21. März 2014

Putin Stimmige Analyse, aber beim Vergleich nicht ganz konsequent

Antwort auf Sascha Tamm

Dossierbild

Der liberale Autor Sascha Tamm hat an dieser Stelle gestern einen Versuch unternommen, „Putin zu verstehen“. Weiten Teilen seiner klugen Analyse stimme ich zu. Putin gehe es zum Beispiel darum, seine Macht zu stabilisieren und sich und seine Leute zu bereichern, sagt Tamm. Und das stimmt, es hilft Putins Motivation besser zu verstehen. Es gilt im Übrigen aber für (fast) jeden anderen Politiker auf der Welt auch.

Und kaum ein anderes Volk weiß das besser als die Russen, die Putin unter anderem oft atemberaubend pragmatisch und politisch schlau gerade in dem Bewusstsein folgen, dass der und seine Clique das Land ja schon geplündert haben, während ein Neuer erst mit der Bereicherung beginnen würde, was unter dem Strich sicher teurer käme.

Putin, so Tamm, regiere „in einem politischen System, das auf zwei Säulen beruht: Unterdrückung und Mechanismen. die die Loyalität großer oder einflussreicher Gruppen kaufen können“. Auch das gilt für alle politischen Systeme. Die „alten Demokratien“ haben den Stimmenkauf doch gerade perfektioniert. Als ausgewiesener Liberaler weiß das auch Sascha Tamm. „Aber“, sagt dieser: Putin habe „viel mehr Möglichkeiten als die meisten, sich ungebremst seiner Leidenschaft hinzugeben.“ Hier, glaube ich, irrt er zum ersten Mal. Nur mal so im Vergleich: Die USA gaben 2008 offiziell 607 Milliarden Dollar direkt fürs Militär aus (Geheimdienste und indirekte Ausgaben nicht mitgerechnet), Russland 58 Milliarden. Wer hat da wohl mehr Möglichkeiten, „sich ungebremste seiner Leidenschaft hinzugeben“? Die Fakten sprechen hier eher für die geopolitische Leidenschaftlichkeit der USA etwa gegenüber Serbien, Afghanistan, Irak oder Libyen.

Im Übrigen, so Tamm mit Verweis auf Tschetschenien, gehe es Putin nicht prinzipiell ums Selbstbestimmungs- oder Sezessionsrecht. Erneut richtig! Nur wieder gilt das eben genauso für den Westen und insbesondere die USA, denken wir nur an die Unabhängigkeitserklärung der Südstaaten und die Folgen (mehr als eine Million Tote, zum Vergleich die aktuelle Zahl der bisherigen Todesopfer der Krimsezession: 2).

Auch was Tamm über Faschismus und Kommunismus schreibt ist lesenswert und richtig. Wobei Putin aber (ef berichtete mehrfach) als – sicher autoritärer – Antikommunist und Antifaschist fühlt und handelt, während die USA damals an der Seite der Kommunisten standen und heute eben auch die Faschisten in der Ukraine unterstützen.

Wirklich widersprechen möchte ich Sascha Tamm nur an der Stelle seines Resümees: Im Vergleich der kleinen und großen politischen Übel gehören, so Tamm, „Putin und seine Umgebung zu den größten Übeln, die gerade auf der Weltbühne zu beobachten sind.“ Tamms Begründung: „Es ist offensichtlich, dass in den Ländern, die heute zur EU gehören, viele individuelle Rechte besser geschützt sind als in Russland.“

Meine Meinung dagegen: Putin ist derzeit das kleinere Übel, vor allem, weil er sich gegen ein in den letzten Jahren extrem aggressives, stets kriegerisches „westliches“ Überübel stellt, das mit allen Mitteln und Luftbuchungen und weit jenseits ausgeglichener Haushalte nach der Weltherrschaft greift. Russland hilft zusammen mit den Chinesen, vielleicht im letzten Moment ein in der Geschichte so noch nie dagewesenes Machtmonopol zu verhindern, ja einen heraufziehenden Weltstaat – das größte überhaupt vorstellbare Übel gegen die individuelle Freiheit.

Und was diese im Vergleich betrifft, zitieren wir den Schriftsteller Michael Klonovsky, der einmal folgendes an dieser Stelle ausführte: „In Russland kann man auf unabsehbare Zeit und unbeschränkt sowohl Glühbirnen als auch Mentholzigaretten kaufen; der Staat knöpft einem nicht die Hälfte des Einkommens ab, um damit unter anderem eine sogenannte Energiewende autokratisch durchzusetzen, Windräder in vordem reizende Landschaften zu pflanzen oder anpassungsunwillige Zuwanderer zu alimentieren (in Russland ist der Begriff Ausländer positiv besetzt, weil man dort nur hineinlässt, wer seine Rechnungen bezahlen kann); das Regime presst einem ferner weder TV-Zwangsgebühren noch eine exorbitante Mineralölsteuer ab; niemand bekommt dortzulande vom Staat Geld dafür, dass er den Geschlechtsunterschied für ein soziales Konstrukt und Homosexuellen-Partnerschaften für normale Familien erklärt; Putin nimmt seine Landsleute auch nicht bis in die Enkelgeneration als Geiseln, indem er sie für politische Flausen in Gestalt von multilateralen Milliardenumschichtungs-Programmen zur Alimentierung fremder Volkswirtschaften finanziell haften lässt; man kann in Russland sowohl äußern, dass Stalin der größte Verbrecher als auch der größte Staatsmann aller Zeiten war, ohne dass sich Presse und Staatsanwaltschaft auf einen stürzen; wenn in Russland eine Gruppe Jugendlicher einem braven Bürger den Schädel eintritt, bekommen die Typen nicht Bewährung und einen Sozialhelfer, sondern landen, wo sie hingehören: im Straflager.“

Abschließend: Sascha Tamm sagt: „Tatsächlich leben die Russen heute in größerer Freiheit als vor 30 Jahren, wenn auch in geringerer als vor 20 Jahren.“ Tamm lebte bis 2012 drei Jahre in Russland und weiß, dass niemand heute dort tauschen würde mit der Situation vor 20 Jahren. Insofern werden die Russen es als zynisch betrachten, wenn Tamm als „größere persönliche Freiheit“ bezeichnet, dass damals Lehrer und Ärzte monatelang auf die Zahlung des auch noch viel geringeren Lohns warten mussten und auf den Straßen täglich offen gemordet wurde. Ja, Putin hat das Land verändert. Und ja, er hat die Wirtschaft vergessen und nötige Marktreformen unterlassen, das ist ihm wirklich vorzuwerfen. Aber unzweifelhaft stehen die Russen nach 14 Jahren unter Putin wesentlich besser da. Einen Mittelstand zum Beispiel gab es damals gar nicht, heute trifft man ihn überall an den Stränden Südeuropas.

Und wir EU-Bürger im Vergleich? Hier gehen Schritt für Schritt persönliche Freiheiten und Wohlstand verloren. Seit 20 Jahren. Und seit 30 Jahren. Jeden Tag.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Ukraine-Konflikt

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige