19. November 2013

Kennedy-Attentat Wer, wie, was...

...wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt... schluckt magische Kugeln

Am 22.11.2013 jährt sich das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy zum 50. Mal. In den Jahrzehnten seit seiner Ermordung durch den mutmaßlichen Einzeltäter Lee Harvey Oswald wird heiß über die wahren Tathintergründe und möglichen Täter diskutiert. Es häufte sich eine große Masse an Indizien an, die auf eine Verschwörung auf den höchsten Ebenen der Regierung, des Militärs, der Geheimdienste sowie der „Unterwelt“, also der Mafia, hindeuten. Andere Theorien versuchten nachzuweisen, dass Oswald ein russischer Agent war, der im Auftrag Moskaus die Präsidentschaft Kennedys verkürzen sollte. Wieder andere glauben, er sei ein Doppelagent gewesen, der sowohl für die CIA als auch den KGB spionierte. Was auch immer man nun von den zahlreichen Theorien halten mag, eines steht fest: Der Mord am 35. Präsidenten der USA wurde nie vollständig und zufriedenstellend aufgeklärt.

Oder doch? Doch, wurde er. Zumindest, wenn man dem am 16. November auf Welt Online veröffentlichten Artikel „Digitale Zeitreise zu den Attentaten von Dallas“ aus der Feder Antonia Kleikamps Glauben schenken möchte. Nun dürfte ja hinlänglich bekannt sein, dass Mainstream-, insbesondere Springer-Journalismus in einer ganz anderen Liga spielt als der Rest, nämlich in der Liga der außergewöhnlich klugen Gentlemen; Journalisten des Hauses siedeln ganz dicht an der obersten Grenze menschenmöglicher Erkenntnis; wer ihre nicht mehr weiter hinterfragbaren Interpretationen des Weltgeschehens dennoch anzweifelt, ist günstigstenfalls eine umstrittene Persönlichkeit, schlimmstenfalls ein Spinner und, wie Frau Kleikamp zu wissen glaubt, „raunender Verschwörungstheoretiker“, der einfach nicht aufhören will, etwas im heutigen geistigen Klima des Leitjournalismus absolut Unverzeihliches zu tun: in seinem anormalen Gehirn lauter komische Fragen auszukochen und die dann auch noch auszuraunen. Wer nicht nach der Hundepfeife offizieller Darstellungen bellt, landet schnell im VT-Zwinger für herrenlose Kläffer (yep, das war 'ne Metapher).

Ich werde mich daher hüten, die Kompetenz der Experten der „Welt“, eines weltweit höchstes Ansehen genießenden Instituts für forensische Analytik und letztgültige Geschichtsforschung, anzuzweifeln, denn dabei kann ich nur verlieren.

Wenn ich allerdings, bevor es bezüglich des Attentats auf John F. Kennedy zur Sache geht, noch schnell untertänigst auf eine beißende Ironie hinzuweisen mich erdreisten darf: Der gerade von der „Welt“ (nebst anderen Presseorganen) regelmäßig so gerne benutzte Begriff „Verschwörungstheoretiker“ beziehungsweise „Verschwörungstheorie“ geht auf den US-Auslandsgeheimdienst CIA zurück. Er hatte ihn in Umlauf gebracht, um Skeptiker und Kritiker des „Warren Report“, also der von der „Warren Commission“ veröffentlichten Darstellung des Tathergangs, diskreditieren und in die „Spinnerecke“ stellen zu können. Seither wird mit diesem Unwort immer dann eilfertig hantiert, wenn es gilt, die geistige Gesundheit normaler Menschen vor verrückten Ideen zu schützen.

Es versteht sich von selbst, dass in diesem Artikel aufgrund der schieren Masse des verfügbaren Materials nicht jedes kleine Detail ausführlich wiedergegeben werden und nur eine kleine Auswahl der wichtigsten, am meisten diskutierten und größten Auffälligkeiten präsentiert werden kann. Wer sich für die möglichen Hintergründe interessiert, dem seien zwei Bücher wärmstens empfohlen: Erstens die vor kurzem aktualisierte und erweiterte Auflage des Bestsellers „Crossfire – The Plot that killed Kennedy“ des US-Journalisten Jim Marrs. Marrs verfügt über eine der größten Recherchedatenbanken zum Attentat in Dallas, mit dem er sich seit mehr als drei Jahrzehnten auseinandersetzt und über das er viele Jahre lang Vorlesungen an einer US-Universität hielt. Das Buch diente übrigens als Vorlage für Oliver Stones Film „JFK“. Zweitens das neue Buch von Mathias Bröckers, „JFK – Staatsstreich in Amerika“.

