13. Januar 2015

Pegida und Co Der Begriff „Lügenpresse“ steht auch in rosiger Tradition

Und ist so falsch ja nun auch nicht

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„Man muss die Ängste dieser Menschen und ihre dumpfen Ressentiments ernstnehmen“, spottet der stets lesenswerte Martin Lichtmesz über den Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Helmut Heinen. Der Verbandsfunktionär nannte das neuerdings im Netz sowie auf Pegida-Veranstaltungen zirkulierende Wort „Lügenpresse“ einen „Kampfbegriff aus Deutschlands dunkelster Vergangenheit“ und verrührte die Benutzung desselben als irgendwie konzertanten Angriff auf die freie Presse in einen Brei mit dem Pariser Massaker. Ähnlich lautende Kommentare fanden sich in den letzten beiden Tagen nahezu in jeder anständigen deutschen Gazette. (Ein neutraler Beobachter würde solche Äußerungen sicher nicht unter Lüge, sondern unter Hetze rubrizieren, und auf soviel Differenzierung sei auch hier beharrt.) Freilich stimmt das mit der dunkelsten Vergangenheit nur zur Hälfte, denn im Herbst 1989 gingen die Menschen in der DDR und vor allem in Sachsen unter anderem gegen die staatliche Lügenpresse auf die Straße, wie einige es heute wieder tun oder zu tun meinen, mit ihren Auftritten aus zahlreichen Genossen Journalisten jenes Ressentiment herauskitzelnd, welches diese Karyatiden des Pluralismus immer wahlloser jeder Kritik an ihrem publizistischen Tagwerk unterstellen – obwohl, am Rande bemerkt, neun von zehn deutschen Qualitätsjournalisten vermutlich keine Ahnung haben, was der Terminus eigentlich beschreibt.

Lügenpresse, halten wir das bolzenfest, ist also auch ein Freiheitskampfbegriff aus Deutschlands rosiger Vergangenheit. Wohin derzeit das Pendel ausschlägt, wird sich erst noch zeigen; eine gewisse DDR-Ähnlichkeit in der Berichterstattung des täglich mit immer mehr Recht sogenannten Medienmainstreams unter anderem  über Putin, die AfD und eben Pegida ist jedenfalls nicht zu übersehen. Auch die Schrillheit des Tons und die offenkundige und für jedermann leicht nachprüfbare Verdrehung von Fakten erinnern an die launige Spätzeit von Erichs des Einzigen antifaschistischem und weltfriedenssicherndem Sozialparadies.

Eine gewisse DDR-Ähnlichkeit zeigt sich eventuell auch in den divergierenden Teilnehmerzahlen bei den Demonstrationen pro und contra Pegida. In der DDR demonstrierten bis fast zuletzt deutlich mehr Menschen für die SED als gegen sie, was mit dem guten, alten, berechenbaren, jederzeit auch anders könnenden Opportunismus von in sozialen Verbänden lebenden Wesen zusammenhängt. Dass von den momentanen Staatsparteien organisierte Aufmärsche der Guten, Treuen, Kritischen und Bunten mehr Menschen auf die Beine brachten als zumindest eine einzelne Parallelveranstaltung der Ewiggestrigen, Verblödeten, Dumpfen und Rassisten, bedeutet zunächst einmal überhaupt nichts; es wurde gewiss ein bisschen aufgepasst, wer erscheint und wer nicht, es winken oder wanken ja stets staatliche Fördergelder. Desgleichen kann man das autosuggestive Frohlocken der Medien unter voreilig verbuchen; solche Prozesse muss man über Monate beobachten, und da die Ursachen der Proteste nicht nur keineswegs bekämpft, sondern eifrig geleugnet oder beschwiegen werden, dürften sie so schnell nicht enden.

Der Souveränitätsmangel, mit welchem diejenigen unserer Medienvertreter auf den „Lügenpresse“-Plakatismus reagieren, die sich offenbar angesprochen fühlen, hat weniger mit dessen allmählich recht klotzigem Wahrheitskern zu tun, als vielmehr mit dem Auflagen- und Bedeutungsschwund sämtlicher in ihrer Selbstwahrnehmung immer noch hochbedeutender Zeitungen und Magazine dieses Landes. Die Wahrscheinlichkeit, dass in zehn Jahren noch ein einziges der großen BRD-Blätter existiert, würde ich nicht höher veranschlagen als die, dass Borussia Dortmund in diesem Jahr absteigt und zugleich die Champions League gewinnt – es sei denn, sie werden alimentiert. Auf den aus vielerlei Gründen sinkenden Schiffen der sogenannten Qualitätspresse suchen viele aufgescheuchte Redakteure und Redaktricen nach Rettungsbooten, weshalb sie sich mit ihren Beiträgen immer williger bei Parteien und Verbänden (und in der Wirtschaft) andienen und deren Positionen immer aggressiver ins Leserland tröten. Die Insel, von der sie inzwischen träumen – sofern sie sich nicht rechtzeitig aufs Altenteil retten können –, ist der von den Bürgern zwangsalimentierte Staatsfunk; andere mögen hoffen, dass eine oder zwei Gazetten im Moment des Konkurses verstaatlicht und die Redakteure verbeamtet werden, weil die Bundesregierung nach dem Zusammenbruch des Journalismus am Markt wenigstens pro forma so etwas wie einen potemkinschen Medienpluralismus aufrechterhalten will.

Zum blöden Gefühl, die Deutungshoheit über das Tagesgeschehen an das basisdemokratische Internet verloren zu haben, gesellt sich bei vielen Journalisten die schiere Existenzangst. Kleinbürger mit Abstiegsängsten suchen bekanntlich Sündenböcke und neigen zu aggressivem Verhalten; in Krisensituationen schlagen sie sich sofort und umstandslos auf die Seite des je Stärkeren. Man muss die Ängste dieser Menschen und ihre dumpfen Ressentiments ernstnehmen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Michael Klonovskys Blog „Acta diurna“.


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