03. Dezember 2015

Fall Pirinçci Totalitarismus des Wohlmeinens

Der Geist ist aus der Flasche

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Bildquelle: shutterstock Totalitär vernichtet: Missliebige Bücher

Noch einmal ein Wort zu Akif Pirinçci, denn sein Fall ist allzu paradigmatisch und wird nach meinem Dafürhalten in der Kulturgeschichte dieser Republik einen Bruch markieren. Ein Kollege fragte neulich, ob es denn nicht übertrieben sei, diesen Autor überhaupt noch zu erwähnen, immerhin habe er lange genug „die Gesellschaft“ beleidigt, sich mit voller Absicht ins Abseits gepöbelt, und nun habe er eben die Quittung dafür erhalten. Warum sich darüber aufregen? Der Fall sei erledigt, möge er sehen, wo er bleibt.

In dieser Argumentation, wenn man es denn so bezeichnen will, ist nun wirklich alles schief – aber was wäre das auch für eine Damnatio memoriae, wenn über den Verfemten weiterhin geredet würde? Schauen wir dennoch hin. Zunächst einmal hat unser deutscher Krawalltürke keineswegs die Gesellschaft angepöbelt, sondern lediglich das tonangebende rotgrüne Milieu, das hierzulande eine zwar bröckelnde, aber zur Durchsetzung einer Fatwa immer noch hinreichende Mentalitätsherrschaft ausübt. (In diesem Zusammenhang erscheint mir der Hinweis angebracht, dass die Genossen der RAF sowohl repräsentative Vertreter als auch eher namenlose Angehörige der besagten Gesellschaft nicht etwa bloß angepöbelt, sondern in großem Stil erschossen haben, aber niemand – ich übrigens als Allerletzter – auf die Idee kam, zu fordern, die ins Veteranenalter gereiften Banditen sollten deshalb ihre Memoiren nicht publizieren dürfen, auch Amazon nicht.) Was nun Pirinçcis angebliche Selbstisolation innerhalb der Gesellschaft angeht, so müsste dieses Phänomen sehr neuen Datums sein, denn noch sein vorletztes Buch „Deutschland von Sinnen“ fand etwa doppelt so viele Käufer, wie die Grünen bundesweit Mitglieder haben, und wurde in allen Medien ausgiebig bekakelt. Wer Pirinçcis Publikum, ob nun viertelwegs gerechtfertigt oder vollrohr gesinnungshalber, als prekär, unappetitlich und in gewissem Sinne irrelevant klassifiziert, sei an seinen demokratischen Hauslehrer und dessen Axiom erinnert, jede Stimme zähle gleichviel. Pirinçcis vollkommen unpolitische Kriminalromane davor hatten sich bekanntermaßen millionenfach verkauft und waren teilweise verfilmt worden. Ein überaus erfolgreicher Unterhaltungsautor befand sich plötzlich möglicherweise auf politischen Ab- und Seitenwegen, aber die einzige Gesellschaft, die ihn daraufhin tatsächlich komplett mied, war das politisch-mediale Establishment. Der Mann polarisierte, gewiss, doch auch das tat er mit Erfolg und großem Echo. Das Establishment reagierte, wie schon im Casus Sarrazin, nervös und dünnhäutig. Schließlich brachte es kein einziger der preisbehängten, rezensionsumwaberten linksgrünen Hätschelautoren je auf solche Auflagenzahlen, und mit den Resultaten demokratischer Willensbildung, sei es auch nur im Buchladen, ist dieses spitzbübische Milieu bekanntlich nur dann einverstanden, wenn ihm genehme Mehrheiten herauskommen.

Ungefähr als ein „Zeit“-Journalist „Deutschland von Sinnen“ mit „Mein Kampf“ in eine Reihe stellte, hätte Klein-Adolf kapiert haben müssen, dass man fortan jede sich bietende Gelegenheit nutzen würde, ihm den publizistischen Garaus zu machen. Er kapierte es aber nicht. Merke: Selbst wenn es die Inquisition ist, in deren Arme dich die Hybris treibt, ist es trotzdem Hybris gewesen. (Dies dorthin gesprochen, wohin ich ohnehin am liebsten spreche: beiseite.)

