14. Oktober 2015

Kulturkritik Das beste Deutschland

Ein einig Volk von Rappern

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Bildquelle: shutterstock Bedrohung für Pensionsanwärter: Fremde Massen

Man soll es mit den historischen Analogien nicht zu weit treiben, doch was derzeit passiert, ähnelt verblüffend, wenn auch einstweilen als Softversion, den letzten Tagen der DDR. Die Merkel-Regierung gerät exakt im selben Monat wie 26 Jahre zuvor das SED-Regime in eine schwere Staatskrise; die Kanzlerin tischt dem Volk auf honeckerhaft vernagelte Weise vergleichbar primitive Durchhalteparolen in einer Sprache auf, als wende sie sich an dumme Kinder; ein allenfalls symbolisch existierendes Parlament verharrt in Duldungsstarre, segnet alles ab, was man ihm vorlegt, oder wird gar nicht erst gefragt; eine gelenkte Presse verschweigt das tatsächliche Ausmaß des Staatsnotstands beharrlich; regimekritische Demonstranten werden von Politik und Medien als Nazis und Weltfortschrittsfeinde denunziert, von teilweise bezahlten Gegendemonstranten angegriffen, müssen soziale und berufliche Nachteile in Kauf nehmen; es formieren sich heimlich Oppositionsgruppen, die Menschen reden hinter vorgehaltener Hand anders als in der Öffentlichkeit; der Justizminister träumt von der Einführung der Zensur und der Verschärfung des Gesinnungsstrafrechts und so weiter und so weiter. Soweit das Softe an der Situation. Andererseits ist die Lage heute viel kritischer als beim Kollaps des SED-Staates; damals stand das zwar politisch verzwergte, aber wirtschaftlich potente Westdeutschland bereit, die strauchelnden Brüder und Schwestern Ost aufzufangen (unter der Inkaufnahme von Konsequenzen zur Beschwichtigung der Nachbarn, die den aktuellen Zustand befördert haben, aber wer wusste das damals schon?). Überdies handelte es sich 1989 um eine binnendeutsche Völkerwanderung, die DDR konnte die Menschen nicht mehr halten, während heute auf Deutschland Völkerschaften eindrängen, deren Fremdheit fundamental und deren jugendliche Vitalität für ein Volk von Pensionsanwärtern bedrohlich ist und in deren hellen Haufen viele ernste Gesellen ins Land strömen, die die westliche Freiheit gar nicht besonders schätzen, sondern sie zuerst ausnutzen und später, wenn sich veränderte Mehrheiten hergestellt haben, abschaffen wollen. Diesmal wird niemand das strauchelnde Deutschland auffangen, die Nachbarn haben dieselben Probleme, wenngleich sie ihre Kerkaportae nicht halb so weit aufsperren wie die auf ihre späten Jahre endgültig verrückt gewordene BRD.

Wer sich vor diesem historischen Hintergrund an die Lektüre der hiesigen Gazetten begibt und nach Endzeit-Artikeln im DDR-Stil sucht, wird beispielsweise im aktuellen „Spiegel“ alsogleich fündig. Es sind besonders zwei, die ich mit dem angewiderten Amüsiertsein eines Menschen durchgelesen habe, der schon einmal den Zusammenbruch eines Staates erlebt hat, dessen Lautsprecher bis zuletzt tönten, es sei das beste Deutschland aller Zeiten. Beim ersten Artikel handelt es sich um ein Interview mit der sogenannten Integrationsforscherin Naika Foroutan, die als Vizedirektorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung – schon die falsche Reihenfolge der Termini hat einen Hautgout – exakt am selben Born sitzt, wo bis 1989 und gen Ende hin besonders herzig die wissenschaftlichen Gefälligkeitsgutachten und akademischen Durchhaltestatements nur so sprudelten, in der Berliner Humboldt-Uni nämlich. Dort im Foyer steht bekanntlich Marx’ Diktum an der Wand, die Philosophen hätten die Welt bloß verschieden interpretiert, statt sie zu verändern; man hätte auch seine Aussage dorthin schreiben können, dass es das Sein ist, das das Bewusstsein bestimmt – Ende 1989 hatten Studenten auf einem Plakat ein „verstimmt“ daraus gemacht –, unsere Deutsch-Iranerin, die 1983 Teheran für immer den schönen Rücken kehrte, gibt nämlich sofort die gegenteilige Maxime aus: „Politiker und Medien warnen so lange davor, dass die Stimmung kippt, bis sie tatsächlich kippt.“ 