Kleikamp schreibt: „Völlig neu ist wenig von dem Material, denn der allergrößte Teil der Polizeiakten stand bereits der Warren Commission zur Verfügung, die den Mord an Kennedy im Auftrag seines Nachfolgers Lyndon B. Johnson aufklären sollte. Ihr Bericht ist, trotz außenpolitischer Rücksichtnahmen etwa zum Thema Kuba, bis heute die seriöseste Untersuchung des Attentats.“ Nur ist das leider falsch, denn der „Warren Report“ ist eben nicht die „seriöseste Untersuchung“, was schon daraus ersichtlich wird, dass Aussagen zahlreicher Augenzeugen vom Tatort von der Kommission erst gar nicht berücksichtigt wurden mit der Begründung, sie seien „unglaubwürdig“ gewesen – wobei in manchen Fällen die angebliche Unglaubwürdigkeit der Zeugen bis heute als bloße, unbewiesene Behauptung im Raume steht.

Im letzten Absatz ihres Artikels versteigt sich Kleikamp dann noch zu einer atemberaubenden Aussage: „Gewiss wird auch die vollständige Digitalisierung der Polizeiakten das Geraune der Verschwörungstheoretiker nicht zum Verstummen bringen. Aber es widerlegt doch viele der falschen Behauptungen, der Verkürzungen und vorsätzlichen Fehlinterpretationen, auf denen die vermeintlichen ‚Enthüllungen‘ beruhen. Die Wirklichkeit, das zeigt das Material deutlich, war viel einfacher und zugleich viel schwerer zu verstehen: Lee Harvey Oswald war ein Einzeltäter, der durch eine höchst unglückliche Verkettung von Umständen die Gelegenheit bekam, auf John F. Kennedy zu schießen. Er nutzte sie.“ Was die Dame nicht alles weiß.
Nun ein bisschen Geraune. Ich habe mich vorsichtshalber gleich selber in Aluminiumfolie eingewickelt und den Artikel zu Fuß getippt, um als Verschwörungsfüßler leichter erkennbar zu sein.

Erstens: Beginnen wir mit der „Magic-Bullet“-Theorie, also der Theorie der einzelnen, „magischen Kugel“, die eine ganz erstaunliche, abenteuerliche Reise angetreten haben soll. Von hinten in Kennedy eingedrungen, suchte sie, einmal im Dunkeln des Körperinneren gefangen, verzweifelt einen Weg zurück ans Licht, so dass sie, so die offizielle Erklärung, ihre Flugbahn abrupt änderte, um sich zunächst für ein kurzes Stück nach oben zu knabbern. Dann, unterhalb des Kehlkopfes aus Kennedys Hals wieder ans Freie getreten, wo sie die frische Luft und die herrliche Aussicht auf die Dealey Plaza für einen Augenblick genoss, entschloss sie sich nach langen und zähen Koalitionsverhandlungen mit den Naturgesetzen, diesen dann doch wieder Folge zu leisten und abermals ihre Richtung spontan zu ändern, indem sie ihre ursprüngliche Flugbahn aufnahm, um wie ein Falke auf Gouverneur John Connally hinabzustürzen, der auf dem Vordersitz Platz genommen hatte. Sie schmuste mit seiner fünften Rippe und zerlegte einige Knochen in seinem Handgelenk, um danach – und jetzt wird es wirklich haarsträubend – völlig unversehrt, ohne jede Beschädigung, ohne jede Verformung auszutreten. Denn diese magische Kugel, die später als „Beweisstück“ präsentiert wurde, wies tatsächlich keinerlei Verformungen auf. Physikalisch ist das zwar völlig unmöglich, aber wer möchte schon einen offiziellen, hochseriösen Regierungsbericht anzweifeln? Vielleicht war die Kugel auch ein Goethe-Fan: „Habe nun, ach, Leiber, Rippen und Handgelenke durchaus studiert mit heißem Bemüh‘n. Nun lieg‘ ich hier, ich armes Geschoss, an dem die Physik vorüberfloss.“ In diesem Zusammenhang dürfte außerdem interessant sein, dass der Leibarzt Connallys aussagte, die Kugel, die den Gouverneur traf, sei nicht die selbe gewesen, die dem Präsidenten fatale Verletzungen zufügte. Gelogen? Röntgenaufnahmen von Connallys Handgelenk zeigten Knochenfragmente sowie Metallsplitter der Kugel. Die von der Kommission präsentierte „magische Kugel“ war jedoch völlig unversehrt – abgesehen von einer kleinen Kerbe, die aber erst später vom FBI durch eine Entnahme für eine metallurgische Analyse erzeugt wurde. Welche Darstellung stimmt nun?

