08. August 2013

Russland Es geht nicht um Schwule, sondern um Meinungsfreiheit

Deutsche Journalisten fischen mal wieder im Trüben

Der Kalte Krieg war gestern. Und heute. Ein bisschen Pussy Riot ist jeden Tag. Das Reich des Bösen ist in der deutschen Presse längst wieder das Russische. Geführt von Putin, dem Diktator, Stalinisten und Faschisten mindestens. Der in Moskau lebende Geschäftsmann Thomas Fasbender beschreibt die von hiesiger Überheblichkeit belasteten deutsch-russischen Beziehungen vor der Bundestagswahl in der aktuellen eigentümlich-frei-Ausgabe (ef 135) unter der Überschrift „Gelenkte Demokratie: Berlin ruft Moskau zur Ordnung“. Russland, so Fasbender, „verweigert sich“ nämlich: „Die Menschen mögen aussehen wie Europäer, aber an das große, letzte Beglückungsprojekt des Kontinents glauben sie nicht.“

Nebenbei lässt sich mit dem Russland-Bashing prima von den eigenen Problemen ablenken. Wollt ihr den totalen Steuer-, Umverteilungs-, Interventions- und Überwachungsstaat? Wollt ihr ihn totaler und aggressiver und mit immer noch mehr Kredit finanziert, als ihr es euch überhaupt vorstellen könnt? Klar doch, weil schließlich überall die todbringenden Megagefahren lauern – von oben (Erderwärmung), innen (der Nazi in uns) und außen (Moskau eben).

Jüngster Aufhänger für die kollektive Russland-Schelte der deutschen Journaille ist das Verbot „homosexueller Propaganda“ auch während der kommenden olympischen Winterspiele in Sotschi. Aus dem Verbot, gegenüber Kindern und Jugendlichen für Homosexualität zu werben, macht die deutsche Presse ein „Anti-Homo-Gesetz des menschenverachtenden Putin-Regimes“ („Cicero“) oder eine „Verfolgung von Lesben und Schwulen durch ein Menschenrechte mit Füßen tretendes Unrechtsregime“ (Silke Burmester im „Spiegel“). Der Hinweis, dass die Russen im Allgemeinen und Putin im besonderen „homophob“, also irgendwie (angst-) krank, seien, fehlt dieser Tage in keiner deutschen Zeitung. Zu erwarten ist, dass entsprechend freundliche „Auslandsberichterstattung“ bis zum Beginn der russischen Olympischen Spiele in Sotschi noch zunehmen werden.

Da war es nur eine Frage der Zeit, dass die Presse den Klassiker schlechthin aufgreift: Wer irgend etwas an Homosexuellen kritisiert, ist vermutlich selber schwul. Weshalb nun also der „Spiegel“ endlich fragt: „Ist Putin schwul?“ Hihi hoho, denn: „Wie bei allen phobischen Störungen maskiert auch die Homophobie oft nur eine tief sitzende Angst vor eigenen unterdrückten Persönlichkeitsanteilen, wie man seit langem aus der Psychologie weiß.“ Wobei dieselbe Wissenschaft auch einiges darüber lehrt, wer warum Andersdenkende als krank beschreibt. Da ist dann, das weiß der „Spiegel“ selbst, der Weg „zum Progrom nur ein kleiner Schritt“.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die russischen Gesetze gegen homosexuelle Propaganda sind als Einschränkung der Meinungsfreiheit falsch und tatsächlich kritikwürdig. So wie jede andere gesetzliche Beschneidung der Meinungsfreiheit auch. Strafbar ist in Russland nicht die homosexuelle Handlung und schon gar nicht die Homosexualität, sondern die Verkündung bestimmter Auffassungen. Die Gesetze treffen also auch einen anderen Personenkreis als den der Homosexuellen. In Deutschland wäre etwa Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Katholik, verheiratet, drei Kinder, von einem solchen Meinungsverbot betroffen, wenn er mal wieder ein Grußwort zum Christopher-Street-Day verfassen wollte. Und umgekehrt sind zum Beispiel sehr konservative (und staatsgläubige) Schwule, die entsprechende „Propagandaverbote“ gutheißen (auch die gibt es), gerade nicht berührt.

Der Hinweis ist dabei weniger trivial, als es zunächst den Anschein haben könnte. Die Homosexualität als solche war nämlich doch jahrzehntelang in Russland strafbar, und zwar in der Sowjetunion von 1933 an bis zu deren Ableben 1991. Es ist allerdings nicht bekannt, dass zum Beispiel ein „Spiegel“-Vorgänger der Kollegin Burmester, die nun in deutscher Gründlichkeit den weltwestlichen Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi fordert, damals entsprechende Ansinnen für Großveranstaltungen in der Sowjetunion geäußert hätte.

Zwar wurden die Olympischen Spiele in Moskau 1980 vom Westen boykottiert, aber nicht wegen seinerzeit tatsächlich bestehender Anti-Homo-Gesetze, sondern aufgrund des Einmarsches von Truppen der Gastgeber in Afghanistan. Aus demselben Grunde könnten und müssten deutsche oder amerikanische Politiker und Journalisten heute einen breiten Boykott von Spotveranstaltungen zum Beispiel in den USA und Deutschland fordern. Aber der Zeitgeist wandelt sich bekanntlich.

