reagierte erleichtert. Recht so. Warum?

Das angestrebte Verbot

Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland und woanders glauben viele, Spekulation mit Grundnahrungsmitteln, vor allem mit Agrarrohstoffen wie Weizen und Mais, führe zu höheren Preisen oder zumindest zu hohen Preisausschlägen. Gewinnstrebende Finanzjongleure und Banken trieben mit ihren Spekulationsgeschäften die Preise hoch und seien somit mitschuldig am Hunger in der Welt. Also seien solche Geschäfte zu verbieten. Oder genauer: Branchenfremde vom Börsenhandel mit Nahrungsmitteln auszuschließen. Also sollten Banken und andere Anleger nicht mit solchen Finanzinstrumenten hantieren dürfen, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel bezögen. In der Schweiz hatten vor allem die Jungsozialisten die Volksinitiative eingebracht und unterstützt. Das Verlangen nach einem Spekulationsverbot taucht zeitweilig immer wieder aus der Versenkung auf.

Doch wer ist bereit, das Risiko gewünschter Absicherung zu tragen?

Wohl sollen sich Landwirte und ihre Abnehmer (Handel und Verarbeiter) weiterhin preislich absichern dürfen, bevor sie wissen, wie Ernte- und Nachfragemenge ausfallen. Aber für solche Sicherungsgeschäfte müssen sie sich jener Spezies von Menschen und der dafür nötigen Finanzinstrumente bedienen, die ihnen das Risiko zu niedriger oder zu hoher Preise für die vereinbarte Kontraktzeit abnehmen. Es sind dies – die Spekulanten. Physisch in ihren Händen haben sie die Waren, die sie auf Termin kaufen oder verkaufen, nie, und wenn sie das Warentermingeschäft abschließen, ist diese Ware noch gar nicht vorhanden; sie tragen nur das zeitlich befristete Risiko, bis die Ware an jene übergeht, die sie wirklich brauchen und haben wollen. Ohne Spekulanten also geht die Absicherung nicht. Die 60 Prozent jener Schweizer, die an der Abstimmung teilgenommen haben, waren sich dessen offenbar bewusst oder ahnten es wenigstens.

Wer ist ein Spekulant?

Ein witziger meiner näheren Bekannten mit einem Unternehmen in der Schweiz schickte anlässlich jener Schweizer Volksabstimmung die Quizfrage herum: „Wer ist ein Spekulant?“ und bot folgende Antwortmöglichkeiten an: Jemand, der erst nach Studium des Wetterberichts entscheidet, ob er mit einem Schirm aus dem Hause geht? Der Familienvater, der in Erwartung eines milden Winters seinen Heizöltank nicht ganz füllen lässt, sondern nur zur Hälfte, weil er durch einen milden Winter eine geringere Nachfrage nach Heizöl erwartet (also darauf spekuliert), was zu noch günstigeren Preisen führt? Jemand, der eine Kapital-Lebensversicherung abschließt und darauf spekuliert, nicht vor dem 65. Lebensjahr zu sterben? Jemand, der einen Totoschein ausfüllt und darauf spekuliert, dass sein Fachwissen über Fußball ihm hilft, die Sieger der Spiele vorauszusagen? Der Handwerksmeister, der 1.000 Werbebriefe versendet in der Hoffnung, dass er damit wenigstens einen oder zwei neue Kunden gewinnt und darauf spekuliert, dass der zusätzliche Gewinn aus den Aufträgen der Neukunden die Kosten der Neukundenwerbung mindestens wieder einbringt?

Spekuliert haben die Menschen zu allen Zeiten

Anschließend daran – als Auflösung – schrieb er: „Heute mal überraschend: Alle Antworten sind richtig. Jeder Mensch ist ein Spekulant. Jeder Mensch trifft Annahmen über zukünftige Ereignisse. Jede Hausfrau, ja auch Schüler, die irgendein Thema in der Vorbereitung auf eine Klausur nicht vertiefen, weil der Lehrer angedeutet hat, dass etwas anderes drankommt. Spekulieren gehört zum menschlichen Dasein hinzu. Zu allen Zeiten haben Menschen über die Zukunft spekuliert.“

Und weiter: „Besonders umstritten sind Spekulationen mit Nahrungsmitteln. Üblicherweise kauft ein Spekulant Nahrungsmittel auf, wenn diese wenig gefragt und dementsprechend billig sind. Dadurch erzielen die Produzenten/Verkäufer in Tiefpreisphasen überhaupt Umsatz, und obendrein zu einem höheren Preis als ohne Kaufaktivitäten der Spekulanten. Geht die risikobehaftete Spekulation des Spekulanten auf, so kann er in einer Hochpreisphase seinen Lagerbestand gewinnbringend verkaufen. Bleibt der Preis stabil oder sinkt sogar, so hat er mit Zitronen gehandelt. Durch den Verkauf seitens des Spekulanten werden in einer Phase hoher Preise die Kosten für die Konsumenten tendenziell gesenkt. Die Tätigkeit des Spekulanten wirkt also preisglättend. Und für diese Dienstleistung, eine Dienstleistung wie jede andere auch, wird er bezahlt.“ Ja, so ist es.

