02. Mai 2014

Jan Fleischhauer über Putin als „Postfaschist“ So billig ist das diesmal nicht

Auch wenn der „Spiegel“ mal wieder nur denunzieren will

Dossierbild

Der Kolumnist Jan Fleischhauer ist der hauseigene anarchisch-konservative Quotenclown in der ansonsten staatstragend-sterilen und säuberlich halblinks ausgefegten Manege des Zirkus „Spiegel“. Allerdings vergisst der an der längeren Leine agierende Harlekin seit ein paar Monaten immer dann seinen Auftrag im Einsatz gegen den Strom der Luftballons, wenn es wider den leibhaftigen Putin zu Felde zu ziehen gilt. Dann lässt der Jan die Narrenkappe hängen und schließt sich im nicht einmal selbstironisch inszenierten Gleichschritt dem Rest der humorlosen Truppe an. Immer wieder. Einfach so. „Unter Linken“ wirkt mit den Jahren eben doch.

Aber selbst in einem solchen Fall sind Fleischhauers scheinbar stets so böse Artikel wertvoller als die der gutmenschlichen Kollegen. Auch dann nämlich, wenn er – Tätärä! – Putin als „Faschisten“ outet, was an sich in diesen Tagen der pseudoaufgebrachten deutschen Presselandschaft ungefähr so originell ist wie Uli Hoeneß nicht so richtig gut zu finden. Klar, der Faschist ist sowieso immer der Andersdenkende.

Aber Fleischhauer wäre nicht Fleischhauer, wenn er nicht nur mit Dreck schmeißen, sondern darin noch eine Perle bergen würde. Anders als die billigeren Denunzianten zeigt er nicht auf den Führer, wenn er Putin meint, sondern auf den Duce: „Der richtige Bezugspunkt ist Rom 1919.“

Putin – und das vergisst Fleischhauer allerdings dann doch zu erwähnen – hat nicht nur wie Mussolini vor dem Zweiten Weltkrieg weit weniger Menschenopfer gefordert als Hitler damals oder Bush und Obama zuletzt. Benito war auch wie Wladimir in seiner Jugend sozialistischer Funktionär. Viel deutlicher noch als im Beispiel Hitler – man lese dazu allerdings das erhellende Werk von Josef Schüßlburner: „Roter, brauner und grüner Sozialismus: Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus“ – wird in Mussolinis Vita die linke Herkunft und das Ringen mit ihr, da wo der Faschismus in der Tradition des Sozialismus steht und ihn mit denselben Mitteln fortsetzt und dort, wo er ihn als Reaktion zuweilen bekämpft.

Auch Tschekist Putin wurde aus dem Bauch des Kommunismus geboren und ist offenbar angetreten, diesen niederzuringen, seine Auswirkungen zu verarbeiten, die Opfer zu rehabilitieren und wo möglich wieder aufzurichten, teilweise aber auch ihn fortzusetzen. Und ja, Putin ist eben auch – worauf Fleischhauer hinweist – Nationalist und deshalb Kollektivist geblieben.

Trotzdem: Auch dieser bessere Mussolini-Vergleich zielt eher noch knapp daneben. Und das nicht nur, weil der Bezug auf Obama womöglich treffender gewesen wäre. Der wirkliche historische Fangschuss wäre Fleischhauer mit Franco gelungen. Der war auch Nationalist. Aber noch mehr war er eben Christ – und niemand bezweifelt, dass der innere Antrieb des Generalissimo die Rettung des Katholizismus in Spanien vor dem Angriff der gottlosen Kommunisten war. Wieviele Kirchen hatten die schon geschändet? Wieviele Priester teilweise bestialisch getötet, bevor Franco losmarschierte? Nebenbei hat er dann die Spanier mit seiner geschickten Neutralitätspolitik vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg bewahrt – dennoch wird er in der „Spiegel“-Rangliste seines Landes eher nicht vor Ricky Martin landen. Und Putin nicht vor den Pussys.

Scherz beiseite, auch diesen Punkt scheint Fleischhauer zu ahnen, wenn er in seiner Aufzählung – „da ist der Körperkult, die pathetische Rhetorik der Selbstbehauptung, die Abwertung des Gegners als verkommen und degeneriert, die Verachtung der Demokratie und des westlichen Parlamentarismus, der übersteigerte Nationalismus“ – Putins steten Bezug auf das orthodoxe Christentum und seine Warnung vor dem gottlosen Westen nur dem diesbezüglich besonders gebildeten Leser gegenüber andeutet, wo er ohne Erläuterung „den Mythos vom dritten Rom“ erwähnt. Das dritte Rom ist in seinem Selbstverständnis die letzte nationale Bastion des traditionalen Christentums in der Front gegen den sich immer wieder häutenden Kommunismus, den Atheismus und die kollektivistische Demokratie, kurz: gegen (fast) alles Linke – und insofern tatsächlich wie Fleischhauer raunt: „postfaschistisch“. Das kann man für böse und gefährlich halten oder für gut, nötig und überlebenswichtig. Die Wahrheit liegt, da wir es mit Menschen zu tun haben, eher irgendwo dazwischen, nämlich diesseits eines jeden Kollektivismus.

Aber davon liest man nichts im „Spiegel“. Nicht einmal beim Hausnarren.


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