Pirinçcis Rede bei der Pegida-Veranstaltung war eine antimuslimische Flegelei, eine Dummheit und Geschmacklosigkeit, der Tiefpunkt eines Ego-Trips ins immer Räudigere, und sie ist zu Recht gerügt worden. Eine vergleichbare Wortwahl hätte er, um im Feuilleton beifällig begrummelt zu werden, allenfalls den dunkeldeutschen Dresdner Demonstranten widmen dürfen. Die Hatz gegen ihn wurde indes einzig wegen einer angeblichen Forderung nach Konzentrationslagern für Ausländer entfesselt, die er nie gestellt hatte, und dass ohne dieses Wort seine Rede unter business as usual abgelegt worden wäre, haben dieselben Medien, die wegen ihrer Falschbehauptung allesamt Unterlassungserklärungen unterzeichnen mussten, so rasend schnell vergessen, dass Absicht unmöglich dahinterstecken kann; es muss Amnesie sein. Erst später pickten sich die im Übereifer der Konsensvollstreckung gestrauchelten Genossen Journalisten jene skandalisierungstauglichen Stellen der Rede heraus („Moslemmüllhalden“, „Moslemsaft“), mit denen sie ihre bereits vollzogene Exkommunikation nachträglich zu legitimieren hofften. Wichtig war: Man redete im Chor, man fand Unterstützung in den asozialen Medien, der mit allem Recht der Welt so genannte shitstorm tobte und sprühte, und mühelos erreichte das Empörungsrudel das Widerwärtigkeitslevel der inkriminierten Rede. Viele fanden die KZ-Anspielung auch geschmacklos in jenem Sinne, in dem Pirinçci sie gebraucht hatte, und das war sie wohl, doch verglichen mit dem, was engagierte Vertreter der Gesinnungspresse dem Leser seit vielen Jahren an Abgeschmacktheiten offerieren, war das ebenfalls nicht mehr als business as usual. Wie auch immer, Pirinçci wurde hingehängt, abgestraft, man würde ihn nie wieder irgendwohin einladen, seine nächsten Bücher nicht mehr besprechen, der Pöbler war als Hetzer überführt und zum Paria geworden, der Fall hätte als erledigt gelten können. 

Aber da begann er sich erst richtig aufzublähen, und der Grund besteht nach meinem Ermessen letztlich darin, dass die Deutschen – soll ich sagen: wir Deutschen, wo ich mich speziell in diesem Belang so gar nicht zugehörig fühle? – eben kein Kulturvolk sind. Dass sie kein Maß kennen. Dass sie alles mit deprimierender, uhrwerkhafter Gründlichkeit erledigen oder endlösen müssen und sich dabei auch noch möglichst gegenseitig übertreffen wollen. Dass sie Streber sind in allem, im Guten wie im Schlechten (hier bin ich wieder im Boot). Ein Kulturmensch ist sich für die unnachgiebige Verfolgung politischer Gegner nicht nur viel zu fein, er ist dafür gleichzeitig zu faul und zu beschäftigt, er hat Besseres zu tun, er traut fremden Urteilen wenig und seinem eigenen nur etwas mehr, und aller Gesinnungseifer ist ihm peinlich. Der Deutsche aber will eine Sache um ihrer selbst willen erledigen, er hat weder ein Verhältnis zum Ambivalenten noch zum Vorläufigen, weder zum Paradoxen noch zum Angemessenen. Geben Sie mir Pardon für diese Verallgemeinerung, sie ist gerade im konkreten Fall unstatthaft, weil ja, wie gesagt, nur ein bestimmtes Verfolgermilieu in Rede steht, doch ich hege erhebliche Zweifel, ob es im politisch umgekehrten Falle anders laufen würde. Und kaum Zweifel hege ich daran, dass sich in besagtem Fall unter den Exekutoren des moralisch sowie zeitgeistig Gebotenen zahlreiche Gesichter befinden würden, deren empört gerötete Bäckchen man heute auf der anderen Seite sich blähen sieht.

Nach dieser Abschweifung zurück zu unserem Krawallero und seine Abstrafern. Dass die Verlage, die mit Pirinçcis Romanen sehr viel Geld verdient haben, nun als willige Vollstrecker des Zeitgeistes diese zum Teil 20 Jahre alten Bücher aus dem Verkehr zogen und sie einstampften, als habe der Mann ein Kapitalverbrechen begangen, sich den Tod der Königin vorgestellt oder dergleichen, dass sie Katzenkrimis in Sippenhaft nahmen und nehmen und offenbar in alle Zukunft nehmen werden für Texte, die nichts damit zu tun haben und nicht einmal bei ihnen erschienen sind, dass sie ein politisch korrektes Image über ihr Geschäft stellen, dass überdies die Buchhändler mitzogen und -ziehen, dass sogar erste Bibliotheken mit dem Aussortieren begonnen haben, das ist in der Geschichte der BRD ein völlig neues und vor allem ungeheuerliches Vorkommnis, das nicht ohne Folgen bleiben wird. Es hat diesmal niemanden erwischt, der gegen Gesetze verstoßen hat und in einem verschwiemelten Zirkel 300 Exemplare über erfundene Gaskammern oder das Glück, Zehnjährige zu penetrieren, verkaufte, sondern einen jahrelangen Mainstream- und Bestsellerautor. Der Geist ist aus der Flasche; künftig werden sich Verlage, Buchhändler und Bibliotheken regelmäßig dem Druck irgendwelcher Zeitgeistvollstrecker und Gesinnungskommissare ausgesetzt sehen, denen sich diverse Lobbygruppen beschwingt beigesellen werden. Was ist nicht alles auszusondern und zu verbieten in öffentlichen deutschen Bücherregalen! Vor allem rückwirkend! Wieviel Hetze, Rassismus, Diskriminierung, Gewaltverherrlichung, NS-Wegbereitung, Frauenfeindlichkeit, wieviel Beleidigung religiöser Gefühle oder ethnischen Stolzes, wieviel Verharmlosung weißer Schreckensherrschaft, wieviel europäischer Kulturchauvinismus! Und vergessen wir dabei nicht die Autoren, die zu diesen Finstermännern freundschaftlichen oder überhaupt Kontakt unterhielten! Und die schuldig gewordenen Verlage!

Eine große süddeutsche Bibliothek hatte unmittelbar nach Pirinçcis Pegida-Auftritt und diesen zum Anlass nehmend verkündet, man werde sämtliche Werke des Autors aus den Beständen entfernen. Andere Bücherhäuser diskutierten sowohl intern als auch öffentlich darüber, manche zogen, teils halbherzig, nach; ich fand zum Beispiel eine Bibliothek, wo fast alle Pirinçci-Krimis ohne Angabe von Gründen aussortiert worden waren – und zwar durchweg mit einem Datum nach dem Vorfall –; aber eben nicht alle. Im Grunde ist diesen Leuten außer Opportunismus wenig vorzuwerfen; wer wollte eine einzelne im Schwarm schwimmende Sardine für ihr Verhalten zur Rechenschaft ziehen? Wenn große Buchverlage die Richtung vorgeben, wenn Amazon mitzieht, was soll die arme Buchhandels- oder Bibliothekarssardine dann tun? Den Schwarm verlassen? Um zuletzt allein und als Schwarmfeind dazustehen? 

Die besagte süddeutsche Bibliothek hat mir am Dienstag auf Anfrage mitgeteilt, dass sie nun, wie man sagt, einen Rückzieher vom Rückzug macht und die Bücher in ihr Sortiment zurücknimmt. Auf ähnliche Weise hat ein in diesem Diarium bereits gewürdigter öffentlich-rechtlicher TV-Redakteur von seiner gegenüber einem Zuschauerbriefschreiber als eine Art Entschuldigung vorgetragenen Aussage Abstand genommen, die ARD hätte keinesfalls einen Film nach einer Buchvorlage desjenigen, dessen Name nicht mehr genannt werden soll, senden dürfen („Die Tür“) – allerdings erst, nachdem der Journalist Henryk M. Broder sich bei ihm erkundigt hatte, ob er das tatsächlich geschrieben habe. Man soll angesichts solcher Zurücknahmen, aus denen ein gewisses Gefühl von Peinlichkeit spricht, dem Schwarm allzu sehr vorausgeeilt und zur Amoksardine geworden zu sein, nun aber keineswegs wähnen, alles werde wieder gut, im Gegenteil. Auf diese Weise legt sich über die faktische Exkludierung des Autors Pirinçci nur der Tarnumhang seiner gelegentlichen Verfügbarkeit, wie ja manche Titel auch auf Amazon wieder zu haben sind, freilich nur über Dritthändler. An keinem der so dargebotenen Bücher wird sein Verfasser je einen Cent verdienen. Seine wirtschaftliche Auslöschung ist – von jenem einen wackeren Verlag abgesehen, dem freilich keine einzige Buchhandlung ein Exemplar abnimmt – eine totale.

Das ist das Stichwort. Wir bewegen uns peu à peu auf einen freiheitszersetzenden Totalitarismus des Wohlmeinens zu, von dessen Konsequenzen sich sogar unsere Engagierten noch gar keine Vorstellung machen. Sagte ich Totalitarismus? Aber ja. Wenn Bücher eines Schriftstellers aus den realen und den Online-Buchhandlungen verschwinden, vom Handel nicht mehr angerührt werden, obwohl kein einziger Satz darin steht, der gegen deutsche Gesetze verstößt, und obwohl ein erhebliches Käuferinteresse besteht, dann ist das totalitär. Wenn der einzige Verlag, der diesen Autor noch anbietet und so den Meinungspluralismus bewahrt, publizistisch angegriffen und auf moralischem Umweg wirtschaftlich erpresst wird, wenn man versucht, ihn auf Linie zu bringen, gleichzuschalten, dann ist das totalitär. Wenn die wenigen Öffentlichkeitsarbeiter, die Pirinçcis Recht, überhaupt zu publizieren, verteidigen wollen, sich gezwungen sehen, ihre Argumentation gebetsmühlenhaft mit den Worten zu beginnen, sie wollten ihn keineswegs inhaltlich verteidigen, sondern nur formal, dann ist das herrschende Klima totalitär.

(Der wirklich porentiefe, alles planierende, in smarter Unschuld vom edelsten Willen und guten Gewissen seiner Trägerameisen zehrende Totalitarismus marschiert natürlich unter der Gleichstellungs- und Diversity-Fahne in die Zukunft, aber davon erzähle ich Ihnen ein andermal, an warmen Sommertagen.)

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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