29. November 2014

Ende der Geduld Wie man leitlügenmedialer Brandstiftung wirkungsvoll begegnen könnte

Ein kleine Philippika zum Mitsingen und Augenmachen

Wenn ich mich recht entsinne, sollen bei der „FAZ“ im nächsten Jahr 200 Stellen abgebaut werden. Sollte die hundsmiserable Berichterstattung über diverse Konflikte und Kriege auf diesem Planeten, das Verschweigen wichtiger Hintergrundinformationen und das dauerhafte Belügen der Leser so weitergehen, werden dort bald noch viel mehr Arbeitsplätze gestrichen werden müssen. Und das wäre schade, denn viele Redakteure der Zeitung können gar nichts dafür – weshalb sie sich meiner Meinung nach überlegen sollten, den Auftragslügnern in ihrem Hause einfach mal die rote Karte zu zeigen und endlich Widerstand zu leisten gegen die grob fahrlässige Zerstörung des Blattes durch eine kleine Gruppe geschichtsvergessener, lernunwilliger Propagandisten und Demagogen, die kontinuierliche Entwertung einer Zeitung, die einmal als Flagschiff des deutschen Qualitätsjournalismus galt.

Anlass zu dieser Bitte meinerseits um Gegenwehr sind zwei weitere Schmiertikel aus der alleruntersten Schublade, der eine zum Krieg in der Ukraine, der andere zum Bürgerkrieg in Syrien. Was ersteren betrifft, muss man wohl nicht mehr ausführlicher werden: Wenn Ko-Herausgeber Berthold Kohler meint, die Leser unentwegt hinters Licht führen und von einer Bedrohung der „Prinzipien der europäischen Friedensordnung“ durch Putin sprechen zu können, stellt sich doch zuvörderst die Frage, welche Prinzipien er eigentlich meint. Gehörten doch auch zahlreiche europäische Länder zu den größten Waffenlieferanten zum Beispiel an das libysche Gaddafi-Regime, und das über Jahre hinweg; beteiligte man sich doch an diversen völkerrechtswidrigen Angriffskriegen, die mit internationaler Sicherheit und Frieden so viel zu tun hatten wie eine in ein Treibstoffdepot geworfene Handgranate; stammte das Giftgas, mit dem Saddam Hussein Iraner und Kurden unter stillschweigender Billigung Washingtons und Moskaus vergaste, unter anderem auch aus französischer und deutscher Herstellung. Wer sich einen guten Überblick über die Beziehungen zwischen der hochethischen Prinzipientreue der EU und dem nordafrikanischen Oberst verschaffen möchte, gebe bitte in eine Suchmaschine seiner Wahl folgende Zeile ein: „EU arms exports to Libya: who armed Gaddafi?“ („EU-Waffenexporte an Libyen: Wer bewaffnete Gaddafi?“), um dann auf einen hochspannenden Artikel des „Guardian“ zu stoßen – inklusive äußerst interessanter Datenblätter, auf denen die friedensstiftende Waffenvielfalt fein säuberlich aufgelistet wird. Aber dieses in ein gründlich zerschlissenes „Prinzipien“-Leibchen gekleidete, alberne Schauspiel soll hier nicht das Hauptthema sein.

Stattdessen möchte ich mich ein wenig den Hintergründen des Bürgerkrieges in Syrien widmen, über den Redakteur Rainer Hermann am 27. 11. doch tatsächlich schrieb: „Teile und herrsche: Der syrische Machthaber Assad hat Teile seines Landes dem Islamischen Staat überlassen. In den übrigen Gebieten herrscht Assad dafür um so unangefochtener – und unentbehrlicher für den Westen. Das Kalkül des Regimes Assad geht auf: Syrien ist in zwei große Herrschaftsgebiete geteilt. Das Regime in Damaskus kontrolliert das eine, der ‚Islamische Staat‘ mit seiner ‚Hauptstadt‘ Raqqa das andere Gebiet. Erst war Machthaber Assad der Magnet, der Dschihadisten anzog. Er ließ sie gewähren, griff andere, leichtere Ziele an. Nun will sich Assad im Krieg gegen den ‚Islamischen Staat‘ unentbehrlich machen. So hat seine Luftwaffe erstmals Raqqa bombardiert.“

Sprachlosigkeit. Das war meine erste Reaktion angesichts einer derart konsternierenden Häufung von Falschbehauptungen. Als wäre die Strategie, Syrien zu destabilisieren und „balkanisieren“, alleine auf Assads Mist gewachsen. Eine glatte Lüge. Das allein reicht natürlich noch nicht, um seinem Ruf als Qualitäts-Mythomane gerecht zu werden, stattdessen setzt Hermann noch einen drauf, indem er die Schuld für das Erstarken des IS mehr oder weniger komplett Assad in die Schuhe zu schieben versucht.

