27. August 2013

Mainstream-Medien Das große Stühlerücken beim „Spiegel“ und anderswo

Wenn „Meinungsbildner“ beliebig austauschbar geworden sind

Der kommende Herbst bei den deutschen Gazetten ist geprägt vom großen Stühlerücken: Nikolaus Blome soll und möchte als stellvertretender Chefredakteur von der „Bild“-Zeitung zum „Spiegel“ wechseln. Dessen zukünftiger erster Mann Wolfgang Büchner kommt von der Presseagentur dpa. Der bisherige „Spiegel“-Leiter Mathias Müller von Blumencron geht zur „FAZ“.

Im Verlagshaus des „Spiegel“ tobt derweil ein Machtkampf. Die alteingesessenen Ressortleiter wehren sich gegen den neuen zweiten Mann von der „Bild“, der ihnen vom neuen ersten Mann vorgesetzt wurde, der selbst seinen Job noch gar nicht angetreten hat. Ausgerechnet vom Blatt der „Brandstifter“, so eine wenig freundschaftliche „Spiegel“-Titelstory über die „Bild“ noch 2011, kommt Blome. Doch das Fremdeln ist nur noch Folklore und weitgehend vorgeschoben. Tatsächlich geht es um Verteilungskämpfe in einem Verlag, dessen fetten Jahre lange vorbei sind, und der nun an einer einzigartigen Eigentümerstruktur, in dem die Mitarbeiter gleichzeitig die Chefs der leitenden Angestellten sind, zu scheitern droht.

In Wirklichkeit ist zwischen „Bild“, „FAZ“ und „Spiegel“ sehr vieles austauschbar, alles beliebig. Springers alte Tante „Welt“ wurde zwischenzeitlich von einem Trupp Ehemaliger der „taz“ eingenommen. Die Presseagentur zählt wie selbstverständlich zu den Meinungsmachern dazu, weshalb auch alle nicht nur dieselben Nachrichten verbreiten, sondern die gleiche Meinung obendrauf setzen.

Wann wird die „Post von Wagner“ mit dem „Spiegel“ ausgeliefert, wann erscheint Augstein-Junior als Klügster Kopf in der „FAZ“, schreibt Frank Schirrmacher für die „Bild“? Nichts ist unmöglich, weil ohnehin alle dasselbe denken und schreiben.

Es liegt mehr an spezifisch deutschen Traditionen denn an prinzipiellen Unvereinbarkeiten, dass nicht auch in der Politik viel mehr gewechselt wird. Würde es irgendjemandem wirklich auffallen, wenn Cem Özdemir zur CDU ginge, Sigmar Gabriel in die FDP wechselte und Angela Merkel oder Rainer Brüderle zu den Sozialdemokraten? Natürlich, es gibt Ausnahmen. Claudia Roth gehört zum grünen Inventar und wäre in der CDU nicht vorstellbar. Oder ist sie dort längst angekommen, leicht verkleidet und unter falschem Namen als Ursula von der Leyen?

War es früher anders? Sehr wohl. Rudolf Augstein in der „Bild“ und Axel Springer für den „Spiegel“ oder die damalige Mitherausgeberin des „Rheinischen Merkur“ Christa Meves in der „Zeit“, in der ausgerechnet dieser „Merkur“ nach ihrem Ausscheiden aufging, wären genauso undenkbar gewesen wie Franz Josef Strauß und Otto Graf Lambsdorff in der SPD oder Herbert Wehner in der FDP oder CDU. Sie alle stehen für unverwechselbare Inhalte, ja für Prinzipien. Sie hatten, was altmodische Menschen noch heute Charakter nennen.

Der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Bok brachte es zuletzt im „Cicero“ auf den Punkt, als er die „Generation G.“ in den Medien beschrieb. Die „Generation Greenpeace, Gender, Gerechtigkeit“ sperre sich gegen Pluralität. Die Pressefreiheit werde „von innen ausgehöhlt“. Diese Generation, so Bok, „die mittlerweile in vielen Redaktionen das Sagen hat, ist sich ihrer eingeschränkten Wahrnehmung gar nicht mehr bewusst. Sie denkt vornehmlich in Freund-Feind-Kategorien und teilt die Welt am liebsten in Gut und Böse ein. Gut ist alles, was den Genderrichtlinien entspricht, mit einem blauen Engel bemäntelt ist, mehr soziale Gerechtigkeit verheißt und vor allem gegen rechts klare Kante zeigt. So hecheln die Dauerbesorgten im medialen Geleitzug von Skandal zu Skandal. Stets die drohende Klimakatastrophe, die Menschheitsvergiftung oder die anstehende Machtübernahme durch Horden von Neonazis vor Augen.“ Und „jede Volontärin – es sind überwiegend weibliche Berufsanfängerinnen mit gesellschaftskritischem Studium – muss ihre Kompetenz erst einmal dadurch beweisen, dass sie einen Winkel ausfindig macht, in dem Frauen noch immer furchtbar benachteiligt werden.“ Dieser „Konformismus lähmt und langweilt“, so Bok.

Diesseits einer unehrlichen Folklore, nach der sich zum Beispiel „Bild“ und „Spiegel“ immer noch nicht richtig lieb haben, teilen sie dieselben Feindbilder (innen alles, was als „rechts“ zu beschimpfen ist, außen die bösen Russen) und die gleichen Freunde (das Establishment innen wie außen). Bei großen Kampagnen arbeiten sie Hand in Hand, etwa gegen Eva Herman oder Christian Wulff – wobei – von wegen „rinks und lechz“ – es die „Bild“ letztlich war, die Herman und Wulff abschoss, und der „Spiegel“ nur assistierte.

Die Mainstream-Medien gleiten wie Raumschiffe alle auf demselben Einheitskurs. Da bedarf es eigentlich keiner Führung, weshalb es auch niemandem auffällt, dass der „Spiegel“ seit Monaten ohne Chefredakteur arbeitet.

Ist es deshalb verwunderlich, wenn eine solche Presse über steten Auflagenschwund klagt? Der Manufactum-Gründer Thomas Hoof drückte es in einem besorgten Brief an die „Süddeutsche Zeitung“ jüngst so aus: „Sehen Sie denn nicht, dass die Mainstream-Medien in Deutschland emsig an ihrer Selbstabschaffung arbeiten? Sie – die Print-Medien – haben Schwierigkeiten nicht, weil Informationen im Internet kostenlos wären, sondern weil sie dort weniger spurfest, linientreu, mitläuferisch und langweilig sind.“

Und weniger austauschbar.


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