22. Oktober 2015

Akif Pirinçci Der Kitzel des guten Gewissens

Über den Opportunismus der Hetzmeute

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Bildquelle: david muscroft / Shutterstock.com Gnadenlos: Meute auf der Jagd

Zu meinen zugegeben wenigen, von mir seit vielen Jahren da und dort verbreiteten Überzeugungen gehört, dass die Nazi-Mentalität – das, was Adorno, der freilich selber einiges davon zumindest in seinen Duktus geschleppt hat, den „autoritären Charakter“ nannte – in diesem Land keineswegs ausgestorben ist, sondern bloß die Seiten gewechselt hat. Wer dem sozialen Vernichtungsfeldzug gegen den Knalldeppen Akif Pirinçci hospitiert, wird schwerlich zu einer anderen Einsicht gelangen. Ist es nicht zutiefst widerlich, wer jetzt alles beflissen herbeieilt, um noch sein persönliches Holzstück für den Scheiterhaufen beizusteuern? Haben diese Leute wirklich keine Ehre im Leib? Random House stellt den Vertrieb seiner Bücher ein, sämtlicher Bücher, auch der Katzenkrimis – Pirinçci zufolge haben andere Autoren Druck auf den Verlag ausgeübt –; sein Webmaster distanziert sich öffentlich von ihm und sperrt die Webseite; auf Amazon erscheinen in den beiden Tagen seit Pirinçcis Dresdner Auftritt scharenweise „Rezensionen“ seiner Bücher, deren Verfasser ersichtlich kein Wort darin gelesen haben – speziell bei „Attacke auf den Mainstream“ wäre ihnen sonst aufgefallen, dass dieses Opus zu 90 Prozent gar nicht von Pirinçci stammt –, aber deren sofortige Entfernung aus dem Amazon-Sortiment, mitunter auch gleich deren Verbrennung fordern; der unvermeidliche Opportunist Volker Beck erstattet seine unvermeidliche opportunistische Anzeige (ich freue mich, Gevatter, auf den Tag, der von Ihnen erstmals im Leben Courage fordert, er wird, des‘ bin ich mir sicher, kommen); dazu die zahllosen Zeitungs-, Facebook-, Twitter- und anderen Netzkommentare, deren Verzapfer das KZ-Zitat in der Regel nicht einmal kennen, um es desto getroster falsch zu verstehen und desto behaglicher auf Konsequenzen zu drängen. Dass diese Hetzmeute sich so kannibalisch wohl als wie fünfhundert Säue fühlt, hat mit dem Kitzel des guten Gewissens zu tun, das sie auf ihrem virtuellen Fackelzug leitet und schützt, und das unterscheidet sie ja gerade nicht von den historischen Nazis. Jede Exkommunikation weckt Sympathien für den armen Teufel, der in die Wüste getrieben wird. Das Schauspiel der Pirinçci-Verfolgung ist ekelhafter, als es die ekelhaftesten Pirinçci-Zitate je sein könnten. Sieg heil, liebe Brüder und Schwestern, lasst nicht nach im Verfolgen, ein KZ für Pirinçci ist ja leider nicht mehr in Betrieb.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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