Nun ist IS, ehemals ISIL, dann ISIS, aber im Wesentlichen eine Schöpfung folgender charmanter Zeitinsassen: Saudi-Arabien, Katar, Türkei, VAE (Vereinigte Arabische Emirate), Washington. Dort, wo man sie nicht indirekt begünstigte, indem man „moderate“ Rebellen bewaffnete, deren Ausrüstung kurze Zeit später dummerweise IS-Milizen in die Hände fiel (wer hätte denn damit rechnen können, also ehrlich), verschaffte man ihnen dadurch Auftrieb, die betroffenen Länder – siehe Irak – gründlich kaputtgeschlagen zu haben und somit auch noch die letzten Reste politischer Stabilität in einer ohnehin schon volatilen Umgebung fortzuballern. Außerdem ging das dauerköpfende Trüppchen aus einer Organisation namens al-Qaida hervor, von der heute bekannt ist, dass es sich um ein politisches Frankensteinmonster aus der geostrategischen Hexenküche der unleugbar Guten handelt. Da einem sowas kaum jemand glaubt, da leider immer noch viel zu wenige Menschen es übers Herz bringen, statt Schundblättchen und Gagazinchen aus der Geschwätzpresse auch mal was Vernünftiges zu lesen, sollen meine kruden russischen Thesen durch zwei erinnerungswürdige Zitate desjenigen Mannes, der an dem ganzen Schlamassel auch nicht ganz unschuldig ist, ein bisschen unterfüttert werden.  

In einem Interview mit der französischen Zeitung „Le Nouvel Observateur“ machte eine der „FAZ“ offensichtlich unbekannte historische Randfigur namens Zbigniew Brzeziński einmal folgende bemerkenswerten Aussagen im Zusammenhang mit dem gegen Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts begonnenen Krieg in Afghanistan, wohl bekomm‘s:

„‚Observateur‘: Und Sie bereuen auch nicht, die Islamisten unterstützt zu haben, sie mit Waffen zu versorgen und Beratung als zukünftige Terroristen gegeben zu haben?

Brzeziński: Was ist in der Geschichte der Welt am wichtigsten? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetimperiums? Einige durcheinander gewirbelte aufgehetzte Moslems oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?

‚Observateur‘: Einige durcheinander gewirbelte Moslems? Aber es ist gesagt worden und immer wiederholt worden: Der islamische Fundamentalismus ist heute eine Bedrohung für die Welt.

Brzeziński: Unsinn! Das besagt, dass der Westen eine globale Politik in Bezug auf den Islam hat. Das ist dumm. Es gibt keinen globalen Islam. Schauen Sie sich den Islam in einer rationalen Weise und ohne Demagogie oder Emotion an. Es ist die führende Religion in der Welt mit 1,5 Milliarden Anhängern. Aber was ist das Gemeinsame zwischen dem saudi-arabischen Fundamentalismus, dem moderaten Marokko, dem Militarismus in Pakistan, dem ägyptischen pro-westlichen oder zentralasiatischen Säkularismus? Nicht mehr als das, was die christlichen Länder verbindet.“

Ups. Wie jetzt? Das ist „Unsinn“? Wie hat der geneigte Leser das denn zu verstehen? Auch dazu gab Generalfeldmarschall Brzeziński einige weitere, sehr hilfreiche Informationen. In einer Senatsanhörung vom 1. Februar 2007 bezeichnete er den „War on Terror“, den „Krieg gegen den Terrorismus“ wortwörtlich als „mystische historische Erzählung“. Noch viel, viel verblüffender aber ist die Genauigkeit seiner Prognosen über die außenpolitischen Entwicklungen der nahen Zukunft:

„Sollten die Vereinigten Staaten fortfahren, sich auf ein langwieriges Engagement im Irak einzulassen, wäre die Endstation dieser Talfahrt ein Konflikt mit dem Iran und mit einem großen Teil der islamischen Welt. Ein plausibles Szenario für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran beinhaltet ein Versagen im Irak und ein Verfehlen der dortigen Ziele, gefolgt von Anschuldigungen, der Iran sei für dieses Scheitern verantwortlich; dann von irgendeiner Provokation im Irak oder einem Terrorangriff in den USA, den man dem Iran in die Schuhe schieben wird, kulminierend in einer ‚defensiven‘ US-Militäraktion gegen den Iran, durch die ein einsames Amerika in einem sich ausweitenden und vertiefenden Morast versinken würde, der sich schlussendlich durch den Irak, den Iran, Afghanistan und Pakistan ziehen wird. Ein mystisches historisches Narrativ zur Rechtfertigung eines solchen langwierigen und potentiell ausgedehnten Krieges wird bereits formuliert. Ursprünglich gerechtfertigt durch Falschbehauptungen über die Existenz von WMDs (Weapons of Mass Destruction, Massenvernichtungswaffen) wird der Krieg nun umdefiniert zu dem ‚entschlossenen ideologischen Kampf‘ unserer Zeit schlechthin, der an die Zusammenstöße mit dem Nazismus und Stalinismus erinnere. In diesem Kontext werden der islamistische Extremismus und al-Qaida als Entsprechung zur Bedrohung durch Nazi-Deutschland und dann die Sowjetunion präsentiert, 9/11 als Entsprechung zum Angriff auf Pearl Harbor, der Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg herbeiführte. Dieses simplizistische und demagogische Narrativ übersieht die Tatsache, dass der Nazismus auf der militärischen Stärke des industriell am weitesten fortgeschrittenen europäischen Staates basierte und der Stalinismus fähig war, nicht nur die Ressourcen der siegreichen und militärisch mächtigen Sowjetunion zu mobilisieren, sondern auch weltweite Anziehungskraft über die marxistische Doktrin ausübte. Im Gegensatz dazu akzeptieren die meisten Muslime den islamischen Fundamentalismus nicht; al-Qaida ist eine isolierte fundamentalistisch-islamistische Irrung; die meisten Iraker sind wütend über die amerikanische Besetzung des Irak, die den irakischen Staat zerstörte; während der Iran – auch wenn er regional einflussreicher wird, selber politisch geteilt sowie ökonomisch und militärisch schwach ist. Zu argumentieren, Amerika befinde sich in der Region bereits im Krieg mit einer größeren islamischen Bedrohung, deren Epizentrum der Iran sei, läuft darauf hinaus, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu verbreiten.“

Pardauz, kawumm, rumms, doing und dreimal hossa. Diese Worte sprach kein verschwörungstheoretischer Blogger aus den Weiten des putinischen Internets oder ein Mitarbeiter von RT Deutsch, sondern Ice-Ice-Zbiggy, Chefstratege der Vereinigten Schurkenstaaten. Der Kontrast zwischen beiden Exzerpten ist schon faszinierend: Der gute Mann gab (übrigens auch an anderen Stellen) offen zu, mit Hilfe des US-Auslandsgeheimdienstes diejenige Terrortruppe zusammengetrommelt, organisiert, finanziert und bewaffnet zu haben, die an 9/11 mutmaßlich 3.000 Amerikaner gemeuchelt haben soll, während er andernorts die gesamte Strategie dahinter inklusiver völkerrechtswidriger Blitzkriege ganz lässig bloßstellte – nämlich vor dem US-Senat. Talk about Schizophrenie. War es doch Brzeziński, der die geostrategischen Grundzüge erarbeitete, auf denen die Berufsverbrecher der Neocons aufbauten, die seit dem 11. September 2001 Punkt für Punkt abgehakt werden und im Wesentlichen auf folgenden Stützpfeilern ruhen: geopolitische Kleintierhaltung anderer Nationen (Erhaltung der „American Primacy“); Sicherstellung der für die industrielle Dynamik der USA wichtigsten Rohstoffe; und nicht zu vergessen die weltweite Verbreitung von Peace, Love und Understanding. Denn in jedem Erdling steckt ein Amerikaner, der raus will – und der zur Not eben auch freigeschossen und -gebombt werden muss. Im Afghanistankrieg unter Bush und Cheney, fortgesetzt durch den friedensnoblen Preisschläger Obama, übrigens unter großzügiger logistischer Mithilfe des Kreml, und das trotz seines angeblich unkompromittierbaren Widerstandes gegen die „geopolitischen Intrigen“  (Vlad Putin) des Westens. Na? Haben Sie immer noch Lust, sich von Machtpolitikern und ihren Gagamedien vergackeiern und herunterdummen zu lassen?

Ich kann jedem Lesex (männliche Endungen wurden vom Wahrheitsministerium und seinen Gender-Schutzstaffeln leider verboten), dex tatsächlich etwas an Frieden liegt und dex sich zu Recht ernste Sorgen über die in letzter Zeit schon wieder in seinex Lautstärke stark gestiegenex Kriegsgeilheit macht, nur dringend raten, sich nicht mehr von den Leitlügenmedien aufwiegeln und -hetzen zu lassen.

Machen Sie „Ihren“ Qualitätsvernichtern bitte klar, dass Sie keine Lust haben, in den von Woche zu Wocher schon wieder höher wogenden Fluten aus Demagogie, Desinformation, Lügensucht, (teils auch gespielter) Ahnungslosigkeit, geopolitischer Unbildung und äußerst kurzsichtiger, brandgefährlicher Willfährigkeit gegenüber dauerkriegstreibenden Psychopathen und ähnlichem Gesindel zu ertrinken. Wer sich jetzt nicht wehrt, darf sich über die Folgen nicht beschweren.


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