29. Juni 2015

Grazer Amokfahrer Wenn dich die bösen Buben locken, folge ihnen so wenig wie den guten

Über Wahr und Falsch in Orient und Okzident

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Bildquelle: shutterstock Doppelte Optik: Wo ist das Gute und wo ist das Böse?

In geradezu realsozialistischer Einhelligkeit haben sämtliche Medien die Behauptung der Grazer Polizei übernommen, der Amokfahrer, der in der steiermärkischen Hauptstadt über diverse Gehsteige raste und zuletzt ausstieg, um noch ein wenig herumzumessern, wobei er drei Menschen tötete und über 30 verletzte, sei psychisch labil, die Tat habe aber keinerlei extremistische Motive. Woher wollten die Ermittler dies nur wenige Stunden nach der Blutorgie wissen? Wenn es denn stimmt, dass dieser Mann, ein Bosnier mit österreichischem Pass, seine Frau unter Schlägen dazu gezwungen hatte, ein Kopftuch zu tragen, und wegen wiederholter häuslicher Gewalttaten schließlich Umgangsverbot mit ihr und den Kindern erhielt, wenn es ferner stimmt, dass er ohnehin ein sehr abseitiges, trotz langjährigen Aufenthaltes in Österreich an Kontakten mit der eingeborenen Umwelt desinteressiertes Dasein führte, derweil er sich in Gedanken und online meist im arabischen Raum aufhielt, dann ist doch zumindest die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, dass er, nachdem ihm die Behörden die Familie wegnahmen – jene Familie, in die womöglich die westliche Dekadenz Einzug gehalten hatte, denn weshalb trug die Frau ihr Tuch nicht von allein? –, sich an irgendwelchen Vertretern dieser Dekadenz stellvertretend rächen wollte, psychisch labil und ideologisch motiviert zugleich, und wo findet man solche Sündenböcke zahlreicher als in einer bevölkerten Innenstadt? Aber dergleichen wird offiziellerseits nicht einmal erwogen, weil, schließt Palmström bekanntlich

„messerscharf,

nicht sein kann, was nicht sein darf“.

(Am Rande: Das Morgenstern-Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ geht übrigens so:

Palmström, etwas schon an Jahren,

wird an einer Straßenbeuge

und von einem Kraftfahrzeuge

überfahren.

„Wie war“ (spricht er, sich erhebend

und entschlossen weiterlebend)

„möglich, wie dies Unglück, ja -:

daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen

in bezug auf Kraftfahrwagen?

Gab die Polizeivorschrift

hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,

hier Lebendige zu Toten

umzuwandeln, – kurz und schlicht:

Durfte hier der Kutscher nicht -?“ etc.)

Wenn die Amokfahrt nun aber einen ethnisch/ religiös/ politisch/ kulturell motivierten Hintergrund gehabt haben sollte, wie zahlreiche Attentate der letzten Zeit, speziell in Frankreich, wo es auch vorkam, dass Kfz-Lenker ihren Wagen in Menschenmengen steuerten, weil das ja immerhin eine der Ungläubigentötungsoptionen ist, die der IS in seiner per Video verbreiteten Kriegserklärung an die Welt ausdrücklich empfiehlt? So raste am 21. Dezember vergangenen Jahres ein 40-Jähriger algerisch-marokkanischer Abstammung an fünf verschiedenen Orten in Dijon in Menschengruppen und verletzte dabei 13 Personen, zwei davon schwer. Er schrie während seiner Tat ununterbrochen „Allahu akbar“. Einen Tag später fuhr ein 44-Jähriger mit einem Kleintransporter absichtlich in eine Menge auf dem Weihnachtsmarkt in Nantes, verletzte zehn Personen, eine davon tödlich. Auch hier wollen Augenzeugen den Ruf „Allahu akbar“ vernommen haben. In beiden Fällen schlossen die verantwortlichen Staatsanwältinnen ein religiös motiviertes Attentat jeweils a priori aus. Es handle sich vielmehr, hieß es prompt, bei den Tätern um psychisch Verwirrte. (Die Frage, warum keine verwirrten Christen Passantengruppen niederwalzen, blieb unerörtert.) Was also würde daraus folgen, wenn in Graz ein ähnlicher Fall, was Gott verhüten möge, vorläge, sowohl was das Motiv angeht als auch das – mit der Demenz übrigens nur etymologisch unverwandte – Dementi?

