02. Februar 2016

Bericht aus Deutschland Freie Fahrt nach Passau

Die Bahnbediensteten taten ihre Pflicht

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Bildquelle: Nickolay Vinokurov / Shutterstock.com Ort kurioser Geschehnisse: Intercity Express

Der New Yorker Autor Tuvia Tenenbom ist vermutlich der beste moderne Ethnologe der Welt. In seinen Büchern „Allein unter Deutschen“ und „Allein unter Juden“ (demnächst: „Allein unter Amerikanern“) nimmt er einfach alles in sich auf, was er sieht und hört, scheinbar naiv wie eine Grimmelshausen-Figur, um die einzelnen Teile dann zu einem erstaunlich luziden Bild zusammenzufügen. Kürzlich reisten er und seine Frau Isi Tenenbom wieder einmal durch Österreich und Deutschland. Isi, ebenfalls eine Ethnologin der reinen Beobachtung,  schickte mir folgenden kleinen Text: 

Im ICE nach Österreich
Ich stand im Zug Richtung Österreich neben zwei Irakern. Der eine besaß eine Fahrkarte, der andere nicht. Der Iraker ohne Fahrschein schwor, er habe eine gehabt, ihm sei aber leider alles abhandengekommen, auch das Ticket. Außerdem habe er kein Geld für sowas, er erhalte doch nur 114 Euro im Monat, die Karte sei zu teuer. Die Schaffnerin bestand trotzdem auf einer Fahrkarte und fragte ihn nach seinem Ausweis. Da er keinen vorweisen konnte, gab er an, bei seinem Bruder, dem zweiten Iraker, zu wohnen. Auf die Frage nach dessen Wohnadresse, sprich Zustelladresse für die Fahrkartenrechnung, war er plötzlich nicht mehr sein Bruder.

Nach einem ewigen Hin und Her, zu dem sich dann auch noch der Zugführer und ein Polizist gesellten, übergab er einen Zettel mit einem Namen, und die Schaffnerin händigte ihm die Rechnung aus.
Er solle sie zu einem späteren Zeitpunkt bezahlen.

Er nahm die Rechnung, schüttelte den Kopf, grinste und zerknüllte sie verächtlich vor aller Augen.

Danach schimpfte er auf Deutschland, dass er dieses Land nicht möge und nur gekommen sei, weil zwei seiner Kinder hier wohnten.

Als ich die Bahnbediensteten darauf ansprach, entschuldigten sie sich bei mir wegen des Vorfalls – sie täten doch nur ihre Pflicht, ich sollte nur warten, bis wir Passau erreichten, was da alles los sei.

Als ich ein Foto des Spektakels schoss und weitere Fragen stellte, wurde ich belehrt, dass die Deutsche Bahn eine AG sei, ich mich auf privatem Boden befinde und kein Recht habe, sie bei ihrer Arbeit zu fotographieren.

Unter Aufsicht der Polizei musste ich mein Foto löschen. Danach wurden meine Personalien aufgenommen für den Fall, dass ich irgendetwas über das Geschehene veröffentlichen wollte und heimlich schon ein Bild in der Cloud gelagert haben sollte.

Die beiden Iraker stiegen unbehelligt aus.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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