03. November 2014

Terror Islamische und Vereinigte Staaten

Von wegen „Rechtsstaat“

Ob „Islamischer Staat“ (IS) oder „United States“ (US), grundsätzliche Unterschiede sind da nicht auszumachen. Beides sind ausgesprochen unangenehme Gewaltorganisationen. Beide gefallen sich darin, der Welt zu verkünden, dass sie selbst für das Gute kämpfen, während der jeweils andere abgrundtief böse sei. Beide nennen sich vollmundig „Staat“, als ob sie eine legitime Autorität wären, während sie ihre Untertanen mit Bespitzelung, Propaganda und schierer Gewalt unter Kontrolle halten. Schließlich führen beide brutale Aggressionskriege, setzen bewusst auf Terrorwaffen und haben mit Folterpraktiken geringe Berührungsängste. Und übrigens noch eine frappante Gemeinsamkeit: Sowohl die IS- als auch die US-Anhänger sind nicht nur überzeugt davon, auf der guten und richtigen Seite zu stehen, sondern können gar nicht anders denken, als dass dies eine objektive Tatsache sei. So weit die Gemeinsamkeiten.

Es gibt aber auch Unterschiede, wenn auch bloß graduelle: Das betrifft zunächst einmal die handfeste Grundlage der ganzen Aggressivität, nämlich die militärische Kampfkraft. Sie ist beim IS – soweit es Schätzungen gibt und sich die Verhältnisse überhaupt vergleichen lassen – über tausendmal kleiner als bei den US. Hinzu kommt, dass der IS als relativ junge Gewaltorganisation über wenig Erfahrung im Kriegshandwerk verfügt, während die US dies seit Jahrzehnten immer und immer wieder mit Angriffskriegen ernstfallmäßig trainieren. Um nur die paar letzten zu nennen: Haiti, Libyen, Panama, Kuwait, Somalia, Sudan, Kosovo, Afghanistan und Irak. Da reihen sich die neuesten Hightech-Bombardements gegen primitive Kanonenstellungen des IS schon eher als routinierte Trainingsrunde ein. Weitere Gelegenheiten werden sich bieten. Und wenn nicht, lassen sie sich problemlos herbeibegründen. So wie schon beim Irak-Feldzug, als der US-Kriegsminister der UNO gefälschte Beweise vorlegte. Auch bei Terror und Folter gibt es graduelle Unterschiede: Der IS hat nun schon einige Enthauptungen von unschuldigen Gefangenen im Internet inszeniert. Hinrichtungen, welche die minimalen Anforderungen des zwischen Staaten geltenden Kriegsvölkerrechts mit Füßen treten – von wegen Islamischer „Staat“.

Die US haben demgegenüber schon sehr viel mehr an unschuldigen Zivilisten vor laufender Kamera aus Helikoptern herab niedergemäht; professionell organisierte Folter, etwa in Guantanamo oder in Abu Ghraib, der entsetzten Weltöffentlichkeit vorgeführt; und in propagandistischen Kinofilmen auch schon mal die Technik des Waterboardings zum Besten gegeben, zur Abschreckung aller, die es wagen, sich mit ihnen anzulegen. Zudem werden dort pro Jahr im Durchschnitt 50 nicht selten qualvolle Hinrichtungen durchgeführt und öffentlich kommuniziert, größtenteils mit der Giftspritze, aber auch mit dem elektrischen Stuhl, der Gaskammer oder auf andere Weise. Exekutiert wurden auch schon Minderjährige und geistig Behinderte. Bei der personellen Besetzung der zuständigen Blutgerichte wurde auch schon darauf geachtet, dass ja keine Gegner der Todesstrafe nominiert werden – von wegen „Rechtsstaat“. Am Mittwoch nun hat der Bundesrat den IS für das Gebiet der Schweiz verboten. Das wird nicht viel bewirken, auch wenn es sehr verständlich ist. Wie viel mehr hätte es gebracht, die US zu verbieten!

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von David Dürr

Über David Dürr

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige