21. März 2014

Russland-Bashing der deutschen Medien Wir sind das Volk!

Die alte Tante „FAZ“ als Beispiel, um von „Welt“ und „Bild“ lieber zu schweigen

Dossierbild

Das seit Monaten betriebene Russland-Bashing der Mainstream-Medien kommt immer noch nicht richtig gut an. Die „FAZ“ etwa bezeichnet ihre Leser gerne als „kluge Köpfe“. Und sie scheint recht zu behalten.

Gestern zum Beispiel hat „FAZ“-Autor Hans Ulrich Gumprecht die „Russland-Versteher“ unter den Lesern als „Morast“ beschimpft und mal eben kollektiv zum Psychiater geschickt.

Im Kommentarbereich unter diesem Artikel („Deutschland und die Krim-Krise: Unter dem Strich: Morast“) kann man nach der Anzahl der Empfehlungen durch andere Leser sortieren. Hier jeweils ein paar Ausschnitte aus den derzeit zehn meistgelesenen Kommentaren der klugen Leser einer unklugen Zeitung:

  • Ihre Aufgabe wäre es neutral zu berichten, fertig. Kommentatoren und Bürger die aufmerksam und mit Menschenverstand die Dinge beobachten und ihre Schlüsse ziehen in eine narzisstische Ecke zu stellen grenzt schon an etwas Imperialen. Tun Sie nicht so als wäre wir ein dummer Mob der sich keine richtigen Gedanken machen kann. Die zunehmende Ablehnung der Indoktrination durch Strippenzieher, meist jenseits des Atlantiks – ob es um Russland, Israel, Syrien, Afghanistan oder sonst ein Brandherd, der von eben diesen erzeugt wurde, einfach so hin zu nehmen – ist vorbei.
  • Ist die moralische Überlegenheit der USA gegenüber Russland, die von westliche Medien so eifrig betrommelt wird, etwa der immer kürzer werden Abstand andere Länder zu überfallen oder dort Bürgerkriege zu inszenieren? (Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen) Weltweit Folterlager und Geheimgefängnisse zu installieren, wo allein der Verdacht ausreicht, um Menschen für immer verschwinden zu lassen? Tausendfache, außergerichtliche Hinrichtungen mittels Drohnen? Systematische und weltweite Überwachung von Hunderten Millionen von Bürgern? Schauprozesse gegen Dissidenten, die schwerste Menschenrechtsverletzungen ans Licht gebracht haben? Dass Dissidenten um den ganzen Erdball gejagt werden oder in Botschaften ausharren, damit sie diesem "Westen" nicht in die Hände fallen?
  • Ich glaube, die Bevölkerung im Westen (mindestens in Deutschland) versteht die Motive ihrer eigenen Regierungen nicht mehr. Putin zu verstehen ist trivial. Er verfolgt russische Interessen. Nur, welches Interesse haben wir in der Ukraine? Welche Interessen verfolgen wir mit den Zuständen im Irak oder Libyen, die wir aktiv herbei geführt haben? Es ist doch kaum zu glauben, dass die Zustände in diesen Ländern so gewollt sind. Wo der Westen eingreift entsteht Chaos und Gewalt. Unsere Politiker mögen das anstreben, das Volk will das nicht. Und das hat weniger mit Sympathie für Putin zu tun, als vielmehr mit dem Gefühl von den eigenen Regierungen belogen zu werden.
  • Der Autor rechnet sich selbst wohl zu den Medinintellektuellen, ein Wort welches er im Artikel verwendet. Kein Wunder, dass der Artikel so verquast ist. Dennoch, das Thema ist verfehlt worden. Unter dem Strich ist nicht Morast, sondern Vertrauensverlust. Die Menschen in Deutschland, in Europa und in der übrigen westlichen Welt haben das Vertrauen verloren, dass sie die Wahrheit gesagt bekommen. Die Menschen sind nicht so blöd wie gemeint wird. Sie merken, dass Journalisten nur noch Meldungen übernehmen. Sie merken, dass "Nachfragen" heute gleichgesetzt wird mit "Verschwörungstheorien glauben". Sie merken, dass gerade im Westen die Politiker lügen, wenn sie den Mund aufmachen. Sie merken, dass die Demokratie auf der letzten Ritze daher kommt, hier in Deutschland, aber besonders in der EU.