Zweitens: Entgegen der offiziellen Darstellung, die Gattin des Präsidenten, Jackie Kennedy, habe versucht, über das Heck aus der Limousine zu fliehen, gab diese selbst zu Protokoll, sie habe sich über den Kofferraum gebeugt, um ein Stück von Kennedys Schädel aufzuheben, das nach hinten geflogen war. Sie habe verzweifelt versucht, die klaffende Austrittswunde am Hinterkopf des Präsidenten mit den Händen irgendwie zusammenzuhalten. Clint Hill, ein Agent des Secret Service, der auf dem Trittbrett des Wagens hinter der Präsidentenlimousine fuhr, bestätigte dies in seiner eigenen Aussage. Hill sagte aus, als er dem Präsidenten und seiner Frau zu Hilfe eilen wollte, habe er eine faustgroße Austrittswunde am Hinterkopf Kennedys bemerkt; die rechte Hälfte des hinteren Schädels habe gefehlt, Stücke davon sowie Gehirnmasse seien auf dem Rücksitz und dem Wagenheck verteilt gewesen. Dies aber widerspricht der offiziellen Version, denn hätte die Kugel Kennedy tatsächlich von hinten erwischt, wäre eine kleine Eintrittswunde am Hinterkopf die Folge gewesen, während die schlimmsten Verletzungen beziehungsweise Zerstörungen im Gesicht erfolgt wären. Es soll sich aber um einen Einzeltäter gehandelt haben, der von hinten (aus dem sechsten Stock des Schulbuchhauses) schoss. Tatsächlich präsentierte die regierungsamtliche Untersuchung später Fotos, die ein kleines Eintrittsloch am Hinterkopf zeigen sollen. Angeblich. Denn ob es sich dabei tatsächlich um eine Schusswunde handelt, ist bis heute umstritten, und zwar nicht nur unter Verschwörungsraunern. Merkwürdig ist außerdem, dass Angestellte des Parkland-Krankenhauses, in das der Präsident verbracht wurde – über 30 Ärzte und Schwestern –, übereinstimmend aussagten, die Angaben Jackie Kennedys und Hills seien korrekt; auch sie hätten eine klaffende Wunde am Hinterkopf erkannt. Was ist denn das wieder für ein Chaos? Wer sagt denn nun die Wahrheit? Und warum wollte die Warren-Kommission Jackie Kennedys Aussage nicht in den Bericht aufnehmen? Gute Frage, die bis heute hochseriös unbeantwortet blieb.

Drittens: Die Aussagen der über 30 Ärzte und Schwestern sowie Jackie Kennedys und Clint Hills wurden auch von einem Polizeibeamten namens Bobby Harkiss unterstützt, der knapp hinter der Limousine auf einem Motorrad fuhr. Er sagte, kurz nach den Schüssen auf Kennedy, als er seine Aufmerksamkeit auf den getroffenen Präsidenten richtete, habe er klar erkennen können, dass der Präsident eine Schusswunde im Gesicht erlitten habe – er sei von vorne getroffen worden, nicht von hinten. Auch er habe Blut, Teile des Gehirns und Schädelfragmente auf dem Autoheck gesehen, ein Teil davon spritzte ihm dabei auch ins Gesicht, auf seine Uniform und sein Motorrad.

Viertens: Einige Polizisten sprangen von ihren Motorrädern, um den berühmten „Grassy Knoll“ hinaufzueilen, den begrasten Hügel, von wo aus zahlreiche Augenzeugen einen Schuss gehört haben wollen; auch eine kleine Wolke weißen Pulverdampfes sei über einer Stelle hinter dem Zaun auf dem Hügel zu sehen gewesen. Einer der Beamten, Joe Marshal, sagte gegenüber der Warren-Kommission aus, er habe dort Schießpulver gerochen, als sei unmittelbar davor von diesem Platz eine Waffe abgefeuert worden. Als er auf einem angrenzenden Parkplatz einen Mann bemerkte, der ihm verdächtig vorkam, stellte er diesen mit gezogener Waffe zur Rede. Der Herr wies sich als Agent des Secret Service aus. Dann fielen den Beamten zwei andere Männer auf, die wie von der Tarantel gestochen davonliefen; allerdings konnten sie diese nicht mehr einholen.

Fünftens: Das selbe sagten die 15 Bahnarbeiter aus, die unter dem „Triple Underpass“, der nahegelegenen dreifachen Unterführung, arbeiteten – auch sie waren überzeugt, dass die Schüsse von einer Stelle hinter dem Zaun auf dem Grashügel abgegeben wurden. Als sie dorthin liefen, um nachzusehen, fanden sie „muddy footprints“ (matschige oder schlammige Schuhabdrücke) sowie ein Häuflein Zigarettenstummel, als hätte sich dort jemand längere Zeit aufgehalten. Die Warren-Kommission ließ dazu verlautbaren, die Augenzeugenberichte, die von einer kleinen Wolke weißen Rauchs sprachen, die sie auf dem „Grassy Knoll“ gesehen haben wollen, könnten nicht stimmen – mit der lächerlichen Begründung, Gewehre verursachten keine solchen Rauchwolken. Erstens tun sie das sehr wohl, zweitens erst recht, falls sie vorher bei einer Reinigung der Waffe im Lauf geölt wurden. Ein Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses verblüffte die amerikanische Öffentlichkeit in den 80er Jahren durch seine Schlussfolgerungen zum Mord an JFK: Man habe wissenschaftliche Beweise dafür, dass von besagter Stelle hinter dem Zaun tatsächlich geschossen worden sei. Damit aber wäre die Theorie vom Einzeltäter im Schulbuchhaus widerlegt.

Sechstens: Es mag ein unbedeutendes Detail am Rande und vielleicht wirklich nur reinem Zufall geschuldet sein, aber warum schoss ein Offizier der „Army Intelligence“, James W. Powell, kurz vor dem Attentat Fotos der Vorderseite des Schulbuchhauses? Diese Information wurde deshalb Teil der amtlichen Version, da Powell sich nach dem Attentat, als das „School Book Depository“ abgeriegelt wurde, im Gebäude befand und seine Personalien vorzeigen musste, um es wieder verlassen zu können. Was hatte er im Schulbuchhaus zu suchen – und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt?

Siebtens: Bob West, County Surveyor von Dallas County, wurde vom Magazin „Time Life“ engagiert, um am Montag nach dem Attentat eine Untersuchung der Dealey Plaza durchzuführen. Am Ende seiner Ermittlungen, die er zusammen mit einigen Agenten des Secret Service sowie Mitarbeitern des Magazins durchführte, gelangte das Team zum Schluss, es sei völlig unmöglich, dass ein Einzelner dieses Attentat durchgeführt haben könnte. Etwas später, im Frühling 1964, untersuchte West zusammen mit Chester Breneman den Tatort noch einmal – dieses Mal im Auftrag der Warren-Kommission. Sie fertigten eine Skizze der Dealey Plaza und des Tathergangs an, inklusive einiger Notizen, die von mehreren Schützen beziehungsweise von von unterschiedlichen Orten aus abgefeuerten Schüssen sprachen. Die Warren-Kommission übernahm die Zeichnungen – entfernte aber die Notizen.

Achtens: Jim Marrs legte den „Zapruder-Film“ elf Experten für Bild- und Videobearbeitung in Hollywood vor. Alle elf kamen zum Schluss, der Film sei manipuliert worden. Zum einen sei an manchen Stellen, so behaupten sie, zu erkennen, dass Retuschen vorgenommen wurden – beispielsweise an Kennedys Hinterkopf, um die große Austrittswunde kurz nach dem tödlichen Schuss zu kaschieren, zum anderen sei eine kurze, zwei- oder dreisekündige Sequenz entfernt worden, die angeblich gezeigt habe, dass ein Hinweisschild auf den „Stemmson Freeway“ von einer Kugel getroffen wurde. Dieses Schild wurde übrigens abmontiert und verschwand auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung. Warum? Denn sollte es tatsächlich von einem Schuss getroffen worden sein, wäre die These vom Einzeltäter nicht mehr haltbar, da es sich nicht in Oswalds Schusslinie auf den Präsidenten befand. Die Behauptung, in der Version des Zapruder-Films, die der Öffentlichkeit präsentiert wurde, hätten einige Frames gefehlt, deckt sich auch mit den unterschiedlichen Numerierungen der Frames im ursprünglichen Bericht von West und Breneman auf der einen sowie demjenigen der Warren-Kommission auf der anderen Seite. Die Numerierungen stimmen nicht überein, im Bericht der Kommission scheint an den Zahlen herumgepfuscht worden zu sein.