Es begänne das Wirken jener doppelten Optik, auf die ich an dieser Stelle schon zuweilen hinwies. Die Mulkul-Propagandisten hie, die Islamophoben da erhöben ihr übliches Gezeter; nichts haben solche Taten mit dem Islam zu tun, seimten die einen, ausschließlich damit, salbaderten die anderen. Wenn beide Seiten schwiegen und nur die Fakten sprächen, wäre schon viel gewonnen. Denn beide Fraktionen erklären Teile der Gesellschaft zu Feinden derselben und gefährden den stets und ohnedies fragilen inneren Frieden, der von den tatsächlich gefährlichen Glaubensirren sowie importierten Schwerkriminellen ohnehin auf die Probe gestellt wird. Ich erwarte von den Lesern meines zwar kulturpessimistischen, aber die zivilisatorischen Gepflogenheiten preisenden Diariums die entschiedene Bereitschaft, einen Unterschied zu machen zwischen Extremisten, und seien es Zehntausende, und den Muslimen als solchen, ohne zugleich der Propaganda zu glauben, die uns suggerieren will, der Islamismus habe mit jener Religion, deren Gebote er radikal zu erfüllen vorgibt, noch weniger zu tun als der Realsozialismus mit der reinen Lehre des zu Brüssel und London praktizierenden und vor allem theoretisierenden Dr. Marx aus ursprünglich Trier. Man muss sich aber endlich von der Idee lösen, dass hinter Tätern haftbar zu machende Kollektive stecken, auf die sich ein Großteil der Schuld verteilt, denn aus genau diesem unsittlichen Gedanken resultiert ja sowohl das Verallgemeinern als auch das Verschweigen der Motive eines Extremisten, sei er muslimisch, NSU-deutsch oder was auch immer. So wie ich mir irgendwelche kollektiven Schuldschellen nimmer anhängen lassen werde, ob nun das Dritte Reich, den weißen Kolonialrassismus, die angebliche deutsche Fremdenfeindlichkeit oder die Diskriminierung von Sinti, Orks und Hottentottinnen betreffend, würde ich dergleichen vor allem hierzulande in endemischer Verlogenheit habituell gewordene Fremdschämerei auch nie von einem frommen Diener Allahs erwarten oder gar verlangen.

Nebenbei: Mir gegenüber insistierten in letzter Zeit mehrfach muslimische Intellektuelle darauf, dass der Islamismus bis hin zu den Gottesbarbaren des IS keineswegs ein irgendwie aus dem Mittelalter stammendes, reaktionäres Phänomen sei, sondern im Gegenteil ein modernes, zumindest im Effekt, denn die meisten traditionellen Islame mit ihren verschiedenen Rechtsschulen hätten die rigide Teilung der Welt in wahr und falsch, rein und unrein gar nicht gekannt, dieser Manichäismus sei dem Morgenland erst durch den Kontakt mit dem Westen injiziert worden, während die wirtschaftliche und militärische Unterlegenheit der orientalischen Welt dann dazu führte, dass dort ein Ressentiment gegen den Okzident um sich griff, das sich dieser modernen binären Logik bediente, statt weiter die altorientalische Neigung zur Mehrdeutigkeit zu pflegen, weil die ja offenkundig nicht mehr konkurrenzfähig war. Beispielsweise sei Ehebruch seit jeher mit der Strafe der Steinigung sanktioniert (aber Ehescheidung gleichwohl nach islamischem Recht akzeptiert) gewesen, doch sei diese Strafe jahrhundertelang nie ausgeführt worden, weil weise Rechtsgelehrte die unmöglichsten Voraussetzungen an den Urteilsspruch geknüpft hätten, im konkreten Fall drei Augenzeugen, denen überdies noch „Glaubwürdigkeit“ attestiert werden musste. Auch die salafitische Vorstellung, dass am Koran nichts zu interpretieren oder im geschichtlichen Kontext seiner Entstehung zu lesen sei, entstamme der jüngeren Gegenwart. Ich bin nicht hinreichend kundig, um die historische Plausibilität dieser Darstellung beurteilen zu können – ausführlich hat sich damit Thomas Bauer in seiner Apologie (ich mein‘s nicht böse, es ist halt eine) „Die Kultur der Ambiguität“ beschäftigt –, aber dass wir hier im grünroten Westeuropa von manichäischen Zeloten regiert und dauerbelärmt werden, scheint mir unbestreitbar zu sein; man versuche einmal, nur den leisesten Zweifel an den momentanen Sakralwerten dieser Republik wie „EU-Vertiefung“, „Menschenrechte“, „Diversität“, „Gleichstellung“, „Klimaziele“, „Westbindung“ oder „Aufbrechen der Geschlechterstereotype“ zu bekunden.  

Kurzum: Wenn dich die bösen Buben locken, folge ihnen so wenig wie den guten. Schweigen und walten!

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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