  • Die unzähligen Jauchekübel von Desinformation und bellizistischer Manipulation, die seit Wochen auf die Deutschen ausgeschütet werden, sind zu vergleichen mit der Propaganda aus finstersten Zeiten. Es widert einen an, die bösartigen Kommentare und Berichte über Russland zu lesen. Nicht zuletzt säen die Politiker fortwährend Misstrauen, tischen Gräuelgeschichten auf und wollen an der Seite der US-Verbrecher Wirtschaftskrieg gegen Russland führen, weils ja militärisch nicht geht. Die Kriegshetze ist ja sattsam schon von 1914 belegt. Wann wachen Journalisten und Politiker auf – oder ist alles böse Absicht?
  • Der mündige und informierte Bürger verliert zunehmend nicht nur das Vertrauen in die Politiker, sondern auch das in die Journalisten.
  • Hier Freud zu bemühen, eine nanarzisstische Kränkung des Über-Ichs zum Nährboden des allgemeinen Anti-Amerikanismus, ja eines Morastes zu stilisieren, der selbstredend trocken gelegt werden muss, ist nicht nur gewagt, sondern absurd. Nein, des sind die Fakten der letzten Jahrzehnte, die allgemein bekannt sind.
  • Der Morast ist das was westliche Politiker und Medien angerichtet haben! Diesen Morast gilt es trocken zu legen; bei der Europawahl sollte damit angefangen werden. Was die deutschen Bürgers zu ihrer ablehnenden Haltung zu Sanktion gegenüber Russland veranlasst, ist ihr gesunder Menschenverstand. Dazu braucht es keine hochgestochene Analyse mit Freudverweis. Das Einzige was in der ganzen Ukraine-/Krimkrise demokratisch war, war das Referendum auf der Krim.
  • Wer wohl eher von Politikern und Medien gezwungen wird, durch Morast zu waten, ist der Bürger und Konsument von fast gleichgeschalteten Medien. Diese längst schon inzestuöse Beziehung zwischen Politik und der 4. Gewalt, wird immer dreister. Daher ist der mündige Bürger gezwungen, sich anderswo objektivere Infos zu suchen. Auch dem SPON ist inzwischen aufgefallen, dass Deutsche ihren Medien nicht länger glauben und vertrauen, wie dort seit einigen Stunden zu lesen ist. Kommentatoren fast aller großen, überregionalen Zeitungen schreiben gegen die politische Wahrnehmung ihrer Leser oder anders gesagt, gegen den gesunden Menschenverstand und werden dafür dann in den Leser-Kommentaren abgewatscht. Medien werden von Bürgern immer mehr als Sprachorgane der von der Oligarchie kontrollierten politischen Marionetten wahrgenommen. Kaum eine Zeitung in Deutschland berichtete, was für ein faschistisches Gesindel sich am Maidan tatsächlich herumtrieb und wer die eigentlichen Strippenzieher der "Revolution" waren. Dafür bekommen Medien jetzt die Quittung, selbst der Boulevard.
  • Ich sehe keine heimliche Sympathie für Putin, sondern eine realistische Einschätzung, dass in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg zwischen West und Ost stattfindet, dessen Spieler weitestgehend identisch mit denen des Kalten Kriegs sind. Dass Deutschland hier drinhängt, stößt viele Deutsche ab, sowohl rechts wie links.

Wie gesagt, all das sagen nicht die Leser irgendwelcher „Verschwörungsorgane vom linken oder rechten Rand“, sondern die zehn meistempfohlenen Kommentatoren unter den „FAZ“-Lesern.

Der Fisch stinkt vom Kopf her…


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Dossier: Ukraine-Konflikt

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Torben Niehr

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