23. August 2013

Umfragewerte der Alternative für Deutschland (AfD) Lieber mehr als zehn Prozent

Über Stimmungsmacher und Meinungsforscher

Viele Wähler sind bestrebt, ihre Stimme „nicht zu verschenken“. Man wählt also Parteien, von denen angenommen wird, dass sie auch im Parlament landen. Das macht den Klein- und Splitterparteien ihr Leben noch ein bisschen schwerer als ohnehin – und viele in der so hoffnungsvoll gestarteten Alternative für Deutschland (AfD) inzwischen nervös. Denn wenn die erste Wahl oder auch nur das „geringste Übel“ unter fünf Prozent zu landen droht, wird lieber das zweit- oder drittgeringste Übel gewählt. Soweit, so bekannt.

Doch führt dieser Umstand die Meinungsforschungsinstitute in Versuchung. Eine zum Beispiel rechtsextreme Partei, die eigentlich um fünf Prozent liegt, von den Instituten aber mit zwei bis drei Prozent „ausgewiesen“ wird, landet dann auch bei zwei bis drei Prozent. Die sich selbst erfüllende Prognose bestätigt „postum“ auch noch die Übeltäter, die ja eigentlich geflunkert hatten.    

Würde ihnen das irgendwer im Land übel nehmen, wenn es, sagen wir mal, die NPD träfe? Problematisch wird die „Notlüge“ für die Meinungsforschungsinstitute allerdings dann, wenn die zu treffende Partei tatsächlich eher bei 15 als bei nur fünf Prozent liegt. Hält dann das Meinungsforschungsinstitut seine kleine Schweinerei bis kurz vor der Wahl durch, steht es nachher als der große Wahlverlierer dar.

So geschehen zum Beispiel den Meinungsforschern von Allensbach, als sie gut eine Woche vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg 1992 den Republikanern 4,5 Prozent voraussagten und diese trotz alledem in der Realität bei 10,9 Prozent landeten. Auf wundersame Weise wiederholte Allensbach genau denselben „dummen Fehler“ vier Jahre später, als die „Forscher“ 1996 den im „Ländle“ damals immer noch sehr starken Republikanern vier Prozent kurz vor der Wahl voraussagten, es dann aber wieder 9,1 Prozent wurden. Das Doppeldesaster war so peinlich fürs angesehene Institut, dass die Geschäftsführerin Renate Köcher unter großem Druck und Fragen, wie das passieren konnte, plötzlich mit der Wahrheit rausrückte. Man habe die viel höheren Zahlen ja „vorliegen gehabt, aber wir wollten nicht durch die Veröffentlichung der Umfragedaten vor der Wahl eine Sensation schaffen in dem Sinne, dass dann jeder nur noch über die Republikaner gesprochen hätte.“ Bleibt die Frage, wieviel Prozent der Wählerstimmen die Republikaner damals ohne derartige Manipulation nach unten erreicht hätten.

Und das Bestreben der Meinungsforschungsinstitute, solche Blamagen in Zukunft lieber zu vermeiden. Und das geht, indem man Monate und Wochen vor der Wahl die Zahlen ein wenig manipuliert. Liegen dann die „zu drückenden Parteien“ kurz vor der Wahl tatsächlich bei ungefähr fünf Prozent, bleibt man sich treu, weist weiter zwei bis drei Prozent aus und behält am Ende recht, weil auf den Wähler verlass ist, der seine Stimme nicht verschenken möchte. Nur wenn kurz vor der Wahl der Drückkandidat doch hartnäckig im zweistelligen Bereich verbleibt, gibt man in der letzten Umfrage vor der Wahl die Lügenstrategie auf (die ja ohnehin gescheitert ist) und großzügig acht oder neun Prozent zu. Die ehrenwerten „Forscher“ sprechen dann von einem „plötzlichen Meinungsumschwung kurz vor der Wahl“. Ein Beispiel?

Bei der Landtagswahl in Sachsen am 19. September 2004 errang die NPD 9,2 Prozent. Den gesamten August über hatten alle Meinungsforschungsinstitute die NPD zwischen zwei (IfM) und vier Prozent (Forsa) taxiert. Dann plötzlich, elf Tage vor der Wahl, präsentierte Infratest Dimap mit sieben Prozent für die Nazipartei eine Sensation, die offenbar selbst durch die niedrigen „Umfragenwerte“ zuvor nicht mehr zu verhindern war. Einen Tag später wollte auch die Forschungsgruppe Wahlen das wahre Elend nicht mehr verbergen und sagte die neun Prozent voraus, die am Ende übertroffen wurden.

Ja, die Stimmungsmacher alias Meinungsforscher haben es nicht einfach. Ihre „Rohdaten“ veröffentlichen sie ohnehin nie, die müssen ja mit geheim gehaltenen Formeln „gewichtet“ werden. Hier öffnet sich der Interpretationsspielraum, eine Manipulation, die jeder „Wahlforscher“ offen zugibt.

Was hat dies nun mit der Alternative für Deutschland zu tun? Alle großen Meinungsforschungsinstitute sehen die AfD noch gut vier Wochen vor der Bundestagswahl zwischen einem und drei Prozent. Wer in diesen Tagen mit Bürgern spricht, ahnt, dass auch hier etwas nicht stimmen könnte. Die Vermutung wird bestätigt von sogenannten Wahlbörsen, die unabhängig von den auftragsgebundenen Meinungsforschungsinstituten Stimmenanteile der Parteien wie Aktien handeln lassen. Mit tatsächlichem Geldeinsatz der „Spieler“, was die Prognose noch einmal verbessert. „Mit gutem Politik-Gespür und Schwarmintelligenz lässt sich hier Rendite machen“, berichtete jüngst die „Welt“. Vergleiche in den USA zeigten, so die „Welt“, dass die Wahlbörsen mit ihren Voraussagen im Zweifel näher an der Wahrheit liegen als die Meinungsforscher samt ihrer Rohdatengeheimgewichtung. Und bei der größten Wahlbörse in Deutschland (boerse.prognosys.de) liegt die AfD seit Wochen konstant über der 5-Prozent-Hürde.

Wenn also an der Vermutung irgend etwas dran ist, dass an den ein bis drei von den Meinungsforschungsinstituten für die AfD bei der Bundestagswahl vorhergesagten Prozent irgend etwas nicht stimmt, dann wird sich daran im August nichts mehr ändern.

Spannend werden die Werte der AfD erst ein bis zwei Wochen vor der Wahl. Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, deutete kürzlich bereits an, dass dann mit einer „Überraschung“ zu rechnen sein könnte. Im „Fall der AfD“, raunte Güllner vielsagend, „bin ich tatsächlich unsicher geworden, ob sich da nicht noch etwas bewegt bis zur Wahl“. Doch noch tut auch Forsa alles dafür, dies zu verhindern, und weist für die AfD satte zwei Prozent aus. Denn die vermeintlich so neutralen „Forscher“ mögen weder die AfD noch ihre Wähler, die, so Güllner, „gerne Verschwörungstheorien glauben nach dem Motto: In Berlin dominiert ohnehin ein Einheitsbrei aus den etablierten Parteien, der Wirtschaftselite und Teilen der Medien“.

Die AfD täte gut daran, kurz vor der Wahl recht eigentlich im zweistelligen Bereich zu liegen. Dann klappt’s auch mit der Prognose, plötzlich. Wetten, dass?


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