Die Stimmung kippt also nicht, weil die Kommunen mit ihren Mitteln und Kapazitäten am Ende sind, weil sich ein nicht geringer Teil der Flüchtlinge als Eindringlinge entpuppt hat, von denen sich wiederum hinreichend viele so benehmen, dass in jedem Land der Welt die Stimmung kippte, und weil wir inzwischen deutlich mehr nichtregistrierte, illegale, irgendwohin untergetauchte Ausländer im Lande haben, als die Bundeswehr aktuell Angehörige zählt, nein, die Stimmung kippt wegen der Politiker und der Medien, obwohl die doch lügen und schönfärben, dass sich die Dachträger in den überfüllten Turnhallen biegen müssten. Der Kernsatz des Geprächs, die Stelle, wo es ins Satirische kippt, folgt zwei Antworten weiter und lautet: „Die Verunsicherung im Lande wächst, seit die Regierung wieder Grenzkontrollen eingeführt hat.“ Auf 1989 übertragen: Die Verunsicherung der DDR-Bürger wächst, seit Ungarn die Grenzen geöffnet hat. Jenes Ungarn, dem wir, am Rande bemerkt, schon wieder dankbar sein müssen für seine vernunftgetragene Grenzpolitik. Nach so einer Antwort hast du als Interviewer zwei Möglichkeiten: Entweder du machst beim großen Gaga mit und stellst fortan eskalierende Nonsensfragen, oder du befragst den Interviewten so, dass wenigstens herauskommt, ob er – beziehungsweise im vorliegenden Falle sie – sich interessengeleitet dumm stellt, sei es aus steuerfinanzierter Wohlmeinenssuhlerei, oder weil sie tatsächlich bloß zum geisteswissenschaftlichen Akademikerprekariat gehört, sprich auch des minimalsten Durchblicks ermangelt. Die Überproduktion an Abiturienten, Studenten und Habilitierten schlägt sich bekanntlich fast ausschließlich in den „weichen“ Fächern nieder, und irgendwo muss man später ja auf all diese engagierten Simpel treffen. Der „Spiegel“ entscheidet sich mit einer Frage zum Statement des Bischofs Overbeck, wir Deutschen außer ihm, dem Bischof Overbeck, sollten uns generös von quasi allem verabschieden, was uns lieb und teuer ist, anscheinend für die erste Variante, hält die Sache aber aus Angst vor den Missverständnissen der Selbstreferentialität nicht konsequent durch. Immerhin entschlüpft der endsiegnah integrierten Maid noch das Statement: „In Kanada gibt es eine regulierte Einwanderungsquote von rund einem Prozent pro Jahr. Das wären im Falle Deutschlands 800.000 Menschen jährlich. Darauf könnte sich das einpendeln, nach dem ersten Hoch.“ In Kanada drängeln sich auf einer Fläche von knapp zehn Millionen Quadratkilometern knapp 35 Millionen Einwohner, das heißt pro Quadratkilometer dreieinhalb; in Deutschland lebt auf einem 30-stel der Fläche nur wenig mehr als das Doppelte an Bewohnern, macht 227 pro Quadratkilometer, da geht noch einiges. Kanada holt überwiegend Ostasiaten ins Land, Menschen, die Stress verbreiten, bei Mathematikolympiaden und IQ-Tests blendend abschneiden und das intellektuelle Niveau des Landes nach oben ramponieren, Deutschland lässt fast nur Menschen aus Südosteuropa, Vorderasien und Afrika einwandern, deren Bildungsniveau und geistige Fähigkeiten das allgemeine Niveau ins Beschauliche pegeln. Irgendwann merkt es naturgemäß kaum mehr jemand, und alle sind glücklich, wie ja überhaupt ein niedriger IQ das persönliche Zufriedenheitsgefühl erheblich steigert; warum sollte das bei Ländern anders sein?

Der zweite Artikel gibt sich als Replik auf den kurzen Text von Botho Strauß an gleicher Stelle in der vergangenen Woche, „Der letzte Deutsche“ geheißen, ein melancholischer Abschied des Dichters von der deutschen Sprache, wie er sie liebte, von der deutschen Romantik im Besonderen, den die verdienten Genossen des deutschen Feuilletons in barbarischer Einhelligkeit dumpf, vorgestrig, ausländerfeindlich und irgendwie Nazi fanden, bis hin zur Unterstellung, der Autor leide an Demenz und sei ein Fall für die Forensik (diese SED-Attitüde fand sich logischerweise in der „Zeit“, jenem humanistischen Weltblatt, wo man sich Honeckers festumfriedetem Laufställchen bekanntlich bis zuletzt freundschaftlich verbunden fühlte). Verfasst hat die besagte Antwort Nils Minkmar, der auch schon mal bei der „Zeit“ und beim Asta war, also ein echter profilierter Charakter, ausweislich seines Konterfeis ein Kerl, den man im Schützengraben, bei einer Schlägerei oder sogar bei einer Redaktionskonferenz gern auf der gegnerischen Seite wüsste. Spotten wir nicht, wir sind allzumal fehlbare Menschen und wollen alle irgendwie durchkommen. Minkmar repliziert also auf Strauß’ Kulturpessimismus unter anderem mit der Prämisse: „Es gibt kein besseres Deutschland als jenes der Gegenwart.“ Sofern das kein Pleonasmus sein soll, denn es gab ja sogar 1944 kein besseres Deutschland als das von 1944, will uns dieser mutmaßliche und jedenfalls faktische Merkelianer also mitteilen, wir lebten in der besten aller denkbaren Welten, was publizistische Knetfiguren allerdings bekanntermaßen zu allen Zeiten über jeden Staat, jede Regierung, jedes Regime behauptet haben, und sei es nur aus Dankbarkeit für den Platz am äußersten Rande des Podiums, den sie im Gegenzug einnehmen durften. Warum ist denn nun gerade dieses heutige Deutschland das beste seit je? Ich gehe eigentlich davon aus, dass sich sogar ein bundesrepublikanischer Brotberufsjournalist ahnungshalber im Bilde darüber befindet, dass das Deutschland der Kaiserzeit sowohl kulturell als auch wissenschaftlich als auch wirtschaftlich als auch alltagsästhetisch und nicht zuletzt militärisch der Neid der Welt und dem heutigen Deutschland durchaus überlegen war, zu schweigen von Petitessen wie der Qualität der Reden im Parlament und dem fundamental pluralistischen geistigen Klima. Aber: „Deutschland ist in diesem Sommer schlagartig sympathisch geworden.“ Wem denn? Den Arabern vielleicht? Ansonsten habe ich eher den Eindruck, dass Kein-schöner-Land der restlichen Welt mit seinem schrillen Willkommensklamauk und seiner obszönen Beineöffnerei eher etwas unheimlich und durchaus gestört vorkommt. Aber, aufgemerkt: „Die jungen Leute blicken ihr Gegenüber offen an, nicht mehr so schüchtern und unbeholfen, weil es in den Familien nicht mehr so bedrückt und bedrückend zugeht.“ 

Ungern will ich Hell- und Glücksdeutschland mit Realitätsspritzern verunzieren, doch als Journalist weiß Minkmar sehr wohl, dass junge Leute, die ihr Gegenüber offen anschauen, in gewissen Gegenden dieses Landes und auch anderer europäischer Länder bisweilen mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben spielen, sofern das Gegenüber gerade mit seinen Kumpels oder Brüdern auf der Opfersuche ist und so einem arroganten Eingeborenen mal zeigen mag, wie man Achmed oder Mustafa anzugucken hat. Dass viele junge Bio-Deutsche heute die Angst zerfrisst vor dem Weg in die Schule oder der nächtlichen Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, weil es dort zuweilen weit bedrückender zugeht als in den Familien ihrer Eltern. Und dass in öffentlichen Gesprächsrunden mit jugendlichen Teilnehmern, beispielsweise Schulklassen, längst eine ähnlich stickige Atmosphäre moralischer Erpressung herrscht, wo man sich „falsche“ Fragen lieber verkneift, wie weiland in Erichs des Einzigen Arbeiter-und-Bauern-Paradies.