Auch wo sonst nach Risikominderung gesucht wird, sind Spekulanten zur Stelle

Das Bedürfnis nach Sicherheit und Risikominderung haben nicht nur Produzenten und Verarbeiter von Rohstoffen. Wer für seine Geschäfte Fremdwährungen braucht oder erlöst, will sich dem Wechselkursrisiko entziehen. Und die Gefahr rascher und ausgeprägter Schwankungen von Zinssätzen, wie sie zur Zeit allerdings nicht stattfinden, weckt das Verlangen nach abgesicherten Preisen für Geld und Kapital an den Finanzmärkten. So hat sich die Technik des Warentermingeschäfts auf die Devisen- und Finanzmärkte ausgedehnt. Auch hier sind die Spekulanten zur Stelle, um jenen, die nach Sicherheit streben, den Hedgern (von „to hedge“: absichern), das Risiko abzunehmen.

Besser viele Spekulanten als nur wenige

Ebenfalls wichtig zu wissen: Je größer die Zahl der Spekulanten, desto größer für die Hedger das zur Risikoübernahme bereite Angebot. Es ist also falsch, die Spekulantenzahl kleinzuhalten, sondern gut, möglichst viele Spekulanten zu haben, denn umso nützlicher sind sie. Mitleid mit ihnen, wenn ihre Spekulation schiefgeht, muss man nicht haben, aber Anerkennung ihrer Nützlichkeit verdienen sie. Wohl hat das Spekulieren mit Währungen schon lange auch eigenständige Züge angenommen und sich insofern von der reinen Währungsabsicherung für Warengeschäfte gelöst, doch verwerflich ist auch das nicht, denn je mehr Spekulanten, desto mehr gegenseitige Kontrolle, mehr Markttransparenz und besser funktionierende Devisenmärkte.

So gerecht geht es beim Spekulieren zu

Natürlich lassen sich die Spekulanten das Risiko nicht umsonst aufladen und schon gar nicht aus christlicher Nächstenliebe oder etwa aus dem Bedürfnis, für Markt und Wirtschaft eine nützliche Rolle spielen zu wollen. Ihr Preis ist der mehr oder minder hohe Gewinn, den sie sich aus den Preisveränderungen erhoffen. Und das Schöne ist, dass diesen Preis andere Spekulanten entrichten müssen, nämlich jene, die falsch spekuliert und verloren haben; so gerecht geht es an solchen Märkten zu. Sie entrichten ihn in Form ihres Verlustes. Sie nehmen den Preis in Kauf, weil ihre Spekulation auch aufgehen und den erhofften Gewinn abwerfen kann.

Aus dem Motiv Eigennutz entsteht ungewollt auch Nutzen für die Allgemeinheit

Es ist also purer Eigennutz, der die Spekulanten antreibt. Aber aus dem Motiv Eigennutz entsteht ungewollt und meist in Unkenntnis des Zusammenhangs das „Produkt“ Gemeinnutz, also ein Nutzen für Wirtschaft und Allgemeinheit. So paart sich, wo es Märkte mit Spekulanten gibt, Nutzen mit Gerechtigkeit. Das ist die heimliche, weil für die meisten nicht sichtbare, aber vorzügliche Tücke jener Einrichtung, die „freier Markt“ heißt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den amerikanischen Ökonomen Henry Hazlitt und sein Buch „Economics in One Lesson“. Es wurde in acht Sprachen übersetzt, in zahlreichen Taschenbuchausgaben verbreitet, erschien zweimal in erweiterter und überarbeiteter Auflage und liegt als Neuauflage seit 2009 auch in deutscher Sprache vor („ECONOMICS! Über Wirtschaft und Misswirtschaft“, Olzog Verlag GmbH, München 2009).

Also: Spekulieren nicht verbieten, nur ihm Regeln geben

Spekulation zu verbieten, wäre töricht. Das Verbot würde auch wenig nützen; es würde umgangen, denn menschliches Bedürfnis nach Spekulation ist ebensowenig verbietbar wie Hunger und Durst. Es ist vernünftiger, die Spekulation nicht in die Illegalität und Schattenwirtschaft zu drängen, sondern ihr, wie es an allen Börsen geschieht, Regeln zu geben und sie legal und dort wirken zu lassen, wo viel Licht ist, Scheinwerferlicht: an Märkten, die für alle offen sind.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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