Neuntens: Noch in derselben Nacht, also am 22.11.1963, beschlagnahmte das FBI sämtliches Beweismaterial, um es nach Washington zu verfrachten. Niemand wurde zu diesem Zeitpunkt darüber informiert, nicht die Dallas Police, nicht die Presse. Jesse Curry, Chef der Polizei von Dallas, sagte aus, er habe sich kurz danach sehr gewundert, dass das gesamte Material abtransportiert worden war, schließlich habe er seine Untersuchung noch lange nicht abgeschlossen gehabt, unter anderem auch die Tatwaffe nicht vernünftig unter die Lupe nehmen können. Man habe ihm daraufhin nur ein paar Fotos der Beweisstücke überreicht, mehr nicht, von den Beweisen selbst sah er nie wieder etwas. Als er gefragt wurde, warum er sie denn nicht zurückverlangt habe, antwortete Curry, er habe mehrere Anrufe aus Washington erhalten, von wo man ihm beschied, eine „hochrangige Persönlichkeit“ habe verlangt, das Beweismaterial zurückzuhalten. Bei dieser Person handelte es sich um Cliff Carter, Lyndon Baines Johnsons rechte Hand. Das Beweismaterial befand sich bereits drei Tage lang im Besitz des FBI, als man der Öffentlichkeit am Dienstag, den 26. November 1963, mitteilte, man habe die Bundespolizei erst jetzt darum gebeten, sich an den Ermittlungen zu beteiligen. In diesem dreitägigen Zeitraum hätte man mühelos echte Beweise entfernen oder falsche hinzufügen können, denn außer dem FBI hatte niemand Zugang zu den Beweisstücken. Eine Kontrolle von außen, zum Beispiel durch andere Behörden, gab es nicht.

Zehntens: Laut offizieller Darstellung wurden Oswalds Fingerabdrücke auf dem Gewehr gefunden, die seine Täterschaft eindeutig belegen sollen. Bitte im Hinterkopf behalten, dass sämtliches Beweismaterial noch am Abend des Attentats vom FBI beschlagnahmt und drei Tage unter Verschluss gehalten wurde. Am Samstag, den 23. November, also einen Tag nach den Schüssen auf den Präsidenten, hieß es in einem von J. Edgar Hoover unterschriebenen Dokument, es seien keine Fingerabdrücke Oswalds gefunden worden, weder auf den Patronen noch dem Magazin oder dem Gewehr. Am Sonntag wurde die Waffe nach Dallas zurückgeschickt. Am Morgen danach, also Montag früh, brachten zwei FBI-Beamte das Gewehr in das Beerdigungsinstitut, in dem sich laut einem Zeitungsbericht ein FBI-Team mit einer Fotokamera sowie einem Köfferchen mit einer Ausrüstung für kriminalistische Untersuchungen aufgehalten haben soll. Sie hätten, so hieß es, sehr viel Zeit im Leichenschauhaus verbracht, wo Oswalds Körper aufbewahrt wurde. Paul Groody, der Betreiber des Instituts, sagte aus, er sei dabei gewesen und habe mit angesehen, wie die Beamten Oswalds Hände auf das Gewehr drückten, um entsprechende Fingerabdrücke zu erhalten. Die Warren-Kommission bezeichnete auch Groody später als „unglaubwürdigen Zeugen“.