Und dennoch – beziehungsweise nochmals aber: „Die deutsche Gesellschaft war lange in der Angst verwurzelt. Viele sind damit groß geworden. Die Angst zerfraß ihre Kindheit. Angst vor einer Wiederkehr des selbst herbeigeführten Unheils.“ Da hat aber einer wirklich seine Lektionen gefressen. Klar, dass Minkmar auf ja immerhin zwei zu füllenden „Spiegel“-Seiten nicht am „Massenmord an den europäischen Juden, an Homosexuellen, Kommunisten, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas und Deserteuren“ vorbeikommt, gewürzt mit der mutigen Behauptung, dass „die Deutschen damals hinter solchen Maßnahmen standen“. „Die“ Deutschen. 60 und ein paar Millionen. Nicht die Nazis. Nicht die Täter. Das einzige Kollektiv, das man in der politisch korrekten Welt noch folgenlos al fresco schmähen und beleidigen kann. Hat man so gelernt beim Asta. Bei der „Zeit“. Bei den anderen habituellen Nekrosadisten und schreibenden Spitzbuben. Im allerbesten Deutschland der Welt. Dessen Bevölkerung jetzt endgültig ausgetauscht und merkwürdigerweise durch noch mehr Antisemiten ersetzt wird als vorher, aber egal: Nie wieder!

Am Schluss dann Klimax und Credo in einem: „Heute tragen unsere beliebtesten Stars die neuen deutschen Nachnamen Naidoo und M’Barek, einer unserer bedeutendsten Intellektuellen heißt Kermani – na und? Die Kultur blüht. Wer wie Botho Strauß heute den Niedergang deutscher Kultur konstatiert, lebt in einer privaten Parallelgesellschaft.“ Kulturblütebeschleuniger wie Bushido oder Xatar hat er sogar noch vergessen. Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

An dieser Stelle ist zu erwägen, was Martin Mosebach in seiner Deutung des Straußschen Adieus in das denunziatorische Diskursli einspeiste, nämlich die Frage, inwieweit die eigentlichen Bildungsfernen und allzeit herostratischen Barbaren die Deutschen selber sind. Will unsereins tatsächlich in die Bütt steigen für ein ästhetisch dementes Volk von Mario-Barth-Guckern, in dem eine solide Mehrheit Dieter Bohlen für einen bedeutenderen Tonsetzer hält als, sagen wir, Brahms, eine noch solidere Mehrheit nichts dabei findet, in Unterwäsche auf die Straße zu gehen, in dessen freilich immer poröser werdendem Verbreitungsgebiet für nahezu jede Kunstbiennale, Opern- und Theaterdarbietung gilt: „Palmyra auch hier“ (Strauß), und in dessen Gazetten Kommentare wie der in Rede stehende, ich zitiere mich selber, denn wen soll man sonst noch zitieren, in der Baumschulenschlichtheit von Reichsparteitagsmarschblöcken immer aufs Neue gedruckt werden? Gibt es noch irgendein Geheimes Deutschland, auf das nach dem großen Kladderadatsch zu zählen wäre? Oder werden wir sein ein einig Volk von Rappern?

P.S.: Immerhin, auf Seite 119 der aktuellen „Spiegel“-Ausgabe steht denn doch mal ein wohltemperierter Passus; der Pianist Igor Levit fasst den großen Bogen, den die Goldberg-Variationen beschreiben, in die reizenden Worte: „Der Bass sagt zum Thema: Du bist so lange nicht bei mir gewesen, komm zurück. Das Thema antwortet: Hättest du nicht Kraut und Rüben dazwischengeschoben, ich wäre nie gegangen.“

P.P.S.: Mit „Kraut und Rüben“ spielt der Pianist selbstverständlich nicht auf Bachs Komponierweise an, sondern auf das alte Handwerkerlied „Kraut und Rüben haben mich vertrieben“, das der Komponist in der 30. und letzten Variation („Quodlibet“) anklingen lässt. Bei ihren Zusammenkünften vergnügte sich die Familie Bach gelegentlich am gemeinsamen Stegreifsingen von Quodlibets; daher hatte er‘s.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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