27. April 2015

Australische Wunderheilungs-App Kein Raum für Realitätssinn

Über die Leichtgläubigkeit der Menschen

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Bildquelle: Shutterstock Dreiste Lügnerin: Belle Gibson

Mit den Hoffnungen von Menschen zu spielen, ist eine äußerst perfide Form der Grausamkeit. Dies gilt ganz besonders für die Hoffnung auf Heilung. Gerade wenn es ums Überleben geht, klammern sich Betroffene verständlicherweise an jeden Strohhalm, sei er auch noch so dünn und brüchig. Dies hat sich Belle Gibson zunutze gemacht. Die australische Bloggerin gaukelte einer wachsenden Fangemeinde jahrelang vor, sie habe den Krebs nur mit Hilfe ihrer gesunden Lebensweise besiegt. Vor allem eine vegetarische Ernährung habe ihren angeblichen Tumor im Gehirn verschwinden lassen. So gerne wollten Hunderttausende an dieses Wunder glauben, so gewaltig schien der Markt für eine gierige Industrie, dass zunächst nur selten einmal jemand fragte, was es mit dem ganzen Spuk denn auf sich habe. Die vermeintlich vom Krebs Geheilte zog mit der dick aufgetragenen Lügenstory so viele Menschen in ihren Bann, dass kritische Nachfragen geradezu als Blasphemie verstanden und in den sozialen Netzwerken tausendfach niedergebrüllt wurden. Gibsons Vita tat ihr Übriges: Das Kind aus schwierigen Verhältnissen mit Problemen in der Schule und ohne berufliche Perspektive, das – gerade einmal volljährig – an Krebs erkrankte und viel zu früh in die Mutterrolle geriet. Wie viel schlimmer kann es kommen?

Das Rührstück schuf die Grundlage für eine Massenhysterie, die dem Realitätssinn keinen Raum mehr ließ. Keine Chance zu haben und sie dennoch zu nutzen, das ist der Stoff für Geschichten, die die Menschen lieben. Und so sorgte die geschäftstüchtige Mittzwanzigerin vor zwei Jahren mit einer Ernährungs-App für Aufsehen, die die scheinbar krebsheilende Nahrungsaufnahme steuerte. Der Mythos von der „Heilung aus der Speisekammer“ war geboren. Begleitet von einer Schar begeisterter Journalisten konnte Gibson ein dreistes Lügengebäude errichten, dem am Ende selbst der Apple-Konzern zum Opfer fiel: Die von den Amerikanern preisgekrönte Food-App sollte in die neue Apple-Uhr „Smartwatch“ aufgenommen werden. Derweil klingelte die Kasse der „Wunderheilerin“, nicht nur durch den Verkauf des dazugehörigen Kochbuchs, sondern vor allem durch die umgerechnet mehr als 200.000 Euro an Spenden, die sie offenbar nie an karitative Einrichtungen weitergeleitet hatte. Gibson war auf dem Höhepunkt von Ruhm und Reichtum angekommen – und legte damit den Grundstein für ihren tiefen Fall. Vor sechs Wochen nahm Gibsons Verlag ihr Buch aus dem Handel, nachdem sich die Hinweise auf den unglaublichen Betrug immer weiter verdichtet hatten.

Die Entlarvte versuchte sich in Schadensbegrenzung und teilte mit, die festgestellte Streuung der Krebszellen sei eine Fehldiagnose gewesen. Doch da gab es schon keine Rettung mehr: Unter dem wachsenden Druck gestand sie nun, die Krebsstory frei erfunden zu haben. Für die getäuschten Krebspatienten ist dies ein Schlag ins Gesicht. Ihnen kann niemand vorwerfen, dass sie das Unmögliche für möglich hielten. Und allen anderen? Vor allem der Apple-Konzern, der Buchverlag und die Medien tragen eine Mitverantwortung. Der Vorfall wirft jedoch nicht nur ein Schlaglicht auf einen Berufsstand, der sich im medialen Hochgeschwindigkeitszeitalter immer weniger mit Recherche aufhält und dem es ohnehin zunehmend an Kritikfähigkeit zu mangeln scheint. Er zeigt noch viel mehr: Wir Menschen sind zu leichtgläubig. Hierzulande ist dies besonders ausgeprägt. Wir gehen Bank-„Beratern“, Politikern und Werbe-Schauspielern ebenso auf den Leim wie den adretten Damen und Herren, die uns die Nachrichten vom Teleprompter vorlesen, oder Redaktionen, die uns ihre Weltsicht aufdrängen. Der Fall Gibson hat daher auch etwas Gutes: Er lehrt uns, viel kritischer mit allem umzugehen, was andere uns erzählen – auch dann, wenn sie sich als Experten bezeichnen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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