Elftens: Kurz nachdem Oswald im Hauptquartier der Polizei von Dallas eintraf, versuchten die Beamten zu Beginn des Verhörs zunächst – wie es üblich ist –, seine Identität festzustellen. Oswald trug zwei Ausweispapiere bei sich; einmal firmierte er unter dem Namen „Lee Harvey Oswald“, außerdem trat er als „Alex James Hidell“ auf. Als er gefragt wurde, wer er denn nun sei, antwortete er: „Ihr seid doch die Cops, findet es selbst heraus.“ Zu diesem Zeitpunkt, da die Identität Oswalds von der Dallas Police noch nicht einmal richtig ermittelt, geschweige denn irgendetwas über seinen Hintergrund bekannt war, rief J. Edgar Hoover bereits den Bruder des Präsidenten, Robert Kennedy, an, um diesem mitzuteilen, man habe in Dallas einen gewissen Lee Harvey Oswald festgenommen, einen Ex-Marine, der sich für längere Zeit in Russland aufgehalten habe. Es handele sich um einen ganz üblen Charakter, einen Verrückten. Die Beamten in Dallas wussten noch nicht mal, wen sie da vor sich hatten – Hoover aber waren bereits Name sowie Details aus dem Lebenslauf des Täters bekannt. Diese Information kam an die Öffentlichkeit, als 1977 circa 80.000 FBI-Dokumente in der Sache John F. Kennedy veröffentlicht wurden.

Zwölftens: In der offiziellen Version hieß es, Oswald sei eigentlich nie auf dem „Radar“ der Regierung beziehungsweise der Nachrichten- und Geheimdienste erschienen, er sei ein Unbekannter gewesen, mehr oder weniger ein „Niemand“. Drei Jahre vor dem Attentat, 1960, schickte J. Edgar Hoover jedoch ein Memorandum ans State Department, in dem er davor warnte, ein „impostor“, also ein Hochstapler, könne unter dem Namen „Lee Harvey Oswald“ auftreten, um dessen Identität zu missbrauchen. Das ist natürlich gleich in mehrfacher Hinsicht höchst bemerkenswert. Erstens deshalb, weil es die Behauptung widerlegt, Oswald sei ein Unbekannter gewesen. Zweitens, weil Hoover nicht etwa vor Oswald warnte, sondern davor, jemand anderes könnte sich seines Namens bedienen. Warum machte sich der Chef des FBI höchstpersönlich Sorgen um einen möglichen „Identitätsraub“ Oswalds? Spielte Oswald für das FBI irgendeine wichtige Rolle? Falls ja, welche? Allerdings wäre auch hier zunächst mal genau zu ermitteln, ob das entsprechende Dokument (Hoovers Memo) nun echt oder eine Fälschung ist.

Dreizehntens: Die raunende Verschwörungsschwachmatin Jackie Kennedy sagte mehrfach aus, sie sei davon überzeugt, Lyndon B. Johnson sowie einige andere Persönlichkeiten aus den oberen Etagen der Regierung hätten ihre Finger im Spiel gehabt. 17 Jahre nach dem Tod Jackie Kennedys übergab ihre Tochter, Caroline Kennedy, die Tonbänder mit Jackies Aussagen dem Fernsehsender ABC. Die Betreiber des Senders waren vom Inhalt schockiert, sie sagten, die Bänder enthielten „sehr explosives Material“. Auch Robert Kennedy vermutete Ähnliches. Er fragte Lyndon B. Johnson einmal: „Why did you have my brother killed?” („Warum haben Sie meinen Bruder ermorden lassen?“). Ein Beweis im wissenschaftlichen Sinne ist das selbstverständlich noch lange nicht. Man darf doch aber sicher die Frage stellen, ob Robert F. Kennedy, der auch danach nicht locker ließ und immer wieder auf eine neue Untersuchung des Attentats in Dallas drängte, möglicherweise deshalb etwas später ebenfalls einem Mordanschlag zum Opfer fiel...

Vierzehntens: Jerrol F. Custer, der die Röntgenaufnahmen für die Autopsie Kennedys im Bethesda Naval Hospital anfertigte, sagte später, die Aufnahmen, die der Öffentlichkeit im „National Archive“ zugänglich sind, seien Fälschungen, es handele sich dabei nicht um die von ihm angefertigten. Ein Spinner?

Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um zu verdeutlichen, dass eben doch noch nicht hundertprozentig geklärt ist, ob Oswald tatsächlich ein Einzeltäter war oder es mehrere Schützen gab. Auch die Glaubwürdigkeit beziehungsweise „Seriosität“ des Berichts der Warren-Kommission darf – zumindest in einigen Punkten – durchaus angezweifelt werden.

Die möglichen Motive für ein „häusliches“ Mordkomplott gegen John F. Kennedy dürften mittlerweile hinlänglich bekannt sein und wurden schon oft genug durchgekaut, daher seien sie hier im Schnelldurchgang abgewickelt:

Kennedy stellte sich gegen das kriminelle Bankenkartell hinter der Federal Reserve. Er gab auf Grundlage der „Executive Order 11110“ vom Juni 1963 statt der ungedeckten, beliebig vermehrbaren „Federal Reserve Notes“ silbergedeckte (!) „United States Notes“ heraus. Von diesem Geld sollen sich bis zur Ermordung Kennedys im November bereits circa 4,3 Milliarden Dollar in Umlauf befunden haben. Eine der ersten Amtshandlungen seines Nachfolgers Lyndon B. Johnson bestand darin, diese Noten rappzapp wieder aus dem Verkehr zu ziehen. Sich mit dem mächtigsten Verbrechersyndikat der Welt, dem Federal Reserve System, anzulegen, das über das Wohl und Wehe der Finanzmärkte nicht nur Amerikas, sondern der Welt bestimmen kann, also ein Machtinstrument von globaler Schlagkraft in der Hand hält – wenn das kein starkes Motiv für ein Attentat ist, was dann?

Kennedy legte sich außerdem mit der Central Intelligence Agency an. Für Kennedys Geschmack war die CIA zu mächtig, sie handele, wie er sich einmal ausdrückte, am Präsidenten sowie dem Kongress vorbei und ermächtige sich selbst zu kriminellen Aktivitäten rund um den Globus. Eines Tages wurde er so wütend, dass er ankündigte, den Geheimdienst „zerschlagen“ und „in alle Winde zerstreuen“ zu wollen. Möglicherweise waren Kennedy auch die massiven Nazi-Verbindungen der CIA bewusst, schließlich fanden nach Ende des Zweiten Weltkrieges Tausende von Nazis, darunter einige notorische Kriegsverbrecher, dort einen neuen Arbeitsplatz, außerdem im Pentagon sowie der Raumfahrtbehörde NASA („Operation Paperclip“). Die „New York Times“ veröffentlichte dazu 2009 einen 600 Seiten starken Bericht, in dem es unter anderem hieß, diese glühenden Nationalsozialisten hätten über 30 Jahre lang (!) verdeckt für die CIA gearbeitet.

Am 3. Oktober 1963 erschien ein Artikel unter dem Titel „The Intra-Administration War in Vietnam“ im selben Blatt, in dem Kennedy warnte, die CIA entwickele sich langsam zu einer bedrohlichen „Schattenregierung“, einem „Tiefen Staat“ innerhalb der US-Regierung. Kennedy: „If the United States ever experience an attempt at a coup to overthrow the government, it will come from the CIA“ („Sollte es in den Vereinigten Staaten jemals den Versuch eines Coups geben, um die Regierung zu stürzen, wird er von der CIA ausgehen“). Einen Monat später war der Mann mausetot. Kleine Anekdote am Rande: Viele Jahre später äußerte sich ein anderer US-Präsident ganz ähnlich, nämlich der krude Dauerrauner Bill Clinton: „There is a government inside the government, and I don't control it“ („Es gibt eine Regierung innerhalb der Regierung, über die ich keine Kontrolle habe“).

Dein Durst entscheidet: War's nun die CIA? Das Pentagon beziehungsweise der militärisch-industrielle Komplex? Lyndon Baines Johnson in Kooperation mit dem damaligen CIA-„Spook“ George Herbert Walker Bush, dessen Name später auch im Zusammenhang mit dem Attentat auf Ronald Reagan in die Schlagzeilen geriet? Alle zusammen? Der KGB? Doch nur Oswald? Oder ein Sith-Lord?

Aber solche Fragen stellt man heute nicht mehr. Zumindest nicht in den geweihten Hallen des deutungshoheitlichen Mainstreamjournalismus, gegen den sich übrigens gerade – einer aktuellen Meldung des „Schweiz Magazins“ zufolge – in den USA und Großbritannien eine stattliche Protestbewegung zusammenbraut. Welch Wunder. Dennoch: Oswald war ein Einzeltäter, basta. Daran wird nicht gezweifelt! Warum nicht? Na, die Wahrheit steht doch in jeder zweiten hochseriösen Zeitung.


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