16. September 2015

„Strategische Triage“ in der Wohlfahrtsökonomie Ein Konzept zum Flüchtlingsthema?

Vorschläge innerhalb des bestehenden Systems

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Bildquelle: Wikimedia Commons Wohlstand durch Eigentum: Hernando de Soto

Mit Grenzkontrollen hat sich Angela Merkel eine Atempause verschafft. Mein Vorschlag: Wir nutzen schon die Atempause zum Nachdenken über Grundsätzliches und warten nicht auf ihren Rücktritt im Herbst 2017.

Ein Teil der Volkswirtschaftslehre ist die Wohlfahrtsökonomie; bei der geht es um die effiziente Allokation von Hilfe-Ressourcen. Man könnte auch einfach sagen: Hilfe ohne Verschwendung. Ein Werkzeug hierbei ist die sogenannte strategische Triage. In der Medizin ist der Grundgedanke der Triage recht geläufig:

Treffen in einem Krieg oder einer anderen Katastrophe viele Verwundete auf wenige Ärzte, geht es darum, mittels einfacher Selektion die Zahl der Überlebenden zu maximieren. Der überlastete Mediziner teilt dabei die Verwundeten in drei Gruppen: Verletzte, die ohne sofortige Hilfe wahrscheinlich überleben, Verletzte, die nur mit sofortiger, aber moderater Hilfe wahrscheinlich überleben, und Verletzte, die nur mit hohem Einsatz wahrscheinlich überleben.

Die erste und die dritte Gruppe fallen jetzt der Triage zum Opfer und werden erst versorgt, wenn genügend weitere Ärzte eingetroffen sind. Die Ärzte vor Ort können sich nach einer schnellen Triage bis zum Eintreffen der Kollegen um die Verletzten kümmern, die davon maximal profitieren. Ein Arzt müsste natürlich auch dann triagieren, wenn er wüsste, dass keine weiteren Kollegen kommen, denn auch in diesem Fall würde er versuchen, die Zahl der Überlebenden zu maximieren.

Es kommt hierbei zu einem scheinbaren moralischen Dilemma, weil man genau die Menschen bewusst nicht versorgt, deren Notlage am größten ist. Hier werden Menschen ohne eigenes Verschulden zu Opfern der Umstände. So belastend dieses effizient-rationale Verhalten auch sein mag, die Maximierung der Rettung von Menschenleben ist sinnvoller als alle Alternativen. An diesem nützlichen Prinzip der strategischen Triage ändert auch die Tatsache nichts, dass der Arzt nur unvollständige Informationen hat. Niemand kann mit 100-prozentiger Sicherheit einschätzen, welche Verletzte in welche Gruppe gehören.

Stellen wir diesem rational triagierenden Arzt jetzt einen weniger kühl abwägenden Arzt gegenüber. Ich nenne ihn mal den emotionalen Menschenfreund. Er sieht die vielen Verletzten, und da der Nächstgelegene schwer verletzt ist, beginnt der emotionale Menschenfreund sogleich mit der Behandlung. Es ist eine komplizierte und lange Operation. Nach fünfstündigem Kampf gegen den Tod verstirbt der Patient leider. In dieser Zeit sind bedauerlicherweise drei andere Patienten verblutet, die beim Setzen anderer Prioritäten hätten gerettet werden können. Ich denke, mein Punkt ist klar geworden.

 Was bedeutet das nun für die aktuelle Situation? So wie der Arzt, dem die Zeit und 20 Helfer fehlen, hat auch Deutschland begrenzte Ressourcen. Diese gilt es so effizient wie möglich einzusetzen. Dass wir nicht alle Flüchtlinge der Welt bei uns aufnehmen und lebenslang menschenwürdig versorgen können, müsste inzwischen auch dem Letzten einleuchten. Also geht es darum, einen Weg zu finden, wie man die vorhandenen Ressourcen bestmöglich einsetzt. Ein Beispiel für diese Vorgehensweise war der Kopenhagener Konsens. Bei diesem Projekt wurde 2004 versucht, bei den wichtigsten Herausforderungen der Menschheit (Hunger, Krankheiten, Wasserversorgung, Handelsbeschränkungen, Korruption und so weiter) Prioritäten zu setzen. Das Projekt nutzte die Methoden der Wohlfahrtsökonomie, um mit Kosten-Nutzen-Analysen herauszufinden, wo eine bestimmte Summe Geld am besten eingesetzt wird. Weitere Projektsitzungen gab es 2007, 2008, 2009, 2011 und 2012. Die Ergebnisse waren überraschend und teilweise kontraintuitiv. 2012 wurde beispielsweise Nahrungsergänzungsmitteln die höchste Priorität gegeben.

Ich bin nicht sicher, ob solche grundsätzlichen Überlegungen jemals im Kanzleramt angestellt wurden — zumindest fehlen mir Hinweise darauf. »Darf man denn an das Flüchtlingsthema mit solch kalt-rational-ökonomischem Kalkül herangehen?«, werden einige vielleicht fragen. Es gehe doch um Menschenleben, wie wir in den letzten Wochen praktisch in jeder Talkshow hören konnten. Im Alltag machen wir schließlich auch keine kalte, rational-ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse, wenn uns der Bettler seinen Hut vor die Füße legt. Da werfen wir spontan ein paar Münzen hinein. Müssen wir uns jetzt schlecht fühlen, wenn das Geld woanders mehr Leid hätte vermeiden können? Nein, müssen wir nicht, denn es ist unser Geld, was da im Hut gelandet ist. Wenn man aber — so wie die Bundesregierung — das Geld fremder Leute verwaltet, gelten andere Regeln; vor allem, wenn dieses Geld nicht freiwillig gegeben wurde, sondern unter Androhung von Gewalt den Besitzer gewechselt hat. Eben deshalb fände ich es besser, wenn hier das Hirn unser Herz leiten würde und nicht umgekehrt.

Die Bundesregierung hat die Situation aktiv gestaltet mit der wiederholten Botschaft, dass hier eine Willkommenskultur herrsche mit der bedingungslosen Einreiseerlaubnis für alle in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge, mit der Kanzler-Mitteilung, dass es keine Obergrenze beim Asyl gebe, und mit der Versicherung, dass Deutschland das schon schaffen werde.

Ich plädiere dafür, die Verschnaufpause für einen Berliner Konsens zu nutzen. Dies sollte jedoch keine Enquete-Kommission mit lauter Politikern sein, sondern eine mit vielen unabhängigen Wirtschaftswissenschaftlern — am besten solche, die etwas von Wohlfahrtsökonomie verstehen. Und vielleicht auch ein paar, die die Österreichische Schule der Nationalökonomie nicht nur dem Namen nach kennen. Der Kopenhagen-Konsens wird mittlerweile übrigens privat finanziert. Das reduziert die Abhängigkeit von der Politik, und das böte eine tolle Spendengelegenheit für alle, die einen anderen Beitrag leisten wollen, als mit Anti-rechts-Videos bei Facebook „ein Zeichen zu setzen“ oder Willkommensschilder auf Bahnhöfen hochzuhalten — so edelmütig und empathisch letzteres auch sein mag.

Bei den Wunschkandidaten der Kommissionsmitglieder stünden zwei Namen ganz oben auf meiner Liste: Erstens Gunnar Heinsohn, der dokumentieren könnte, warum dem Youth Bulge unsere größte Sorge gelten sollte. Und zweitens Hernando de Soto, der erklären könnte, warum Eigentumsrechte die Schlüssel zum Wohlstand sind. Wobei Wohlstand auch das beste Mittel gegen den Youth Bulge darstellt.

Um dem Missverständnis nicht mit Karacho in die Arme zu rennen: Hier handelt es sich um Vorschläge innerhalb des bestehenden Systems der institutionalisierten, initiierenden Gewalt. In meiner präferierten Welt ohne Gewaltmonopol gibt es keine Staatsgrenzen und damit auch keine grundsätzliche Ausgrenzung von Flüchtlingen, gleich welcher Fluchtgründe. Aber auch mit der Prämisse des Gewaltmonopols gibt es nützlichere Reaktionen und weniger nützliche. Darüber zu diskutieren, lohnt sich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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