Nur in einem bleiben sich deutsche Journalisten immer treu, wenn ihre Finger stets auf andere zeigen, statt einmal vor der eigenen Haustüre zu kehren. Dabei gibt es so einige Einschränkungen der Meinungsfreiheit auch hierzulande. Man frage zum Beispiel Horst Mahler, warum dieser im Gefängnis sitzt. Ohnehin sind Nazis in Deutschland noch weit unbeliebter als Schwule und Lesben in Russland.

Noch wichtiger als die richtige Meinung ist Politikern die richtige Fahne. Die eigenen Farben werden mit Vorliebe wedeln gelassen, die anderen am liebsten verboten. In Russland betrifft das nun die schwule Regenbogenfahne und in Deutschland die Hakenkreuzflagge. Zuwiderhandlungen sind strafbar, und nicht zu knapp.

Deutsche Journalisten bemerken Einschränkungen der Meinungsfreiheit für unbeliebte Minderheiten im eigenen Lande nur sehr selten. Schon gar nicht wittern sie eine weitverbreitete Naziphobie, obwohl die Annahme einer solchen „Krankheit“ eine gewisse Berechtigung hätte. Immerhin wird in der hiesigen Presse täglich der Nazi durchs Dorf getrieben, während das Thema Homosexualität die russischen Journalisten und Menschen, ja selbst die meisten Besucher der Schwulen-Clubs in Moskau,  allenfalls praktisch und politisch sonst eher wenig interessiert. Handlungsreisende wie Volker Beck gelten nicht nur bei heterosexuellen Russen als nervig.

Hat es je eine Gesellschaft völlig ohne Tabus geben? Kann es sie überhaupt geben? Womöglich sind solche Verbote Grundbedingung für Gesellschaft. Sie hängen eng mit dem jeweiligen Gründungsmythos zusammen. Der Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland ist laut Ex-Außenminister Joschka Fischer der Holocaust. Entsprechend ist die Leugnung des Holocaust und das Schwenken der Farben, unter denen dieses Mega-Verbrechen stattfand, strafbar. Russland bemüht mythologisch den Bezug auf die Geschichte und Lehren der russisch-orthodoxen Kirche, die Homosexualität kritisiert. Auch hier folgen die entsprechenden Verbote nur dem Mythos.

Mythen ändern sich. Und mit ihnen die Tabus. Für sie gilt deshalb, dass sofern sie nicht ganz abzuschaffen sind, es dann nur lieber möglichst wenige sein sollten. Wenn in Russland also das Schwenken der Regenbogenfahne verboten ist, dann ist das zwar kritikwürdig. Aber anders als in vielen muslimischen Ländern und anders als noch in der kommunistischen Sowjetunion werden Schwule in Russland heute nicht mehr verfolgt.

Die Entwicklung in Deutschland verläuft eher besorgniserregend. Die Meinungsverbote wurden in den letzten Jahren bereits ausgeweitet. Noch betreffen sie Holocaustleugner und „Rechtsradikale“. Aber auch und gerade die über Russland so besorgten deutschen Journalisten sind nicht ganz unverantwortlich für ein Meinungsklima, in dem es bald auch Klimaleugner, Feminismuskritiker und Liberale treffen könnte. Als kürzlich die Seite eins des Feuilletons der „Süddeutschen Zeitung“ gegenüber einen libertären Autor und dessen durchaus angesehenen Verlag nach dem Staatsanwalt rief, wurde dieser Skandal von keiner einzigen deutschen Zeitung bemerkt und kritisiert.

Denn dort war man mit anderen Themen beschäftigt, im Zweifel mit den bösen Russen. Ganz besonders schlimm finden deutsche Journalisten, dass die russische Politik ihre Meinungsgesetze nicht einfach für die Dauer der Olympischen Spiele außer Kraft setzt. Hätte nicht auch Peking bei der Olympiade 2008 das Hissen der tibetischen Flagge erlauben müssen? Sollte nicht auch die deutsche Regierung für die Dauer der nächsten sportlichen Großveranstaltung zum Beispiel der iranischen oder palästinensischen Delegation erlauben, Hakenkreuzfähnchen im Wind zu schwenken? Und falls ja: Würden damit nicht entsprechende Demonstranten erst motiviert, die Spiele für ihre Ziele zu zweckentfremden? Halten Burmester und Co. die Russen also nicht nur für krank, sondern auch für blöd? Und ihre deutschen Leser noch dazu?

Nochmal: Die öffentliche Werbung für Homosexualität hat nichts mit zum Beispiel der öffentlichen Verehrung von Nazis wie Adolf Hitler oder Ernst Röhm gemein. Außer der Tatsache, dass beides irgendwo verboten ist. Und Meinungsfreiheit ist entweder für jedes Anliegen gültig, oder sie gilt nicht.

Die erste und vornehmste Aufgabe von Journalisten überall auf der Welt ist das unbedingte Eintreten für Meinungsfreiheit im eigenen Land. Amerikanische Journalisten wissen das. Deutsche Journalisten sollten es lieber lernen, anstatt 72 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion mal wieder großkotzig die Russen für geisteskrank und doof zu erklären, um ihnen hintenrum auch noch das „letzte Beglückungsprojekt des Kontinents“ aufzudrängen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige